[Sprache] Zum Wort ‚Start-up‘

Die FAZ bewarb gerade einen ihrer eigenen Beiträge vom 27.9.2020 hinter der Paywall, und so las ich über freundliche Empfehlung des Facebook-Algorithmus nur die Headline: „Abgehängt von Chinas Start-ups„. Im Teaser wird noch etwas ausführlicher gewarnt: „Auf der einzigen Automesse des Jahres in Peking zeigen deutsche Hersteller konventionelle Modelle. Den chinesischen E-Autos haben sie wenig entgegenzusetzen„.

Nein, es regen sich da keine autobahnpatriotischen Reflexe in mir: because I could not care less. Und es soll hier auch weder um die FAZ, noch um ihren Artikel oder gar um die an und für sich sehr wichtige und interessante E-Auto-Frage gehen — oder nur am Rande, ganz zum Schluss: es treibt mich vielmehr seit einiger Zeit die Frage um, was denn ein Start-up nun eigentlich sein soll. Natürlich weiß ich von der Bedeutung her durchaus, was ein Start-up ist. Deshalb also genauer nachgefragt: wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen dem Start-up und dem „Unternehmen“ bzw. dem neu gegründeten Unternehmen?

Nein, das ist jetzt auch kein sprachpatriotischer Seitenhieb gegen Denglismen und Anglismen — because I could not care less. Dies ist eine ernsthafte Frage nach Begriffsbedeutung und Sprachwandel. Norbert Elias hat einmal geschrieben, noch die größte Unordnung ließe sich erklären: so wohl auch diese. Und um diese Begriffsunordnung zu klären bedarf es einerseits einer Betrachtung der Verwendung des Begriffs, und andererseits muss bedacht werden: wir reden hier von einem denglischen Kontext. Auch wenn im Umfeld der Start-ups „echtes Englisch“ gesprochen wird, finden hier kreative Übertragungen und Vermischungen statt.

Ich beginne die Betrachtung zur vorliegenden Begriffsordnungslosigkeit beim altertümlichen, fast schon nach ‚Renaissance‘ müffelnden Begriff des Unternehmens, der UnternehmerInnen und des Unternehmertums. Diese Chronologie macht unbedingt Sinn, denn das Wort Start-up ist jüngeren Datums. Am älteren Wort — dem Verb unter-nehmen und dem Substantiv Unter-nehmerIn — ist zunächst einmal die Analogie zum französischen entre-prendre und entre-preneur auffällig, dessen Entsprechung es schließlich ist; zumeist wird entre-preneur freilich auf zugegebenermaßen scheußliche Art englisch betont, oder gleich erweitert zum Entre-preneurship (Unter-nehmer-tum) — ist also eher kreuzentlehnt oder lehnübersetzt.

Interessant daran ist auch, dass ich entre-preneur und entre-preneurship eher mit Zwischen-nehmerIn und Zwischen-nehmerInnentum übersetzen würde, wenn man mich ohne weiteres Kontextwissen darum bäte, es wörtlich zu übertragen: denn entre bedeutet eigentlich immer zwischen, nicht unter. Aber genug der Spitzfindigkeiten, die sich vielleicht noch etymologisch widerlegen ließen: in der gebräuchlichen Sprache heißt es Unternehmertum, und wer wann wohin oder woher übersetzt hat, weiß ich gerade nicht.

Es ist vielleicht zudem unfair, das Unter-nehmerInnen-tum im Vergleich zum nie dahergesagten Start-uperInnen-tum als „altertümlich“ zu bezeichnen, wie ich es soeben getan habe — denn das angeblich altertümliche Unternehmertum ist mitnichten ausgestorben. Diese Deutung rührt in meinem Fall aber bestimmt daher, dass ich beim Wort Unternehmertum immer sowohl an die bukowinische (momentan westukrainische) Stadt Czernowitz (Чернівці, ץיװאָנרעשט), als auch an Joseph Alois Schumpeter denke. Die Beziehung beider zueinander — und von dort in meinen Kopf — hat eine weit zurückliegende Geschichte.

Joseph Alois Schumpeter, ein 1883 in Mähren geborener, österreich-ungarischer Staatsangehöriger, hielt sich 1910-11 für eher kurze Zeit als außerordentlicher Professor in Czernowitz auf, das damals zu Ö/U gehörte und eine blühende, mehrsprachige (wenn auch deutschlastige), multikulturelle Kulturszene aufzuweisen hatte. Unter den historischen Ökonomen, die mir in meinem Studium der Osteuropastudien in der Teildisziplin Wirtschaftswissenschaft begegnet sind, war mir Schumpeter immer einer der sympatischeren (was ich jedoch unter Vorsicht formuliere): er beschrieb Unternehmertum als etwas kreatives, und er setzte dem/der erfolgreichen UnternehmerIn die Bereitschaft voraus, gerne einmal Risiken einzugehen und dabei unbedingt gegen Starrheiten und Monopolisierungstendenzen gerichtet zu sein. Innovation wird auch im Wikipedia-Eintrag zu Schumpeter als Grundmotiv genannt.

Es gibt nun nicht unbedingt Grund, Schumpeter unter all seinen Wirkungsstätten ausgerechnet mit Czernowitz zu asoziieren, denn der 1950 in den USA verstorbene Wirtschaftswissenschaftler hat auch an vielen anderen Orten gewirkt — darunter Wien, Graz, Kairo, New York. Ich bin aber einmal in Czernowitz gewesen, wo ich Schumpeter quasi über den Weg gelaufen bin. Czernowitz ist, das sei unbedingt gesagt, eine wahnsinnig interessante, sehenswerte, durch die barbarischen Verbrechen der Nazis aber auch sehr betrübt machende Stadt, aus der zum Beispiel auch Paul Celan und Rose Ausländer kamen. Ich war dort nicht nur auf einem Poesie-Festival, habe eine Ausstellung mit eröffnet und in der immer noch bzw. wieder so genannten Herrengasse Sushi und Wareniki gegessen — sondern ich bin auch an Schumpeters damaligem Wohnhaus vorbeigelaufen, wo eine Gedenkplatte an ihn erinnert. Dort kam mir — eingedenk meines Wirtschaftsseminars und Herrn Schumpeters Betonung der kreativ-gestalterischen, innovativen Energie des/der erfolgreichen Unternehmers/-in — die Idee, einem Projektantrag den Titel „Schumpeter“ zu geben. An der Ausarbeitung jenes Antrags war ich maßgeblich beteiligt, und nebenbei gesagt: der Antrag wurde auch bewilligt — ohne hier in irgendwelche Einzelheiten gehen zu müssen.

Der Unterschied zwischen entrepreneurship oder entrepreneurial spirit einerseits, und dem Start-up andererseits ist eher ein kosmetischer. Beide Begriffe widersprechen sich gar nicht wirklich: Start-up ist ein Make-up des ersteren, des älteren unter-nehmens. Bezeichnenderweise ging es bei unserem Projektantrag damals um ein Netzwerkprojekt von Start-ups, deren Gedeihen einer gängigen Metapher zufolge durch Inkubatoren beschleunigt, geschützt, unterstützt werden kann. Wie bei Schumpeters Unternehmergeist geht es auch bei den Start-ups um Innovation — um die revolutionäre Innovation der digitalen Ära.

Während der kreative Unternehmer der (post-)Schumpeterzeit eher an die Figur des Donald Draper aus dem whiskeygläsernen Vintage-New York der 1960er denken lässt, sind die Menschen hinter den Start-ups tendenziell gesunde, schlanke und rauchfreie Kinder der Jetztzeit. Beim Begriff Start-up schwingt in meiner kopf-bildlichen Pseudo-Umwelt immer die Vorstellung anfangs sympathischer, „bunt zusammen gewürfelter“, „freier“, kreativer Hinterhof-Hipsterx mit; so etwas wie die Manufaktur 4.0 — nur ohne ‚Manu-‚, aber auch ohne ‚-Faktur‘. Da es „Start-uper“ oder „Start-uperIn“ als Wort nicht gibt und auch grässlich klänge, nenne ich die Menschen dahinter einmal „Start-up-Hipster“, auch kurz: Hipster. Bitte nicht despektierlich verstehen: ihr habt einfach vergessen, den Begriff Start-up zu Ende zu denken.

Das System „ein Stück weit unfucken“

Start-up-Hipster, so meine Kopf-Umwelt weiter, wollen „das System ein Stück weit unfucken“. Darinter steht natürlich erst einmal die Annahme, dass das System abgefuckt sei — and I couldn’t agree more — und zweitens fällt mir dieses Erinnerungszitat ein, weil es vor wenigen Jahren einmal in einem Kurzvideo bei Facebook kursierte: ein sympathischer, ziemlich gut aussehender Hipster eines Berliner Kondom-Start-ups (altsprachlich: Kondomunternehmen) sprach auf einer Art Sommerfest völlig engagiert und überzeugend in die Kamera, dass sein Start-up eben das System ein Stück weit unfucken wolle. Dazu gehöre auch, dass alle dann und wann kämen oder nicht kämen, wie sie wollten oder könnten oder nicht. Der eine riefe vielleicht eines Tages an, etwas spät, um zu sagen: „es geht heute nicht, ich hab‘ nen Kater.“ Es sei ja eben auch „sein life„; und auf Nachfrage, was, wenn das jetzt zu oft vorkäme — na, dann könne man ja (in dieser ein Stück weit unfuckten) Start-up-Kultur auch fragen: „ja Mann, klar ist es dein life: aber hey, was ist das für ein life?“ Auch feste Gehälter gebe es nicht, und es verdiente auch nicht jede/r gleich: die eine sei vielleicht schwer verschuldet, alleinerziehend und brauche einfach mehr — während der andere eher vielleicht sage: komm, lass‘ mal, ich brauch‘ doch gerade eh nicht so viel. Das ist wohl ein Ausschnitt aus einer Welt, die „ein Stück weit unfucked“ ist.

Ich habe heute schnell nachgegoogelt und das Video nicht gefunden, und außerdem war ich zu bequem, um „auf meiner Wall nachzuscrollen„. Und so stieß ich immerhin auf ein paar Artikel über das Kondom-Start-up einhorn aus Berlin. In der positiv annotierten Vorstellungswelt über Sex, womit sowohl Kondome als auch das Wort fuck/unfuck zu tun haben, mag das negativ annotierte Bild einer Welt, die abgefuckt ist und unfuckt werden muss, bald etwas widersprüchlich, bald sogar grob unsinnig wirken. Doch das Konzept „unfuck the world“ scheint von einiger Langlebigkeit zu sein: Unter der Headline „Unfuck the worldin Berliner Markthalle: „Jede Veränderung beginnt mit einer Diskussion“ gibt es einen Artikel vom 16.7.2019 im Berliner Tagesspiegel, in dem es um eben jenes Start-up einhorn geht. Nun ja.

Um nun von einem Start-up, das die Welt ein Stück weit unfucken möchte, auf eine etwas allgemeinere Ebene zu gelangen, fallen sicher vielen BerlinerInnen und anderen sofort Bilder und Assoziationen zum oft etwas nervigen Thema Start-up ein. Ich stelle mir Start-ups grundsätzlich so vor, dass alles im shared working space mit glänzenden, riesigen Espressomaschinen und schlichten, riesigen Deckenleuchten abläuft: ob in Brooklyn, ob in Berlin, ob in Kopenhagen, ob — vor dem wahnsinnig großen Wahnsinn, der die zwischenzeitlich sehr hippe Stadt am Bosporus in eine Kreativitätswüste verwandelt hat — in Istanbul. Wahnsinnig viel passiert auch im home office, und ganz wahnsinnig viel natürlich auch in der Digital-Nomads-Szene auf Bali. Oder auch zwischendurch, während der Worcation mit Tauchkurs in Costa Rica. Auch darunter kann verstanden werden, das System ein Stück weit zu unfucken: in der Welt der Digital Nomads gibt es wohl kaum etwas abgefuckteres als einen „Nine-to-five“ Bürojob.

Start-ups haben außerdem immer jemanden für die Namensfindung und für das storytelling: in der Regel kommt der Name als genial und besonders eingängig empfundenes Kofferwort daher, besonders aus Sicht der Start-up-Hipsterx selbst. Gleichzeitig ist der Name im Idealfall ein buzz word, das nicht nur eine Homophonie enthält oder voll witzig verballhornt ist, sondern über dessen Findung außerdem immer noch ein Narrativ dazu erzählt wird — „hererzählt wird“ — denn nichts geht heute ohne storytelling: corporate identity ist voll Nineties. Storytelling hat, im Gegensatz zur corporate identity oder zu ollen Logos à la Chiquita (um ein Klischee zu wählen) in ihrem Verlauf je eine wichtige challenge zu nehmen, die als Mini-Mythos erzählt werden kann. Der Name selbst kursiert dann nur noch in serifenloser Schrift durch die Algos: er sollte nicht aufdringlich, eher handy sein.

Anfangs wirkt das Start-up-Wesen, genau wie das risikofreudige, Schumpetersche Unternehmertum, noch gewissermaßen sympathisch — obwohl ich bei Risiken natürlich sofort an Ulrich Becks Risikogesellschaft denke: Vorsicht ist geboten. Risikofreudigkeit und die beständige Risikoproduktion haben uns in dieses sogenannte, ziemlich abgefuckte Anthropozän gebracht, um ein weiteres Mal die denglische Start-up-Sprache zu gebrauchen.

Doch dann passierte den Start-ups etwas, woran sie — zumindest als Begriff — noch schwer zu knabbern haben werden. Und das, was da mit dem Start-up-Wesen passierte und am passieren ist — dem „Mythos Start-up“ — ist wahrscheinlich unmöglich in einem Begriff, gar anhand eines Ereignisses fassbar. Natürlich wurde ihre Welt nicht durch eine ungeschickte, womöglich auf bestürzende Weise sogar ehrliche, junge und steinreiche Frau erschüttert. Und doch begab es sich eines Tages, dass die Keksfabrikantenerbin Verena Bahlsen eine Veranstaltung von „Online Marketing Rockstars“ aufwirbelte: ein Ereignis, das sehr nah an die Start-up-Welt gebaut erscheint. Dachte sie, sie könne sich mit den bunt zusammen gewürfelten, freien, kreativen Leuten gewissermaßen gleich machen — als von Geburt an Challengelose? Die ärmste, die reichste: sie soll gestrahlt — laut NTV: gelacht haben in die social media:

Doch dann legt Bahlsen los: „Ich scheiß‘ auf Wirtschaft, wenn Wirtschaft nicht ein Vehikel ist, uns als Gesellschaft nach vorne zu bringen.“ Sie lacht. „Alles andere interessiert mich nicht so sehr.“ Das Publikum applaudiert. Dann folgen die Sätze, die später in den sozialen Netzwerken für Wirbel und etliche negative Kommentaren führen: „Ich bin Kapitalist. (…) Mir gehört ein Viertel von Bahlsen. Da freue ich mich auch drüber.“ Gelächter im Saal. „Das soll auch weiter so bleiben. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und sowas.“ All das sagt Bahlsen mit einem Lächeln. Wie ernst sie das alles meint, weiß nur sie selbst.

Von Zwangsarbeitern und Jachten: Wie sich die Bahlsen-Erbin verrannte, in: ntv vom 14.5.2019

Das war eindeutig zu unprotestantisch, zu unarbeitsethisch, zu unverdient: denn geschenktes, ererbtes, totes Altgeld hat doch erstens keine challenge genommen; und wo will dieses Geld, dieser nekrotische Erfolg — der ja gar keiner ist — seine Story bitte hererzählen? Aus der Nazizeit? Zu den Dutzenden Menschen (…), die im Zweiten Weltkrieg für Bahlsen Zwangsarbeit leisten mussten (ntv)? -Zwar wird berichtet, sie habe sich wiederholt dafür ausgesprochen, die Wirtschaft solle nicht wachsen, sondern die Welt zum besseren verändern: etwas nicht ganz un-entrepreneurhaftes. Doch jede Glaubwürdigkeit ist dahin. Wie im Beitrag Was kommt nach den Keksen in der Tagesspiegel-Beilage Digital Present aus dem Jahr 2017 berichtet wird, hatte Bahlsen zuvor die Nähe zur Start-up-Szene in Berlin gesucht: eine gefährliche Umarmung? Jenes Geld ohne challenge soll schweigen. Es darf freilich vor Sardinien liegen, als Jacht unter Jachten, als „geile Scheiße“.

Wie gesagt: weder wird die junge Bahlsen den Begriff Start-up alleine verwässert haben, noch hörten die Menschen seitdem auf, den Begriff Start-up zu verwenden. Nein: sie verwendeten ihn einfach fortan für alles und jeden, was man vielleicht vorher noch als Unternehmen bezeichnet hätte. Außer für die großen SUV-Rampen wie BMW, VW und Daimler: die heißen einfach BMW, VW und Daimler. Vielleicht können sie deswegen neben „Chinas Start-ups“ einpacken — weil sie vergessen haben, sich mit einer hererzählbaren Story auszugründen? Oder vielleicht, weil sich der deutsche/denglische Sprachgebrauch seiner Wurzeln erinnert hat: in der englischen Sprache gelten auch die ganz großen als Start-ups — man denke nur an Facebook, Google, Tesla — die ganze „Tech“-Branche, ganz Silicon Valley: alles Start-ups. Das sympathische Gerüchle um das Wort Start-up verzieht sich also ganz schnell: die Welt ein Stück weit zu unfucken, das ist die neue, bunt zusammengewürfelte, kreative und (gar nicht so) freie Unternehmerschaft der Welt bis jetzt schuldig geblieben.

Quelle: Pixabay

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