[Hermannova] Die achtsame Russischbrüllerin

Kennt Ihr das? Man läuft an einer Person vorbei, die extrem laut in ihr Handy brüllt und dabei scheint’s allein auf der Welt ist. So geschehen zuletzt am gestrigen Sonntag auf der #Hermannova, im kleinen Park zwischen Flughafenfeld und Hermannstraße, wo die stolzen Platanen ragen, wo vorher ein Friedhof lag; wo wir uns auf einer Einflugschneise befinden, die von einer anderen Zeit zeugt, in der sich die folgende Szene ganz gewiss nicht zugetragen hätte.

Ortsübliche, halbborkene Baumstämme, auf die sie sich zum Brüllen setzen.

Wer allein auf der Welt ist, sich aber innerlich so stark über die Welt aufzuregen hat, dass die Wallung, dass die Rage im Ganzen, plötzlich und laut hinaus müssen, setzt sich auf einen der herumliegenden, halbborkenen Baumstämme, zückt das Smartphone und brüllt einen 20minütigen Monolog in die vergessene Welt. So ist das zumindest hier, auf der #Hermannova.

Und wer innerlich so allein auf der Welt ist, muss sich auch in keiner falschen Zurückhaltung üben: Lautstärke, ich hab‘ noch keine gehört. Und weil die Hermannova in vielen Zungen spricht, denkt, fühlt, zürnt, wallt und sich also artikuliert, nimmt es auch nicht Wunder, dass die Frau auf dem halbborkenen Baumstamm auf Russisch in ihr Handy brüllte. Wir wollen sie also, und zwar ohne jede despektierliche Absicht, die Russischbrüllerin nennen.

Und anstatt mich über die Brüllerei zu ärgern, fand ich ihr Verhalten, ihr Russischgebrüll, auf einmal so achtsam von ihr. Sich also nicht nur hinzusetzen und laut und monologisch auf Russisch ins Handy zu brüllen – sondern es dabei auch noch zu schaffen, den Rest der Welt ganz und gar auszublenden. Und wie sie da saß: um bequem und ausdauernd brüllen zu können, hatte sie ein schneeweißes Tuch auf den halbborkenen Baumstamm gebreitet; gegen die garstigen, unberechenbaren Aprilwinde hatte sie sich eine blaue Daunenjacke über den stattlichen Leib gespannt. Bis zu den Schienbeinen waren winterliche Mondboots geschnürt, das strähnige Haar streng und blond zurückgebunden, die Zigarette wurde leidenschaftlich geraucht, während das Haupt den ganzen Schreiakt hindurch erhoben blieb. Die ganze Achtsamkeit, so sagt man, liegt in der Versenkung, in voller Konzentration, in absoluter Hingabe.

Ich dachte mir fasziniert, dass ich wohl gerade an einem völlig abgetrennten Stück Welt vorbeilief, welches ganz es selbst war. Dabei war die Russischbrüllerin aber im Prinzip auch voll der Gnade, es die aufmerksame Ohrenzeugenschaft mithören zu lassen: hier war sie, eine große, russophone Aufregung über eine andere Welt, über Dinge, die dringend hinausgebrüllt werden mussten, und die keiner je verstehen würde, auch wenn es wahrscheinlich äußerst wichtige, existenzielle Dinge waren. Und bevor ich, wie ich es normalerweise getan hätte, einfach vorbei gehen konnte, erfassten mich ein paar leidenschaftlich vorgetragene Brocken russischer Wallung, russischer Rage: „Kto tam, eto Anton! Eta maja familija… an sprašivajet… ja slušaju… rabotaju… ni prava ni ljeva… Što ne slušajet!“

Und ich dachte an mein Russischpropädeutikum und daran, wie man seine Russischkenntnisse nur so auf den Hund kommen lassen kann. An die stets aufgebrachte Frau M., die bald Russisch, bald Brandenburgisch auf uns einpeitschte: „Bildet Euch nicht ein, Ihr könntet Russisch, weil Ihr Serbisch (sic!) sprecht! Serbisch, Tschechisch, Polnisch! Pah! Wir sprechen hier Russisch!“ Obwohl ich die abgetrennte Welt der Russischbrüllerin nicht intim betreten, nicht gefährden, die Wallung mitnichten unterbrechen wollte, setzte ich mich ganz in die Nähe, auf einen der herumliegenden, halbborkenen Stämme — wie man das auf der #Hermannova so tut — und hörte fasziniert der Russisch gebrüllten Achtsamkeit zu.

Blick vom benachbarten, halbborkenen Baumstamm, während sich im Hintergrund der russische Brüllakt vollzog.

Hinterlasse einen Kommentar

Website bereitgestellt von WordPress.com.

Nach oben ↑