April
Der April brachte Höchsttemperaturen und große Trockenheit. Im Osternest [1] lag dieses Mal wertvolles Desinfektionsspray für die Hände, und auch ansonsten war alles anders. Am zweiten Ostertag war es plötzlich kalt und ich fuhr mit dem Minihund auf den Kreuzberg [2], wo ich das Auto versteckt hinter einem Abhang parkte, denn ganz erlaubt war das womöglich nicht. Wir waren die einzigen Besucher des Kreuzbergs: unvorstellbar an allen vorherigen Osterfesten, wo die Klostergaststätte aus allen Nähten platzt! Im April wuchs Bärlauch [3] in großen Massen. Es zeigte sich ein Supervollmond [6]. Die Natur erwachte mit voller Kraft, und der Anblick der Schlüsselblumen [4] bewirkten bei mir eine innere Zeitreise zurück in die Kindheit — und auch zur ersten selbst erlebten Katastrophe: Tschernobyl.
Mai
Im Mai wurde allmählich klarer, wann ich meine Dissertation würde verteidigen können — es lief auf Juli hinaus. Ich ging weiter in die Wälder [1] und bereitete mich auf die drei Thesen vor. Was lag da näher, als sich mit dem „deutschen Wald“ zu beschäftigen? Ich las wieder viel über das Neunzehnte Jahrhundert, in Heinrich Heines Schriften, über die Italienische Renaissance und Machiavelli; ich analysierte Waldmetaphern, stellte Geschichtsbilder und Zeitregime in Frage. Allmählich kamen dann die ersten Lockerungen, und ich fuhr in meine Geburtsstadt Schweinfurt [2], wo ich meinen Lieblingsbuchladen besuchte und mich über ein teuer erstandenes Buch ärgerte (nicht im Bild), das seinen Preis nicht wert war und doch über den grünen Klee gelobt wurde. Was wohl der maskierte Friedrich Rückert [2] dazu gesagt hätte?
Juni
Im Juni hatte es das Blühen der Waldpflanzen — hier Lupine und Purpurdigitalis [1] — auf eine unerhörte Spitze getrieben. Andererseits zeigten sich in den niederen Lagen des trockenen Unterfrankens zahlreiche Leichen [2]: es waren die Koniferen, die alten „Brotbäume“ der Wirtschaftsforste, die es nicht über die zwei Dürrejahre geschafft hatten. Die Klimakatastrophe schreitet überall voran, sie ist im wahrsten Sinne spürbar — spürbarer als die Pandemie — und die Zukunft der Wälder wird definitiv anders aussehen als auf den gewohnten Bildern. Für mich kam im Juni die Zeit der Fortreise [3] von Familie und Minihund: ich fuhr nach Berlin [4], wo mir die Verteidigung endlich bevorstand. Vom zum Bersten aufgeladenen Himmel drohte eine böse, gelbe Wolke [5] herab auf das Tempelhofer Feld, wo ich unter „meiner“ Platane lag und nach Jahren erneut in Roger Willemsens (R.I.P.) Buch „Der Knacks“ las. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und es gelang mir, mich mit einem alten Trauerfall neu auseinanderzusetzen: nach 25 Jahren erinnerte ich mich zum ersten Mal am 19. Juni an den Todestag meines Vaters. 2020 war insgesamt auch das Jahr der morbiden Jahrestage: am 11. Juli waren 25 Jahre seit dem Fall Srebrenicas und des Genozids vergangen.




























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