Ich sitze gerade im ICE von Fulda nach Berlin. Es ist meine Rückreise, obwohl es etwas unpassend ist, nach fast drei Monaten dieser merkwürdigen Zeit bei meiner Zwillingsschwester, meinem Neffen, dem Minihund und nach all den Stunden in den Rhönwäldern von einer „Rückreise“ zu sprechen: es fühlt sich eher an wie eine Fortreise, eine Weiterreise. Vielleicht hat das auch damit zu tun – hoffentlich, wenn mir der Weg gnädig ist – dass jetzt so etwas wie eine Zeitenwende ansteht.
Ja, ich weiß: ‚Zeitenwende‘ ist gleichzeitig so hochtrabend, so ein stereotyper Gemeinplatz, so in aller Munde. ‚Zeitenwende‘ meine ich aber in diesem Fall ganz unpathetisch und persönlich, denn ich muss jetzt unbedingt nach Berlin, um dort ein paar große Weichenstellungen vorzunehmen. Wenn jetzt nämlich nichts mehr dazwischen kommt – und zuletzt kamen Phlegma und Corona sehr dazwischen – werde ich Anfang Juli meine Dissertation in Berlin verteidigen. Damit kommt nun ganz handfest ein Lebensabschnitt seinem Ende entgegen, der – gelinde gesagt – nicht der leichteste für mich war. Für mich persönlich ist es also durchaus eine Zeitenwende: die Zeit der Promotion ist dann um.

Wer kennt es nicht: das Jammern der DoktorandInnen? Ganz besonders laut jammern kann man jene DoktorandInnen hören (zu denen auch ich mich rechne), deren Polster aus Selbstgewissheit, aus kulturellem Kapital, aus Geldkies, aus ganz konsequent abgearbeiteten, aus von Anfang an klar benennbaren Büchern, Schriften und Gegenständen der Untersuchung weniger konkret in die Hand nehmbar ist; weniger konkret ist als jenes „matter subject“ jener Glücklichen, die von Anfang an wussten (?), welche Quellen sie auswerten müssen, um ihr Ziel zu erreichen.
Beides sind völlig legitime Wege. Ich würde auch nie behaupten, dass man mich nicht gewarnt, ermahnt und immer wieder darauf hingewiesen hätte, den angeblich „konkreteren“ Weg zu wählen. Niemand, der den „beschwerlicheren“ Weg nimmt, dürfe einen höheren Lohn dafür erwarten, hieß es; vielleicht eher das Gegenteil – und ich nicke nur. Und am Ende ist das unterschiedliche Maß an Unbehagen eine höchst subjektive, persönliche Angelegeheit, so dass eine Unterteilung in „Fleißarbeiten“ und „Sucharbeiten“ sowieso fragwürdig ist. Und vielleicht tue ich auch Unrecht mit dieser Unterscheidung, was sich hoffentlich niemand zu Herzen nimmt, denn das ist nicht meine Absicht. Und es ist natürlich auch gar nicht so, dass die mit den weniger konkreten Kapitalia häufiger den beschwerlicheren Weg wählen würden: nein, bestimmt nicht.
Allerdings war bei mir nicht nur Jammertal, denn die letzten Jahre waren auch unglaublich lehrreich. Ich fand zum Beispiel besonders lehrreich – und das wird sich womöglich streberhaft und langweilerisch anhören – zwei Methodenbücher von Jan Kruse (und Anderen): zum einen sind das Qualitative Interviewforschung: Ein integrativer Ansatz (2014), sowie Metaphernanalyse: Ein rekonstruktiver Ansatz (2011).
Letzteres hat Jan Kruse zusammen mit Kai Biesel und Christian Schmieder herausgegeben, obwohl ich Jan Kruse aus gleich zu nennenden Gründen hervorhebe. Ich kann beide Bücher wirklich wärmstens allen Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen empfehlen, die diskursanalytisch, soziologisch und übersetzerisch arbeiten, und die sich außerdem bei der Lektüre von Theorie- und Methodenbüchern ungern zu Tode langweilen. Besonders Metaphernanalyse ist nämlich sehr gut, ich würde sogar sagen: fesselnd geschrieben – und das hat in diesem Genre durchaus Seltenheitswert. Besonders die Metaphernanalyse hat mir vieles von den Begrifflichkeiten vermittelt, die nötig waren, um zu zeigen, wie Worte (Metaphern; Tropen) und Wirklichkeit einander bedingen und schaffen.
Aber nicht nur oder in erster Linie deshalb erwähne ich Jan Kruse gerade jetzt. Zum einen geht mir sein Schicksal nahe, denn er ist im Alter von nur 41 Jahren 2015 nach schwerer Krankheit verstorben, was mich beim Lesen des Nachrufs während meiner Feldstudien ziemlich betroffen gemacht hat.
Kennt Ihr das? Man liest etwas von einem Autor, und bei der Lektüre will man eigentlich die ganze Zeit „Ja! Genau so! Das ist es! Bitte weiter, schneller, mehr!“ sagen. Dann interessiert man sich für den Menschen hinter diesem Buch – und auch das ist doch bei Handbüchern und vergleichbarem eher selten der Fall – und schaut nach, googelt, „ecosiat“ (denn man sollte nicht nur googeln), stößt auf eine persönliche Homepage. Nun, ich bin auf seinen Nachruf auf der Seite der Universität Freiburg gestoßen, verfasst von Stephanie Bethmann, der über den Link nachgelesen werden kann.
Zum anderen denke ich gerade jetzt an Jan Kruse, weil Qualitative Interviewforschung (und erst später Metaphernanalyse) eines jener Ankerbücher war, die mich fast von Anfang an auf meinen Reisen und Forschungsaufenthalten begleitet haben; mit Reisen hat es sogar in mehrfacher Hinsicht zu tun. Es ist mir sofort bei Erscheinen zwischen die Finger geraten, und ich erinnere mich sogar noch an den Abend bei Dussmann in Berlin, da ich Buch-Beute gemacht habe. Immer, wenn ich in einem Zug oder auch in einem Bus sitze und den Laptop oder das (inzwischen sehr auf den Hund gekommene) Tastaturtablet aufklappe, denke ich an Jan Kruse, weil er in der Widmung ganz am Anfang des Buches schreibt:
„(…) Ich danke zudem der Deutschen Bahn, für die vielen langen (oftmals länger als geplanten) und anregenden Fahrten. Es wird nur wenige Sätze in diesem Buch geben, die nicht auf meinen produktiven Zugreisen verfasst worden sind.„
Kruse, Jan (2014): Qualitative Interviewforschung: Ein integrativer Ansatz. Beltz Juventa, Weinheim und Basel. (Widmung)
Kritik an der Bahn einmal beiseite: ich kann das wahnsinnig gut nachvollziehen! Ich denke, ich hätte das Schreiben unterwegs etwas ernster betreiben sollen, denn auch ich fühle mich oft besonders inspiriert, wenn ich im Zug oder im Bus sitze: das ist ein wenig so, wie in einer Zeitkapsel zu reisen – zumindest aus meiner Sicht. So ging es mir zum Beispiel in Montenegro, als ich im Bus von Podgorica nach Rožaje saß und weder aus dem Staunen über die senkrechten Wände der Morava-Schlucht herauskam, noch aufhören konnte, auf das Tablet zu hacken. Auch im ICE – wie im Prozess der Promotionsforschung, auch eine Reise – scheint es zwei unterschiedliche Typen produktiver Reisender zu geben. Ich unterscheide sie einmal etwas grob in Typ 1 und Typ 2.
Gerade war ich auf dem Weg ins Nachbarabteil, wo ich kurz hin musste, und dort habe ich jemanden gesehen, der auf seinem Laptop hochkonzentriert an Excel-Tabellen arbeitet. Vielleicht gehört er zu Typ 1. Viele Freundinnen gehören zu diesem Typ 1, denn sie erzählen davon, dass sie die Zeit im Zug nutzten, um schon einmal vieles wegzuarbeiten, was ansonsten im Büro oder wie auch immer „an Ort und Stelle“ schwieriger wäre, zu händeln: Telefon, KollegInnen, Kaffee, wichtige Nebentätigkeiten drohen dort mit Ablenkung. Ja: das leuchtet doch sehr ein.
Ich würde mich wiederum eher zu Typ 2 rechnen: dieser Typ 2 arbeitet nichts ab, weil es abgearbeitet werden muss – ohne deswegen freilich die Frage des abarbeiten Müssens in Nichts auflösen zu können; Typ 2 setzt sich aber in den Zug und ist inspiriert von der Bewegung, von der Landschaft, von den Gedanken und von einem Zustand, den ich vielleicht „Handlungsentlastetheit“ (nicht: „Handlungsentlastung“) nennen würde. Nur in diesem Moment kommen bestimmte Dinge zusammen, finden einander, ergeben zusammen Sinn: wenn der Geist und der Körper in Bewegung sind. Typ 2 arbeitet nicht weniger als Typ 1: aber er arbeitet an etwas anderem – vielleicht an etwas, was in ihm arbeitet.
Auch Typ 2 könnte das, woran er arbeitet (was in ihm arbeitet), nicht „an Ort und Stelle“ herstellen; und so sind sich beide Typen doch auch wieder ähnlich. Der Unterschied bleibt vielleicht darin bestehen, dass für die einen (Typ 2) der Weg das Ziel ist. Für die anderen (Typ 1) ist das Ziel die Zielgerade.
Ich hoffe, noch einmal ausführlicher auf die unten genannten Bücher zurückzukommen, und hoffe bis dahin, durch meine Empfehlung Interesse geweckt zu haben.
Literatur:
Kruse, Jan / Biesel, Kay / Schmieder, Christian (2011): Metaphernanalyse. Ein rekonstruktiver Ansatz. Wiesbaden: Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Kruse, Jan (2014): Qualitative Interviewforschung: Ein integrativer Ansatz. Beltz Juventa, Weinheim und Basel
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