Juli
Am 7. Juli schließlich war es soweit: ich habe verteidigt [1]. Es waren keine Gäste dabei, es gab kein Buffet und keine Feier — dafür gab es aber auch keinerlei Nervosität, kein Lampenfieber und keinen Stress. Es war, wie es war — und jetzt war es um. Heinrich Heine [2] aber blieb: ich las und schrieb immer weiter. War das eine Art Phantomschmerz? Aus meinen drei Thesen entstand ein weiteres Buchprojekt über Zeit- und Geschichtsbilder in Umbruchsphasen. Heine sitzt in Berlin als Denkmal übrigens gewissermaßen am Katzentisch, eingeklemmt zwischen Humboldt-Universität [3] und Gorki-Theater, im Hintergrund spitzt das Collegium Hungaricum durch. Nun hatte ich auch wieder mehr Zeit, über mein Forschungsprojekt Hermannova [4] nachzudenken und konnte die Homepage umarbeiten. Das Urlaubsgejammer derer mit Geld und hohen Ansprüchen ging mir allmählich auf die Nerven. Sehr gut war es dagegen, mit Anna ins Baruther Urstromtal zu fahren: nach Glashütte [5], wo unsere Freiwilligenkollegin Dascha mit ihrer Familie wohnt, und wo uns am Ende eine hornlose Kuhherde durch einen tropischen Hitzefilm anstarrte [6]. Ich fing an, mich nach alternativen Wohnmöglichkeiten umzuschauen.
August

[1] Theorie… 
[1] … und Praxis … 
[1] … der Pita … 
[1] … und ihr unerreichter Idealtyp. 
[2] 
[3] 
[4] 
[5] 
[4] 
[2]
Dass der Lockdown auch abseits streng akademischer Diskurse nennenswerte Lerneffekte zeitigte, beweisen die ersten Bilder [1]: ich kann jetzt ohne Schwierigkeiten Pita (und meinetwegen auch Burek) zubereiten, beherrsche mehrere Techniken und weiß um so einige Tricks, die erst mit der Erfahrung kommen. Während man die Pita als Soul Food bezeichnen könnte, die ich seit meiner frühesten Kindheit kenne und liebe, könnte die Sevdah-Musik als eine Art Soul Music gelten, obwohl sie durch ihren hybriden und uneindeutigen Charakter doch meistens eher mit dem Blues verglichen wird. Es war mir ein großer Genuss, im Berliner August einen [3] Beitrag über dieses Genre zu schreiben, den ich später noch weiter veröffentlichen konnte (s. Dezember). In Berlin [2] trieb es nun alle ins Freie, die sich vorher lieber im Club getroffen hätten, und unser nun mediterranes Sommerwetter bescherte der Hermannova fast Strandatmosphäre [2]. Der August hatte noch eine krönende Abschlusswoche parat, die mich wieder ins Francorum brachte — diesmal allerdings ins thüringische: dort wohnt meine Freundin Else aus der Schulzeit, und zwar ganz vornehm auf einer Johanniterburg [4]. Ich bin sehr froh, sie nach so langer Zeit wieder getroffen zu haben. Ich habe viel über das sogenannte Henneberger Land gelernt, und auch hinsichtlich der Metaphernanalyse bin ich weiter gekommen, zum Beispiel auf dem Gebiet der Heraldik und redenden bzw. sprechenden Wappen: und im Henneberger Land redet tatsächlich die Henne [5] — wobei es übrigens auch Füchse gibt.
September
Im September — im Unklaren über die zweite Welle, ihr genaues Eintreten sowie die Ausmaße der Maßnahmen — blieb ich erst einmal im Francorum, wo sich am 1. September ein außergewöhnlicher Doppelregenbogen [1] zeigte: und das, obwohl das Symbol des Regenbogens im Laufe des Jahres 2020 von immer zahlreicheren, verrückt gewordenen, neo-populistischen Regimen offiziell verboten wurde! Ich habe unter anderem eine Radtour [2] nach Schweinfurt unternommen, wo mir die Fußgängerzone jedes Mal ein bisschen mehr leid tut und an eine alte Balkan-Čaršija [3] erinnert. Unterwegs habe ich mich mit dem Wandel des ländlichen Raums beschäftigt: die Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte, während der ich nicht mehr dort wohne, sind sehr groß — und sie werden (natürlich) umso größer, je weiter man zurückblickt. Zum Beispiel war Unterfranken bis in die Nazizeit stark vom Landjudentum geprägt, wovon ich zwar immer wusste, womit ich mich aber seit langem nicht mehr beschäftigt hatte. Ich beschloss, dies zu ändern, und ging den Spuren der 2017 verstorbenen Bibliothekarin und Lokalhistorikerin Cordula Kappner nach, die ich als Schüler ganz gut kannte. Die Schautafeln im Dorf Kleinsteinach [4], wo es einen jüdischen Friedhof gibt, sind ihren Recherchen zu verdanken. So konnte ich einen Teil des Kapitels über das fränkische Landjudentum des Buches Acta Francorum füllen.
























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