In einsamer Drittheit zu Tisch mit den Binaritäten
Wenn ich mich früher innerlich zurückzog, weil ich mich nicht weiter auseinandersetzen wollte, zog ich mich gedanklich und in großer Naivität in eine sogenannte Jaranga hinter den Polarkreis zurück. Die Jaranga – eine traditionelle tschuktschische Behausung, die den nordamerikanischen Tipis nicht unähnlich ist – steht weit weg auf der Tschuktschenhalbinsel und ist durch ihre dünnen Wände ganz nah an der Natur dran. So nah, dass man in der Nacht durch das laute Bersten der Eisschollen geweckt werden kann. Die Jaranga steht fernab von aller mir bekannten Zivilisation, und ganz besonders fern von Büchern über Zivilisation. Die Vorstellung eines angeblichen „Rückzugs“ und angeblicher „Zivilisationsferne“ auf der Tschuktschenhalbinsel habe ich einem Buch des tschuktschisch-russischen Autors Juri Sergejewitsch Rytcheu entlehnt (Unter dem Sternbild der Trauer). Ich muss wohl nicht näher ausführen, warum es sich um eine völlig naive und falsche Vorstellung handelt, man könne sich „von der Zivilisation zurückziehen“. Paradoxerweise handelt das ganze Buch Rytcheus von der Beschäftigung mit Zivilisation, und es ist, wie jede mir bekannte Zivilisationsschrift, von großen binären Furchungen durchzogen. In diesem Fall geht es hauptsächlich um die große Binarität zwischen sowjetischer Zivilisation und schamanischer Tradition südlich der Wrangelinsel.

Ich mache mir heute nicht mehr vor, ich könnte mich von irgendetwas zurückziehen – und ganz besonders nicht von „Zivilisation“. Trotzdem spricht man in der wissenschaftlichen Milieusprache von „Rückzug“ (Denglisch: „Retreat“), wenn man sich in ein Seminarhaus auf einer dänischen Ostseeinsel einschließt, um sich ganz dem Schreiben hinzugeben. Unter „Hingabe“ schreibt man dort sein Buch, so die Vorstellung, und es würde mich einmal interessieren, wie vielen Menschen das wirklich gelingt. Ich begebe mich zwar auch wieder in einen sogenannten „Schreibrückzug“, und zwar in die Welt der Dörfer, allerdings will ich mich dort mit teilweise schwer erträglichen, fürchterlich einfältigen und binären Zivilisationsschriften beschäftigen, wie sie die Welt dem türkischen Akademiker, ehemaligen Berater des Premierministers, ehemaligen Außenminister, ehemaligen Premierminister und schließlich beim wahnsinnig gewordenen türkischen Präsidenten und Möchtegernsultan Recep Tayyip Erdoğan in Ungnade gefallenen Ahmet Davutoğlu zu verdanken hat. Ahmet Davutoğlu hat ein Buch mit dem Titel „Strategische Tiefe“ (Stratejik Derinlik) geschrieben, das interessanterweise übrigens weder ins Englische noch ins Deutsche (wohl aber in jezik*) übersetzt worden zu sein scheint, und mit dem ich mich auseinanderzusetzen habe, weil es gewissermaßen das „Drehbuch“ der türkischen Kulturdiplomatie ist. Dazu gesellen sich die ebenso einfältigen wie binären Zivilisationsschriften von Alija Izetbegović, die mit dem „intellektuellen Werk“ Ahmet Davutoğlus korrespondieren, einen Diskurs bilden, ein running to and fro, zwischen Sarajevo, Ankara, Istanbul, Kuala Lumpur. Mit Entfernungen, wie sie sich für Pan-Vorstellungen und Pan-Bewegungen gehören.
Was heißt hier freischwebende Intelligenz?
Es ist für mich immer noch nicht ohne weiteres hinnehmbar – und es wird wohl mehr an mir liegen – dass anachronistisch werdende Patriarchatsverfechter wie der stets etwas falsch lächelnde Ahmet Davutoğlu oder der großväterlich kolportierte pater familias Alija Izetbegović zu den „Intellektuellen“ gerechnet werden. Es ist mir zwar kein Rätsel mehr, warum das geschieht; auch Samuel P. Huntington wird schließlich als Intellektueller bezeichnet. Wohl aber halte ich es für diskussionswürdig, was alles als intellektuell bezeichnet wird. Um als „intellektuell“ zu gelten, ist freischwebende Intelligenz – ein von Alfred Weber und Karl Mannheim geprägter Begriff – offenbar kein Muss. Sehr oft lese ich, Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen befassten sich mit „intellectual history“ (ja: ich bin mir der sprachlichen Unterschiede bewusst), mit „Intellektuellen“, mit „Ideengeschichte“; was dann oft aus den Archiven und Schriften ausgegraben wird, ist oft grobe Apologetik, sind längst schon dagewesene „Ideen“, ist Nationalismus in diesem oder jenem Gewand, ist Ost-West-Geplänkel. Radikales Infragestellen, was heute als kreative, der Zukunft zugewandte und aus der Erfahrung der Vergangenheit schöpfende Denkarbeit nötiger denn je wäre, bleibt mir zu oft auf der Strecke.
Wie gesagt: es wird an mir liegen. Allein sprachlich und von der Wortwahl erlaube ich mir hier sicherlich Fragen, wie sie die Anstände, Redlichkeiten und Spielregeln des Feldes nicht vorsehen. Aber ich hänge durchaus der Vorstellung an, dass „intellektuell“ eine normative Kategorie sein könnte, die keine festen Regeln kennt, und zwangsläufig mehr Fragezeichen produziert als sicher gewusste Fußnoten. Nicht eine jede und ein jeder, die oder der Ideen zusammenstellt, ist (meiner bescheidenen Auffassung nach) zwangsläufig auch intellektuell. Und sei es, dass der vermeintlich Intellektuelle (und ich setze ihn hier aus gegebenem Anlass männlich) die vertretene Idee für sich erst entdeckt hat, und durch das Vertexten mit anderen Ideen davon ausgeht, etwas Neues in die Welt gesetzt zu haben. Wenn man nun trotzdem unbedingt den verwässserten Begriff des Intellektuellen verwenden möchte, sollte man besser zwischen affirmativen Intellektuellen und Intellektuellen unterscheiden.
Affirmative Intellektuelle
Unter affirmativen Intellektuellen wären diejenigen TextproduzentInnen zu verstehen, die eine gesellschaftliche Ordnung präskriptiv für eine total gesetzte Öffentlichkeit verteidigen oder produzieren. Sie sind nicht an der Hinterfragung ihrer grundsätzlichen gesellschaftlichen Kosmologie interessiert, auch wenn die Festen dieser Ordnung nach teilweise schon sehr weit zurückliegenden Entdeckungen und Ideenwerken als absurd erscheinen wollen. Freilich wird jeder Mensch angesichts seines nicht genau wissen Könnens – ob nicht-wissend, ob wissend um sein nicht-genau-wissen-Können – ab einem bestimmten Punkt auf Elemente eines Glaubenssystems angewiesen sein. Ein Historiker wird die Sozialgeschichte eines vergangenen Gemeinwesens, etwa des Osmanischen Reiches, auch über die Rolle des Geldes erklären wollen; der Geldwert, an und für sich ein aus dem Glauben geschöpfter Wert, taucht meistens als Zahlenwert auf, der als Gegeben, als Datum, als donnée verwendet wird; der Zahlenwert, da er in einem eigens für ihn geschaffenen und sich graphisch abhebenden Schriftsystem abgebildet wird, erscheint so unumstößlich die Entsprechung der Anzahl der von ihm markierten Dinge zu sein, wie es sich beim Abzählen der Finger einer vollständigen menschlichen Hand „Fünf“ sagt; auch wenn niemandem unbedingt klar ist, wie eine Million eigentlich zu verdinglichen wäre. Die Dette Publique Ottomane zum Beispiel kann affirmativ intellektuell oder intellektuell erklärt werden; typisch für den ersten Ansatz des affirmativen Intellektuellen wäre, aus der Geschichte des in den Staatsbankrott getriebenen Osmanischen Staates einen narrativen Plot zu produzieren, der, summa summarum, die Geschichte des Niedergangs des „Ostens“, des „Orients“, der „Europäischen Türkei“ und des Aufstiegs Europas und Nordamerikas erzählt. Der affirmative Intellektuelle mag sich dabei sogar über „Orientalismus“ erhaben fühlen, ohne jedoch radikal verstanden zu haben, dass die Daten, die Gegebenen und die Vor-Annahmen, die er verwendet und reproduziert, ein Glaubenssystem aufrecht erhalten. Oft tarnt sich das Projekt des affirmativen Intellektuellen als Bewegung des „Widerstands“, des Trotzes, der Reaktion. So verständlich die Vermengung der Betrachtung sozialer Wirklichkeit mit Kategorien der Ethik, der Gerechtigkeit und des Widerstands sein mag, sind einem nur reaktiven Widerstand, der nicht in ganzer Radikalität die Verbreitung, das „Aufblühen“ und den „Niedergang“ eines Glaubenssystems wie den Kapitalismus wahrhaben kann, keine kreativen Möglichkeiten beschieden, Neues in die Welt zu setzen und echte Alternativen zu bieten. Aus den Reihen der affirmativen Intellektuellen wird man deshalb vergeblich auf eine kopernikanische Wende oder einen Great Leap Forward auf der Ebene der Ideen warten.
Liest man ihre Werke, wird man früher oder später feststellen, dass das ganze als „intellektuell“ missverstandene, aber zu Unrecht oft dennoch als solches geadelte Gedankenwerk auf alten, längst dagewesenen, porösen und anachronistischen Ordnungen aufbaut. Dabei spielen natürlich die kosmologischen Raumordnungen eine große Rolle. Ganz prominent figuriert hier, scheint’s unvermindert, die Ost-West-Binarität. Die Metaphorik der Himmelsrichtungen erweist sich als einigermaßen stabil, weil die intellektuelle Denkarbeit, die Übersetzung der Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangsmetapher einmal zurückzuübersetzen, unterlassen wird. In einem angesichts der gegenwärtigen Zustände eigentlich erstaunlichen, ja, schrill wirkenden Versuch des Aufbäumens und nicht-wahrhaben-Wollens oder -Könnens, schreibt der affirmative Intellektuelle gegen die alles bedrohende Radikalität des Intellektuellen an. Wird die Radikalität des intellektuellen Denkens und in Frage stellens allzu bedrochlich, was sie zwangsläufig sein muss, haben sich die heute oft völlig zu Unrecht als Intellektuelle bezeichneten Inquisitoren – und es wird beizeiten eine passenderer Begriff zu finden sein – seit jeher mit Denk-, Rede-, Schreibverboten, mit Inhaftierungen, mit unter Folter erzwungenen Falschaussagen und der Tötung ihrer Gegner beholfen, da sie ihnen auf der Ebene der Ideen nicht Herr werden können.
Zwar ist ihr Unterfangen auf lange Sicht so vergebens wie das lange und verzweifelte, schließlich gescheiterte Festhalten der katholischen Kirche an Vorhölle und Ablasshandel. Aus der Mythosforschung ist bekannt, dass ein nicht aktualisiertes, nicht mit der sozialen Wirklichkeit korrespondierendes Glaubenssystem dazu tendiert, in einem katastrophischen Progress zu eskalieren und unwiederbringlich zu scheitern und zum Gegenstand der Museen zu werden.
Ein Beispiel für ein gescheitertes Glaubenssystem bieten der griechische und römische Pantheon: kein Mensch ist heute ernsthaft in der Lage, an die Geschichten der Götter und Göttinnen mitsamt ihrer Eigenschaften im Sinne einer göttlichen, übermenschlichen und unumstößlichen Ordnung zu glauben. Man könnte die Metapher ausführen und sagen, die Ordnung sei regelrecht umgestoßen worden. Ein jeder Lateinschüler eines bayerischen Gymnasiums wird bei sich gedacht haben, wie naiv die Menschen der griechischen und römischen Antike doch gewesen sein müssen, was sich freilich leicht und alternativlos sagen lässt, da der Kaiser seit mindestens 2000 Jahren ohne Kleider dasteht. Es muss sich während der monotheistischen Wende ein grundsätzlicher Perspektivwechsel der Menschen, ihre Sicht auf die Welt, ereignet haben, so dass die auch vorher bestehenden Vater-, Mutter- und Kindfiguren in mehrere Jahrtausende und bis heute andauernde, wenn auch zutiefst poröse Patriarchate übersetzt werden konnten. Es spielt dabei keine Rolle, um welche der drei großen monotheistischen Religionen mediterraner Provenienz es sich handelt (und dabei sehe ich von bereits früher weitestgehend gescheiterten monotheistischen Projekten ab): die einzige, unvorstellbar machtvolle, und in sämtlichen nicht-mystischen Orthodoxien in einer Vaterfigur kulminierenden Vorstellung vom „einen Gott“ ist dabei, immerhin vorübergehend und über einen beträchtlichen Zeitraum, als Sieger hervorgegangen. Man muss dabei natürlich beachten, dass das „Umstoßen“ der alten Ordnung, der Perspektivwechsel der mediterranen und europäischen Menschen und ihre drastische Hinwendung zum Gottglauben nicht auf einmal vonstatten gegangen ist, sondern sich teilweise über Jahrhunderte hingezogen hat, bis schließlich auch so spät christianisierte Gebiete wie das Baltikum vom monotheistischen Prinzip geprägt worden sind.
Aus diesem Grund sollte man auch heute nicht davon ausgehen, dass ein komplexes Glaubenssystem „ein für alle Mal“ aufhört, den Glauben der Menschen zu bannen – auch wenn es, wie die Genese der „Zweiten Moderne“ als Folge der „Ersten Europäischen Industriemoderne“ zeigt, der Menschheit und den nichtmenschlichen Lebewesen großen Schaden zufügt. Die Gewissheiten der „Ersten Europäischen Industriemoderne“, die übrigens nicht in erster Linie als ein wie auch immer ethnisch-religiös-sprachlich definiertes Kulturpaket verstanden werden sollte, basieren ebenso wie die polytheistischen und monotheistischen Religionen auf einem Glaubenssystem, was in den großen „Wirtschaftskrisen“ oder „Finanzkrisen“ besonders plastisch zu Tage tritt, auch wenn die Krisenmetapher den Eindruck vermittelt, es handelte sich um ein vom menschlichen Handeln und Glauben abgeschnittenes, „äußeres“ Phänomen wie dem Wetter, einem „Erdrutsch“ oder einem „Erdbeben“ im Bankensektor.
Auch wenn ich mich persönlich im Sinne buddhistischer Leerheit unwiederbringlich von sämtlichen theistischen Vorstellungen verabschiedet habe – ohne dabei, oder wenigstens nur vorübergehend, in einen horror vacui gestürzt zu sein – geht es mir nicht darum, irgendjemanden davon zu überzeugen, dass sein Glaubenssystem hinsichtlich der Frage nach Gott und sämtlicher Bezirke und Winkel von Transzendenz und Jenseitigkeit „falsch“ sei. Es geht mir hier nur darum, zu verdeutlichen, mit welcher Ernsthaftigkeit und Zähigkeit das Denken affirmativer Intellektueller mit Kategorien des Glaubenssystems verwachsen ist. So strafbar wie der Atheismus in versteinern wollenden, sich bedroht fühlenden Gesellschaftsordnungen ist, und so selbstverständlich der monotheistische Gottglaube im geschlossenen und endlichen Denksystem des nicht-sozialistischen, nicht-säkularisierten Patriarchats ist, so groß ist die abhorrende Furcht des affirmativen Intellektuellen vor dem Kontrollverlust über die großen Gewissheiten.
Zu diesen großen Gewissheiten gehören die Raumordnungsmetaphern der Himmelsrichtungen, so dass ein jeder affirmative Intellektuelle seinen Osten und seinen Westen haben wird. Liest man also ein „intellektuelles Werk“ wie das Buch Stratejik Derinlik von Ahmet Davutoğlu, oder auch – um es überdeutlich zu veranschaulichen – Alija Izetbegović’s Buch Islam between East and West, kann es nicht Wunder nehmen, dass in diesen Werken unhinterfragt, ausgiebig und selbstverständlich von der Metaphorik der Himmelsrichtungen Gebrauch gemacht wird. Die affirmativen Intellektuellen lassen sich dabei nicht ausschließlich als ältliche Vaterfiguren in Anzügen mit Bügelfalten und Krawatte charakterisieren; das sehr viel Bemerkenswertere am Betrieb der affirmativen Intellektuellen ist, dass sie oft in sorgfältig verdeckten Gestalten des Neo-Konservatismus daher kommen, zwar den Begriff des Kosmopolitismus falsch verstehen, ihn aber dennoch verwenden, und in allergrößter Inkonsistenz und Inkohärenz mit ebenso großer Selbstverständlichkeit ernsthaft mit der Metaphorik der Himmelsrichtungen argumentieren. Ich meine damit ärgerliche Diskussionen, die nicht zu Ende geführt werden können bzw. in denen man keinen bedeutenden Schritt weiter kommt, weil den nur scheinbar Diskutierenden nichts ferner liegt als die Zustände in Frage zu stellen. Will man aber „die Zustände betrachten“, also überhaupt erst einmal begreifen, wie es um die soziale Wirklichkeit bestellt ist, und will man anschließend dringend benötigte Antworten finden, wie mit den großen sozialen und naturräumlichen Herausforderungen unserer Zeit umzugehen ist, muss man sich in vollständiger Radikalität von seinem Osten und seinem Westen verabschieden, ohne dabei nihilistisch zu verfahren und so zu tun, als spielten diese Kategorien keine Rolle in der Konstruktion von Wirklichkeit, Ungleichheit, Ungerechtigkeit. Dies kann nur gelingen, wenn man Blick des Kosmonauten auf den gesamten Lokus der Menschheit – nämlich die Erde und ihre Umgebung – einnimmt.
Der Blick des Kosmonauten betrachtet die Erde als Ganzes. Es ist der Menschheit, je nach Sichtweise, noch nicht allzu lange oder auch bereits seit sehr langer Zeit bekannt, dass die Erde ein ganzes, zusammenhängendes und interdependentes System ist. Ich wähle absichtlich den Begriff des „Kosmonauten“ an Stelle des „Astronauten“, weil der Kosmonaut relativ präzise den Begriff des Kosmos beinhaltet, wie er auch im Begriff des Kosmopolitischen ausgedrückt wird, wie ihn Ulrich Beck beschrieben hat. Das Festhalten an den alten Binaritäten, und zuvorderst an der Ost-West-Binarität, wird durch den Blick des Kosmonauten völlig ad absurdum geführt. Wer kann nach einem Blick aus einer die Erde umkreisenden Raumstation, gar vom Mond, auf die Erde denn noch ernsthaft einen geographischen Raum, einen bestimmten Kontinent, ein bestimmtes Land, ein bestimmtes politisches Glaubenssystem oder ein religiöses Glaubenssystem, mit einer der Himmelsrichtungen festschreiben wollen? Wer kann das große intellektuelle Werk Orientalism von Edward Said, der doch die Absurdität und gleichzeitig den großen Unnutzen der Himmelsrichtungsmetaphorik beschrieben hat, nicht weiterdenken wollen, um endlich aufzuhören, immer und immer wieder diese mit der Farbmetaphorik von Hell und Dunkel korrelierende, primitive Binarität zu reproduzieren?
Man darf in dieser Richtung von affirmativen Intellektuellen nicht zuviel erwarten; sie sind, sofern sie ihre Sicht auf die Welt nicht ändern, für den Erkenntnisgewinn verlorene Fälle, die allerdings im Stande sind, großen Schaden anzurichten. Intellektuelle dagegen stellen Zustände in Frage und werden Hannah Arendts „Nativität“ am ehesten gerecht: sie streben nämlich der Möglichkeit zu, neues zu gebären.
Ich werde vorerst hinsichtlich der Intellektuellen zu keinem Schluss kommen – zumindest nicht hier im Bus, wo dieses Schreiben begann, der mich über Schleiz in die Welt der Dörfer bringt.
Ich denke mir, dass es vielleicht eine der schlimmsten „Erkenntnisse“ aus der Zeit der Dissertation gewesen sein wird, dass die Menschheit nicht in der Lage ist, Binarität zu überwinden. Ich merke, wie ich in Marlen Haushofers Robinsonnade „Die Wand“ heimlich doch Rückzug suche und mich auf dem Weg zurück „hinter die Wand“ befinde, die mich von Berlin, Istanbul und Sarajevo trennt. In die Welt der Dörfer, in mein Erdgeschosszimmer mit dem riesigen Kiefernholzschreibtisch, zurück zu meinen Zetteln und Klebezetteln. Zurück zum Dissertationstext. Allein mit den Patriarchen. In einsamer Drittheit zu Tisch mit den Binaritäten.
Blicke durch die Glaswand: im Flixbus nach Schleiz
Jetzt fahren wir aber erst einmal nach Schleiz. Schleiz, früher aus westdeutscher Perspektive „drüben“ und vergessen, kennen jetzt immer mehr Menschen — dank der Flixbusse. Der Autobahnverkehr ist durchwirkt von langen, rechteckigen, giftgrünen Flixbussen, die aussehen wie rollende Kaugummiverpackungen. Flixbusse sind mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein vorübergehendes Phänomen, das mit Sicherheit noch zu Menschengedenken verkauft und kreuzverkauft werden wird. Im Moment stehen Flixbusse stellvertretend für das Phänomen „Start-up“. Vor mir sitzt ein Mädchen mit Kopfhörerkrone und kaut grün riechende Kaugummis. Jedes Mal, wenn sie sich kauend dreht und wendet, dringt ein sauber-süßlicher Geruch zu mir, wie von Deospray und Hubba Bubba Apfel.
Schleiz lag früher drüben und vergessen, aber es wird wahrscheinlich auch in Zukunft wieder vergessen zwischen seinen Mono-Fichtenwäldern da liegen. Die Leute werden es wahrscheinlich bald wieder aus ihren Gedächtnissen gestrichen haben, so wie sie rasch die Namen der früher so eminent wichtigen Grenzübergänge vergessen haben. Besser erinnere ich mich an die Staus, an die Gerüche nach Thermoskannenkaffee, an kindliche Übelkeit vom Salamibrötchengeruch, an aufgeheizte Aluminiumheckscheibenlamellen, an den gefüllten Aschenbecher, an die Fliegenklatsche aus Plastik. Nicht so genau erinnere ich mich an den Namen des deutsch-österreichischen oder österreichisch-jugoslawischen Grenzübergangs (Kufstein?). Wer fährt denn heute noch ameisenschlau absichtlich über diesen oder jenen Alpenpass, um an einen weniger verstopften Grenzübergang zu gelangen? Gibt es den Loiblpass eigentlich noch?
Es mag aber vielleicht auch noch einige Jahre blühen, Schleiz, bis vielleicht weniger getankt oder noch schneller gerast werden kann.
Es war eine alles in allem sinnlose und anstrengende kurze Fahrt nach Berlin, die mich aus meinem Rückzug in die Welt der Dörfer gerissen hat, weil ich die Wohnung abnehmen und übergeben wollte, aber auch, um Bücher zu holen. Ein Ärgernis. Dazwischen zwei Mal Schleiz, mit je einer halben Stunde Pause vor einem McDonalds, an einer vor Kot und Urin starrenden Ligusterhecke gelegen. Die Reiserolltasche mit den vielen schweren Büchern: auch sie ein Ärgernis. Schwer bepackt mit spät- und neo-nationalistischen Schriften, auf dem Weg zwischen Berliner U- und S-Bahn gerissen, liegt sie jetzt aufgeplatzt im Kofferraum von Flixbus. Noch geschafft vom Horror der Berliner S-Bahnfahrt will ich gar nicht daran denken, wie es wird, diesen ganzen Schund ab Bamberg weiter in die Welt die der Dörfer zu transportieren. Relativ bald, nachdem wir Schleiz erst einmal hinter uns gelassen haben werden. Sobald sie leer ist, werde ich die Tasche fort werfen. Von den Büchern komme ich nicht so schnell los.
Noch sind wir aber auf der Autobahn. Vor Schleiz. Ich sehe mich zwar nicht weiter nach den Leuten um, verstecke mich hinter einer Sonnenbrille, ans Fenster geschmiegt, auf meinem bröselbedeckten Platz, die meiste Zeit Marlen Haushofers „Die Wand“ lesend, die sich mir auf Philipps Küchentisch aufgedrängt hat; da es an Bord von Flixbus WLAN gibt, lese ich zwischendurch den deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag über Schleiz, den ich unnötig lang finde und nicht zu Ende lese. Ich stelle fest, dass es baschkortische, kirgisische, kasachische, malaiische, usbekische, makedonische und anderssprachige Artikel über Schleiz gibt. Mir prägt sich ein, dass Schleiz für ein süßes Kartoffelgericht namens Schleizer Bamser bekannt ist, dass der Name Schleiz auf das slawische Wort Slowicz (Zwetschge, Pflaume, Šljiva) zurückgeht, und dass der Ort aufgrund seiner Lage an Handelsrouten einmal von Bedeutung gewesen sein soll (mir drängt sich außerdem ein Vergleich zu Novi Pazar auf). Der Rest ist Flixbusgeschichte.
Ohne mich nach meinen Mitreisenden umzusehen weiß ich, dass die Leute ihre Fingerspitzen zeitgenössisch über das Touchscreen eines Smartphones oder Tablets schmieren, und dabei verkabelt und zugestöpselt zwischendurch geheimnisvoll über irgendwelche Botschaften lächeln. Vielleicht starrt der ein oder andere ja auch wie ich auf die Windräder und Solarstromfelder längs der sachsenanhaltinischen Autobahn. Es sind schöne, schlanke, moderne, meistens schneeweiße Zeugen der verbrauchten ersten Industriemoderne, die immer nervöser und angespannter wird, während auf der Autobahn immer schneller gerast werden soll. Abwrackprämien und Finanzierungen haben die letzten alten Kadetts, Polos und Pandas von den Straßen gefegt. Es wird nun auch von konservativen Parteien angeblich zur Energiewende gerufen. Selten werden die Ergebnisse dieser Rufe sichtbarer als bei einer Fahrt im Bus über die Autobahn quer durch Deutschland. Hoch zu Flixbus überblickt man die Landschaft besser als im PKW. Man sieht nicht nur Windräder, sondern auch große Solarfelder, und allerorten spitzen die aufgeblähten grünen Kuppeln der Biogasanlagen hervor. So betrachtet hat sich Deutschland sehr stark verändert in den letzten Jahren.

Es wird sehr viel Mais in mit dem Lineal gezogenen, gestreiften Feldern angebaut. Mais zu vergären lohnt sich durch den hohen Energiegehalt am meisten. Ich habe einmal gelesen, dass Mais in Mitteleuropa erst seit wenigen Jahrzehnten angebaut werden kann, weil es hier eigentlich zu kalt für ihn ist, oder war. Jetzt sieht man selbst auf den hoch gelegenen, durch den Fichtenbestand rau wirkenden Flächen des Vogtlandes rund um Schleiz Maisfelder. Werden in den Biogasanlagen keine Energiepflanzen wie Mais und Getreide vergoren, werden tierische Exkremente und Bioabfälle verwendet. Deswegen heißen Bioabfälle auf der Biotonne unten in meinem Berliner Hof auch nicht „Bioabfall“, sondern „Biogut“. Und so widersprechen sich alle Werte in unserem Zwischenzustand.
In den Radionachrichten wird über das neueste türkisch-deutsche Zerwürfnis berichtet, es fällt der Name Konya. Der Zwischenzustand wird auch in dieser Hinsicht immer nervöser und angespannter. Ich erinnere mich an die Schrillheiten meines Forschungsthemas, an die unwirklich hysterischen Diskurse der zuletzt transkribierten Fernsehbeiträge.
In den Sozial- und Geisteswissenschaften warnen jetzt viele vor den narrativen Zuspitzungen und dem diskursiven Explosionspotentials des Interregnums. In den Sozial- und Geisteswissenschaften halten es wohl viele für überflüssig, sich einmal zu tierischen Exkrementen, Bioabfällen und der Energiewende zu äußern. In den Sozial- und Geisteswissenschaften denken wohl viele, dass der maligne Teil der Menschenfamilie nur aufhören müsste, boshaft und niederträchtig zu sein, und die Welt wäre eine bessere.
Obwohl neben dem Bus die Autos wie schlimme Luftzüge und bedrohliche Geräusche an uns vorbei rasen, drehen sich die Windräder sachte in die Gegenrichtung. Wir kommen aus Nordost, der Wind weht monsunschwanger aus Südwest. Die Windräder sollten hier, um das Sachsen-Anhaltinische „Solar Valley“ und noch weit vor Schleiz, zu dieser Jahreszeit in einer brach und trocken darliegenden, abgeernteten, abweisenden Steppenlandschaft stehen. Über Austrocknung oder drohende Versteppung braucht sich in diesem Monsunsommer allerdings niemand zu sorgen. Zumindest niemand, der wie ich in diesem Sommer, nicht an den brütend heißen Gestaden des Mittelmeers Urlaub macht.
Irgendein Bauunternehmen muss davon profitiert haben, eine Autobahnkirche in die extrem säkularisierte ostdeutsche Landschaft gestellt zu haben. Vielleicht zum Hohn auf die nie zuvor so gottlosen Bewohnerinnen dieser Gegend. Ein sauberes deutsches Autobahnschild kündet davon und lädt indirekt zum Gebet. Man wird in Deutschland vergebens zerdellte, verwaschene, sich selbst überlassene Straßenschilder mit Einschusslöchern finden. Dabei muss es großen Spaß bereiten, auf Straßenschilder zu schießen, und auch noch in der Zeit nach der ständigen Schießerei den geschundenen Ländern geschundene Schilder vorzuhalten. Wer in Bosnien gereist ist, hat sie überall gesehen, die Penetrationen der Straßenschilder.
Der bajuwarische Busfahrer mit seinem stallernen, warmen Dialekt hört immer noch laut Nachrichten. So wie man früher eben das Autoradio mit den schlechten Boxen immer nur bei Nachrichten laut gestellt hat, und einem der Jähzorn kommen konnte, wenn die Nachrichtensendung unvermittelt in ein immer ärgeres Krächzen verschwand. Er wird wohl aus der Oberpfalz kommen, denn dort endet die Busfahrt. Seiner also etwas stallernen Dialektansprache zur Begrüßung hat der Busfahrer für Normdeutsch-Sprecher Unverständliches weitestgehend entnommen. Die Vokale bleiben jedoch in ihrem Schallvolumen weiterhin eindeutig bajuwarisch. Bis auf die Umlaute werden sie tiefer und von echten Rs und Ls abgetrennt. Der Fahrer hat sich die Rolle eines freundlichen, nicht allzu gestrengen Eltern-Ichs zurechtgelegt. Wie später, in Schleiz, klar wird, ist er in Begleitung seines Sohns und eines zweiten Oberpfälzers von ebenso stallerner Zunge. Uns moderiert der Fahrer in die Rolle erwachsener Schulbuskinder, was aber niemanden recht zu stören scheint, denn die milden Ermahnungen zur Bordtoiletten- und Gepäcknetznutzung können die Kinder selbstverständlich nachvollziehen, so sie denn die deutsche Sprache verstehen.
Kurz hinter Schleiz wird die neben mir sitzende fränkische Mutter noch anfangen, mit mir zu sprechen, und bemerken, dass diese Busfahrer ja viel zu viel sprächen. Sie selbst reißt sich sehr zusammen, hin zu einer normdeutschen Aussprache. Das tut mir für uns beide ein bisschen Leid, aber sie kann ja nicht wissen, wie gerne ich den fränkischen Dialekt höre. Sie hat ja gewiss irgendwie Recht: was wird da am Haupt unseres Busses in lautem, selbstbewusstem Bajuwarisch geratscht und gefachsimpelt! Fehlten eigentlich noch Stubenmusi und Gejodel aus dem Radio. Ich sage zur fränkischen Mutter, dass das oberpfälzische Geschwätze auch sein Gutes habe. Es sei nicht damit zu rechnen, dass der Fahrer einschläft. Das ganze Gebahren lasse insgesamt auf ein erfahrenes Verantwortungsbewusstsein des Busfahrers schließen. Mit ihm würden wir schon nicht in eine Böschung rasen und ohne Aussicht auf Rettung sofort in einer Stichflamme aufgehen und bis auf das Busgerippe abbrennen. In Schleiz, so kündigt der Fahrer hinsichtlich der Toiletten und der Müllzustände an, werde es einen Fahrerwechsel und gescheite Scheißhäuser geben.
Die Autobahnen werden, so wie alle Städte und die Welt der Dörfer, von immer größeren, schnelleren, panzerhaft bewehrten Kfzs — sogenannten „SUVs“ — befahren. Ich muss an einen vor kurzem erschienenen Artikel in der Süddeutschen über diese Sicherheit versprechenden Privatpanzer denken: „Sie sitzen in ihren kleinen Panzern und zerstören Natur“. Sie kaufen Bioprodukte ein und legen sie im Jutebeutel in ihren kleinen Panzer, oder so ähnlich.
„The thing is that there are obviously different ways to think about these kinds of situations. In this traffic, all these vehicles stuck and idling in my way: It’s not impossible that some of these people in SUV’s have been in horrible auto accidents in the past and now find driving so traumatic that their therapist has all but ordered them to get a huge, heavy SUV so they can feel safe enough to drive“ (David Foster Wallace, This is Water: Some Thoughts, Delivered on a Significant Occasion, about Living a Compassionate Life, pp. 5-6)
Ich sehe einen postgelben Zweiergolf mit altem Postsymbol. Wer sich heute in Deutschland mit einem Zweiergolf auf eine dieser sterilen Raserei-Adern wagt, wird angeschaut, verachtet, nicht selten durch Panzerglasscheiben angebrüllt, bestenfalls bemitleidet. Das Auto mag in Stand gehaltenen sein — aber ist es denn nicht peinlich? Gehört es sich denn, so über die Autobahn zu schleichen? Man muss keine Wahrscheinlichkeitsrechnung betreiben um zu wissen, dass sich eine Münchnerin in ihrem BMW mit grellen und bissigen Lichtschlitzen an windspitzer Vorderschnauze über ihr Bordtelefon zu diesem unverschämten Geschleiche empört, lichthupt, dicht auffährt, ja droht. Vielleicht irgendwo bei Schleiz. Man soll zwar seine Hauswände isolieren, man soll sich aber zusätzlich zur Zentralheizung auch noch einen Schwedenofen einbauen. Man soll zwar die Energiewende bejahen – man soll aber sein Smartphone rechtzeitig gegen ein neues eintauschen. Man versucht ja politisch zu denken, merkt aber, wie unpolitisiert globale Wirtschaftszusammenhänge sind. Neben den Kfzs lauter LKWs, aus Polen, aus der Ukraine, aus Belarus, aus Russland, aus Skandinavien, aus Tschechien, aus Italien, aus der gesamten Benelux, vom Balkan, aus dem Nahen Osten, aus Frankreich und vom Exportweltmeister Deutschland. Dazwischen kaugummipackungsgrüne Flixbusse mit verkabelten und verstöpselten Smartphone-Konsumenten, die aus und in die Stadt mit immer mehr Obdachlosen fahren, und irgendwann in Schleiz halten.
Wenn es heißt: die Wirtschaft brummt – dann ist das das Brummen.