[Human Security] Operation Epic Fail: der Afghanistan Plot

Wer ernsthaft geglaubt hat, mit der Abwahl des Trash-Präsidenten würde sich außerhalb der US-Grenzen ernsthaft vieles hin zu mehr Menschlicher Sicherheit verbessern, wird nun allmählich aus der Katerstimmung aufwachen müssen. Hinter uns liegen der Regimewechsel durch die zweite amerikanische Partei (die Demokraten), die Inthronisierung ihres Präsidenten Joe Biden, ein wie immer zirkushafter Wahlkampf, eine „Erstürmung“ des Kapitols zu Washington durch einen Mob aus Lumpenproletariat, ein schrilles Inaugurationsspektakel — und sehr, sehr viel heiße Hashtag-Luft.

Wer gedacht hat, für Europa — einschließlich und besonders des Balkans und der sogenannten Balkanroute — für den weiteren Mittleren Osten und die Situation von Flüchtlingen insgesamt gesehen (weltweit) könnte sich nun einiges verbessern, wurde schon durch die Lage der Flüchtlinge in Lateinamerika eines besseren belehrt. Jetzt gerade ist es ganz besonders wieder das Schicksal Afghanistans, das uns ernüchtern sollte: Die Taliban sind dabei, das Land zurückzuerobern. Von einem Paradigmawechsel hin zu Menschlicher Sicherheit ist weit und breit nichts zu sehen und kaum etwas zu erwarten. Ganz im Gegenteil: wir erleben katastrophischen Progress und weitgehende Visionslosigkeit. Die Welt scheint abwechselnd zu brennen und zu ertrinken.

Erinnern wir uns bei dieser Gelegenheit einmal an den Afghanistankrieg. Dieser dauert seit 1978 an, aber 2001 hat er durch die „Operation Enduring Freedom“ eine neue Richtung angenommen. „Anhaltende Freiheit“ lautet dieses Ziel und Motto auf Deutsch. Legitimiert wurden die militärischen Einsätze durch die verheerenden Terroranschläge des Elften Septembers (Nine Eleven), nachdem der maßgeblich von den USA mitverursachte, über Jahre hervorgebrachte, islamistische Terrorismus zu einer ernsthaften Bedrohung auf amerikanischem Boden (für Amerikaner*innen) geworden war.

Die Taliban hatten Afghanistan im Griff: diese sind so etwas wie eine totale Perversion aus Geschlechter-Apartheit, religiösem Fanatismus, Intoleranz und Hardcore-Patriarchat; geboren aus einem vielschichtigen Komplex von Frustration, Kränkung, Erniedrigung, Krieg, Trauma und Entwicklungsstau. Genau wie die Terrorformation Al-Qaida sollten sie besiegt, Afghanistan anhaltend „befreit“ und demokratisiert werden. Huch, das war alles nicht so ernst gemeint: jetzt gehen wir halt wieder, scheint gerade die Losung zu lauten. 

Die Taliban gibt es offenbar noch. Ohne mehr über die aktuelle (innere) Entwicklung dieser Formation zu wissen, bezweifle ich, dass Frauen und freiheitsliebenden Menschen in Afghanistan nun etwas besseres blüht als 1996. Die Nachrichten sind voll der Ankündigungen und Berichte, dass die Taliban wohl bald das ganze Land, zumindest aber den größten Teil wieder übernehmen werden. Wie die Tagesschau am 24. Juli 2021 berichtet, ist nun eher mit China als Ordnungsmacht zu rechnen — und China hat bekanntlich kein Interesse an Freiheit. China sei es einzig um eine wie auch immer geartete Stabilität in Afghanistan bestellt, und sei es unter dem Knebel der Taliban, die China als politische Kraft (und nicht als Terrorformation) betrachte.

Der „Operation Anhaltende Freiheit“ war es von Anfang an gar nicht um die Freiheit Afghanistans bestellt, sondern um die „Sicherung“ des Land- und Seeraums rund um die Arabische Halbinsel: das Rote Meer, der Golf von Aden, der nördliche Indische Ozean, die Straße von Hormus, der Persische Golf. Der sichere Zugriff auf die Energieressourcen am Golf. Der Fortbestand der Erdöl- und Wachstumsreligion musste gesichert werden, der Terrorismus war dabei hinderlich — aber auch an der Erhaltung der inneren Sicherheit der USA. Die europäischen Verbündeten, darunter Deutschland, die sich an den „Operationen“ (ein Euphemismus für Krieg) in Mittel- und Zentralasien, auf der Arabischen Halbinsel, am Horn von Afrika, im saharischen und subsaharischen Afrika sowie auf den Philippinen beteiligt haben, sind nun in der Lage, eine einfache Lektion zu verinnerlichen: diese sogenannte Operation Enduring Freedom sollte eigentlich Operation Epic Fail genannt werden, wenn man ihr Ergebnis am verkündeten und legitimierenden Ziel misst. Epic Fail in erster Linie hinsichtlich ihrer eigenen Sicherheit, die mit der Sicherheit Afghanistans zusammenhängt.

Bildquelle / Attribution: NordNordWest, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons.

Ich will damit gar nicht diskutieren, was während der vergangenen Jahre in Aftghanistan vielleicht durchaus erreicht worden ist (oder nicht); es geht mir einzig um das verlogene Motto einer angeblichen „Anhaltenden Freiheit“. Wichtig ist außerdem, dass sich die USA in einer ganz anderen Lage hinsichtlich „ihrer Freiheit“ befinden, als die Staaten des eurasischen Kontinents. Es ging einzig und allein um die Sicherheit in den USA, sowie eine Sicherung der Ressourcen am Golf. Es ging nie um Freiheit für die anderen Länder, die möglicherweise von einer dauerhaften Destabilisierung betroffen sein würden — wie der Schub an Neo-Populismus in Europa seit 2015 demonstriert hat. Das alles ist eigentlich bestens bekannt.

Der weitere Plot sieht jetzt so aus: die Flüchtlinge aus Afghanistan werden zum Problem Pakistans, Irans, der Türkei und der EU-Staaten erklärt. Die USA werden niemanden (oder höchstens „handverlesen“) aufnehmen: Sie werden keine Verantwortung übernehmen, ebensowenig wie Brexit-Britannien. Und sie müssen das auch nicht tun: kein Mensch aus Afghanistan oder Pakistan ist in der Lage, zu Fuß dorthin zu gelangen. Die vergangenen Jahre haben dagegen gezeigt, dass Menschen durchaus imstande sind, Tausende Kilometer zu Fuß zurückzulegen, um sich aus dem Gebiet des Epic Fails zu retten — und es ist ihnen auch gar nicht zu verdenken. Ich wäre in ihrer Situation bestimmt unter den Ersten aufgebrochen.

Und wie so oft in den letzten Jahren, wird dies amerikanische und europäische Besserwisser*innen in den meinungsmachenden Online Social Networks natürlich nicht daran hindern, „Europa“ die moralischen Leviten zu lesen, den Zusammenhang zu etwas einzig und allein identitärem zu verklären: die USA haben damit nichts zu tun! Colonialism! „They only get what they deserved“, hat eine amerikanische Akademikerin einmal die Gewalt gegen Flüchtlinge auf dem Balkan kommentiert; und sie meinte nicht die Flüchtlinge, sondern die bösen Balkanländer. Natürlich steht Europa in der Pflicht, in der Verantwortung. Europäische Staaten haben sich an der Operation Epic Fail beteiligt. Aber Vorsicht: Wenn „nur“ die Ergebnisse des Prozesses kommentiert werden — die Produktion von Fluchtbewegungen und der Umgang der Wanderziele — wird leicht ausgeblendet, was jenseits der Grenzen „des Bösen“ geschieht. Es wird dann nicht unbedingt erkannt, wie sehr die völlig falsche, verantwortungslose und sicherheitsabgewandte Politik im Vorfeld alle involvierten Gesellschaften und neopopulistischen Entwicklungen, und zwar in allen Ländern auf der Fluchtroute, von Afghanistan bis Schweden, destabilisiert hat. Bei einer Überfokussierung von Identität kann untergehen, welche eingebauten Denkfehler in überalterten Sicherheitsvorstellungen eigentlich ausschlaggebend waren. Die identitäre Verwässerung kann dadurch noch vorangetrieben werden.

Ein paar Tausend Flüchtlinge, die in der falschen Richtung ihr Glück versucht haben werden, bleiben wohl wieder in der Balkan-Sackgasse hängen. Es werden wieder Elends-Bilder von Menschen auftauchen, die sich von aufgetautem Schnee zu ernähren haben. Es wird wieder zu Solidaritätsbekundungen kommen, die im Großen und Ganzen nichts bewirken werden. 

Die deutsche Außenpolitik und die der EU werden voraussichtlich weiterhin das autoritäre Regime in der Türkei mit Milliardendeals unterstützen, bis dieses Kartenhaus schließlich in sich zusammenfällt, was auf jeden Fall vorprogrammiert ist. Doch was passiert dann? Hat sich darüber einmal jemand Gedanken gemacht, konkrete Vorschläge entwickelt? Glauben deutsche Ausßenpolitiker angesichts der Operation Epic Fail ernsthaft weiterhin, ein NATO-Staat sei too big to fail? Ich weiß nichts über altmodische Hinterzimmer-Diplomatie und eventuelle Geheimprojekte für diesen Fall. Vielleicht gibt es irgendwelche genialen Pläne im Sinne der Menschlichen Sicherheit (Human Security) — zum Wohl der Menschen Afghanistans, des Mittleren Ostens, der Türkei, des Balkans, der EU-Staaten. Vielleicht lassen sie sich gegen die Macht der „Meinungstechnikerinnen“ (Opinion Technicians) der OSN, gegen die neopopulistischen Bewegungen mit ihrer Hetze gegen Flüchtlinge und gegen Freiheit durchsetzen. Wenn ich mir die Bilanz der digitalen Errungenschaften der deutschen Regierung, das Katastrophenmanagement und die Publikationen deutscher Think Tanks vor Augen führe, ist meine Hoffnung allerdings gering.

Immerhin ist nun höchste Zeit für Wahlen.

Bildquelle: Bild von David Mark auf Pixabay

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