[Pandemos] Einleitung (II): Kollateralschäden des Nichtverstehens der Welt

Neben den beschriebenen zwei Grundströmungen der so genannten Neo-Re-Bewegungen8 und der unregulierten Globalisierung ist als „kollaterales Nichtverstehen“ der Welt noch etwas Drittes zu beobachten: die Produktion irrationaler, teilweise gefährlicher Massenphänomene in einer Art Zwischenzeit oder Interregnum (Erklärung folgt). Dieses Dritte stellt nichts eigenes, sondern eine verschwommene Schnittmenge der beiden ersten Strömungen dar (vgl. Teil I der Einleitung).

Massenphänomene dieser Schnittmengengruppe – darunter fallen in Deutschland militante Neo-Nationalisten, die sogenannte Reichsbürgerschaft, „besorgte BürgerInnen“, AbtreibungsgegnerInnen, Pegida, VerschwörungsgegnerInnen mit Aluhut usw. – sind nicht erst in der Corona-Zeit auffällig laut geworden, waren zuvor jedoch sehr viel eindeutiger dem rechten Spektrum zuzurechnen. Wie die Rechtsextremismusforscherin Natascha Strobel im Freitag feststellt, herrschte durch Corona zwar zuerst kurz Sprachlosigkeit in rechtsextremen Kreisen:

„Der Tod ereilt einen nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in Altersunterkünften und auf Intensivstationen. Die extreme Rechte hat keine Sprache für diese Situation.“

Doch wie sie direkt anschließt, musste das neue Phänomen wohl nur den kurzen Weg in die altbekannten, vorhandenen Deutungsmuster finden:

„Krankheit kommt in der extremen Rechten dann vor, wenn sie als von außen hereingeschleppt dargestellt werden kann. Oder wenn sie als Metapher für unliebsame Menschengruppen verwendet wird. Etwa, wenn davon geredet wird, dass Flüchtlinge längst ausgerottete Krankheiten wieder nach Europa bringen oder dass sich bestimmte ominöse Kreise angeblich wie Krebs in der Gesellschaft ausbreiten. In beiden Fällen geht es aber nicht wirklich um den medizinischen Hintergrund einer Krankheit, sie dient vielmehr als Leinwand oder Sprachbild für Rassismus oder Verschwörungstheorien. Beides erleben wir auch in der aktuellen Krise.“9

Hier wird schon deutlich, warum es sich bei Antworten dieser Art nicht um Lösungen handeln kann: hygienische Metaphern von Sauberkeit, Schmutz, Krankheit und Gesundheit führen, so lehren es die historische Erfahrung und diskursanalytische Arbeiten der Genozidforschung, in Kombination mit völkischem Gedankengut zu sogenannten „ethnischen Säuberungen“, Völkermorden, Vertreibungen oder Zwangsassimilationsmaßnahmen.10

Gerade tun sich VerschwörungsanhängerInnen und Lockdown-GegnerInnen auf sogenannten „Hygiene-Demos“ hervor, wo sie sich über die Beschneidung ihrer gekannten Normalität empören. Durch die Frischheit der Eindrücke tue ich mir schwer, all die genannten (sowie die wahrscheinlich noch zahlreicheren, ungenannten) Gruppen eindeutig einer Kategorie (zum Beispiel eindeutig rechtsradikal oder rassistisch) zuzuordnen: laut jüngster Presseberichte11 sowie in Beobachtungen, Bildern und Eindrücken diverser NutzerInnen sogenannter sozialer Netzwerke gestalten sich diese Demonstrationen stark rechtslastig – andererseits aber auch heterogen. Auffällig ist ohne Zweifel, dass es große Ähnlichkeiten zu den sächsischen Ausschreitungen gegen die angebliche „Lügenpresse“ in der Folge der Migrationsbewegungen über die Balkanroute von 2015/16 gibt.12

Vermehrt ist von Angriffen auf Pressevertreter zu lesen, wie zum Beispiel in Berlin. Allerdings scheint immer noch Unklarheit zu bestehen über den Hintergrund der Täter im Fall der Angriffe auf das ZDF-Team der Satiresendung heute-show vom 1. Mai 2020: zwar hatte das Team am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte über eine sogenannte „Hygiene-Demo“ berichtet, auf der sich laut Tagesspiegel „Rechte und Verschwörungstheoretiker tummelten„; die Angreifer, von denen mindestens einer mit einer Metallstange gezielt auf die Journalisten und Satiriker losging, seien aber laut Staatsanwaltschaft „dem linken Spektrum zuzurechnen„.13

Es ist natürlich fraglich, ob die Staatsanwaltschaft zu einer richtigen Einschätzung über die TäterInnen gekommen ist. ‚Links‘ und ‚Rechts‘ sind womöglich aber auch gar nicht die richtigen Kategorien, um die Teilnehmerschaft der sogenannten „Hygiene-Demos“ zu beschreiben – was auch dem generellen Obskurantismus von Verschwörungstheorien entspricht. Einiges spricht auch dafür, dass sich der altbekannte Charakter dieser Kategorien wandelt – wenn etwa tendenziell rechte Domänen wie die „Hygiene-Demos“ von urbanen Lifestyle-Stars wie Attila Hildmann besetzt werden, der eine bedeutende Figur in der Popularisierung des Veganismus ist.14 Hildmann soll den seit langem völlig abgestürzten Verschwörungstheoretiker Xavier Naidoo zuletzt als „Ehrenmann“ bezeichnet haben, mit dem er bereit sei, im bewaffneten Untergrund „Kopfschüsse“ zu kassieren.15. Bezeichnenderweise zeigen beide Männer keine großen Berührungsängste mit Personen, die sich mit rassistischen Ansichten hervorgetan haben, obwohl sowohl Hildmann als auch Naidoo in der Logik der „alten Rechten“ durch deren biologistischen Rassismus in das Feind- und Opferspektrum gehört hätten.

An dieser Stelle erweist sich das Wort Interregnum (wörtlich: Zwischenherrschaft) als hilfreich, auch wenn hier ebenso mit der Metapher der Krankheit hantiert wird. Die Bezeichnung Interregnum hat der italienische Denker Antonio Gramsci in einer Zeit gebraucht, da zunächst in Italien der Faschismus aufblühte und im weiteren Verlauf Deutschland, Europa und die ganze Welt in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs reißen sollte. Um die Angemessenheit des Begriffs zu diskutieren, sollte man sich allerdings daran erinnern, dass dem Sieg des Nazi-Faschismus in Deutschland die Zwischenkriegszeit voraus ging, in der die Karten keineswegs eindeutig gelegt waren. Gramsci befand, dass die Krise seiner Zeit gerade darin bestanden habe,

„dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“16

Mir ist aufgefallen, dass Antonio Gramsci-Zitate in letzter Zeit wieder vermehrt durch die sogenannten sozialen Netzwerke zirkulieren – was nicht nur mit seinem Todestag zu tun hat: die Covid19-Pandemie kann als Chiffre für die genannten „unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen“ gelesen werden – wörtlich und metaphorisch. Das Wort Pandemie beinhaltet außerdem den Hinweis darauf, dass wir es mit einem globalen Phänomen zu tun haben, während unsere Grenzschließungen, die unterschiedliche Lockdown-Szenarien und das zuhause Bleiben in physischer Distanz den sehr lokalen Erfahrungshorizont des Alltags symbolisieren.

Übertragen auf Ulrich Becks Metapher der Metamorphose könnte man auch sagen, dass die Welt gerade in einem Verpuppungszustand festhängt und weder Raupe noch Schmetterling ist – und dass der künftige Schmetterling womöglich gar nicht ahnt, in welcher Gestalt er seine Puppe verlassen wird. Doch mit dieser überaus diffusen Zustandsbeschreibung bin ich nun selbst die Antwort schuldig geblieben, die ich selbst eingefordert habe, indem ich geschrieben habe, dass es nicht ausreichend sei, bereits bekannte Kritik immer wieder aufs Neue zu formulieren. Bestärkt in diesem Gefühl des Unbehagens mit der immer wieder kehrenden Kritik, die zu wenig neuen Erkenntnissen führt, und angetrieben zur Suche nach Antworten hat mich der leider 2015 verstorbene Ulrich Beck, der schon in den 1990er Jahren folgendes zu beanstanden hatte:

„Im Übrigen ist dies Wörtchen post der Blindenstab der Intellektuellen. Sie fragen nur, was nicht der Fall ist, und sagen nicht, was der Fall ist. Wir leben im Zeitalter des Postismus, des Jenseitismus und des Nachismus. Alles ist post, ist jenseits und ist nach. Es handelt sich dabei um eine halbe Diagnose, die lediglich feststellt, dass wir die alte Begrifflichkeit nicht mehr benutzen können. Darin verbirgt sich intellektuelle Faulheit und in gewisser Weise auch intellektuelle Unredlichkeit und Unaufrichtigkeit, denn die Aufgabe des Intellektuellen ist es, Begriffe zu entwickeln, mit deren Hilfe sich Gesellschaft und Politik neu definieren und organisieren können“17

WWW
Das Internet. Originale Bildquelle: Sebastian Schelter via Twitter and email. Quelle: Wikipedia.

Und damit komme ich zu meiner Leithypothese, die ich in den nachfolgenden Beiträgen dieses Threads, ausgehend von konkreten Beispielen, diskutieren will. Sie besteht darin, dass die Welt, wie sie heute ist und wie sie morgen und übermorgen sein wird, als kosmopolitisches Netzwerk gedacht und organisiert werden sollte. Mit Netzwerk meine ich eine dezentrale Struktur, in der es keine „herrschende Nation“ oder Großmacht gibt – auch wenn ein Netz durchaus an der einen Stelle dichter, an der anderen Stelle weniger dicht gewoben sein kann. Ich denke aber, dass ein kosmopolitisches Netzwerk, dass die gesamte Erde umspannt – die sich mit gesamtirdischen Herausforderungen wie Pandemien und dem Wandel des Erdklimas zu schlagen hat – an Intelligenz und Funktionalität einbüßen muss, sobald sich eines ihrer Teile versucht, über die anderen zu erheben. Bildlich kann man sich das mit einem Spinnennetz vorstellen, das den gesamten Globus bedeckt (vgl. Abb. 2).18 Die konstitutive Grundspannung des Netzes besteht darin, dass es weder allzu große Lücken oder Löcher im Netz noch allzu hohe Erhebungen gibt: beides würde dazu führen, dass das Netz instabil wird und reißt.

Im letzten Teil der Einleitung dieses Threads werde ich die Wahl dieser Hypothese sowie weiterer theoretischer und praktischer Vorarbeiten noch genauer begründen und einen Ausblick auf den weiteren Aufbau der Beiträge bieten.


Fußnoten und Referenzen (Teil II)

8. Wie bereits angemerkt, verwende ich den Begriff des ‚Neo-Re‘, der aber nicht etabliert ist. Mit ihm beschreibe ich neo-populistische, revisionistische Bewegungen, wie zum Beispiel in drei Beiträgen auf diesem Blog, die ich hoffentlich für diesen Thread noch einmal neu bearbeiten werde.

9. Strobl, Natascha: Der Hass auf alles Schwache, in: Der Freitag vom 30.4.2020, URL: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-hass-auf-alles-schwache (zuletzt abgerufen am 12.5.2020).

10. Einen Überblick zu diesem gesamten Maßnahmenpaket, das oft in Kombination, bald aber auch aus Einzelmaßnahmen bestehen konnte, findet sich in meiner Magisterarbeit, die ich hier online zugänglich gemacht habe. Die genannten Metaphern, die auch in der verschwörungstheoretischen Rede von der angeblichen „Umvolkung“ auftauchen, sind typisch für das sogenannte demographic engineering der Zwischenkriegszeit. Vgl. dazu auch Schad, Thomas (2016): “From Muslims into Turks? Consensual demographic engineering between Interwar Yugoslavia and Turkey“, in: Journal of Genocide Research, 18(4), S. 427-446.

11. Ich muss hinzufügen, dass ich im Gegenteil zu meinen vorigen Beiträgen über die Proteste in Berlin an keiner dieser sogenannten „Hygiene-Demos“ auch nur als Zaungast teilgenommen habe, sondern mich für eine Einschätzungen voll und ganz auf unterschiedliche Pressestimmen verlassen muss. Vgl. Proteste gegen Maßnahmen: Tausende bei Demos gegen Corona-Regeln, auf tagesschau.de vom 9.5.2020, URL: https://www.tagesschau.de/inland/corona-demos-103.html (zuletzt abgerufen am 12.5.2020).

12. Laut Leipziger Volkszeitung, die sich auf eine Studie des Europäischen Zentrums für Medienfreiheit (ECPMF) beruft, fand der „mit Abstand größte Teil“ der Angriffe auf Pressevertreter zwischen 2015 und 2018 in Sachsen statt. Vgl. Medienhass in Sachsen: „Die Leute stehen klatschend daneben, wenn ein Journalist attackiert wird“, in: Leipziger Volkszeitung vom 2.5.2019, URL: https://www.lvz.de/Region/Mitteldeutschland/Medienhass-in-Sachsen-Die-Leute-stehen-klatschend-daneben-wenn-ein-Journalist-attackiert-wird (zuletzt abgerufen am 12.5.2020).

13 . Täter hatten vor Übergriff wohl Streit mit „heute-show“-Team, in: Der Tagesspiegel vom 4.5.2020, URL: https://www.tagesspiegel.de/berlin/angriff-auf-zdf-kamerateam-in-berlin-taeter-hatten-vor-uebergriff-wohl-streit-mit-heute-show-team/25799530.html (zuletzt abgerufen am 12.5.2020).

14. ARD-Team bei Demo gegen Corona-Verordnung angegriffen, in: RBB24 vom 6.5.2020, URL: https://www.rbb24.de/politik/thema/2020/coronavirus/beitraege_neu/2020/05/demonstration-flashmob-hildmann-polizei-reichstag-.html (zuletzt abgerufen am 12.5.2020).

15. Xavier Naidoo findet in Attila Hildmann Verbündeten: „Bereit Kopfschüsse zu kassieren“, in: Mannheim24 vom 12.5.2020, URL: https://www.mannheim24.de/mannheim/xavier-naidoo-attila-hildmann-telegram-corona-verschwoerungstherorie-mannheim-saenger-video-13750865.html (zuletzt abgerufen am 12.5.2020).

16. Zitiert nach Solty, Ingar: Interregnum der Protestbewegungen, in: Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, Heft 10/4, 2011. Online erschienen im Januar 2012, URL: https://www.zeitschrift-luxemburg.de/interregnum-der-protestbewegungen/ (zuletzt abgerufen am 11.5.2020).

17. Beck, Ulrich (Hg.)(2000): Freiheit oder Kapitalismus: Gesellschaft neu denken. Ulrich Beck im Gespräch mit Johannes Willms. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 23-24.

18. Diese nicht mehr aktuelle Visualisierung des Webs in Abbildung 2 ist dem Wikipedia-Eintrag World Wide Web entnommen und trägt den Titel Visualization of the world wide web common crawls 2012. Als Autor und Quelle ist aufgeführt: Sebastian Schelter via Twitter and email. c.f https://twitter.com/renepickhardt/status/605773574570270720 with responses. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Visualization_of_the_world_wide_web_common_crawl_2012.png (zuletzt abgerufen 12.5.2020).

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