[Yorum] Deine Lieblingsstelle

Deine Lieblingsstelle liegt in der Nähe von dort, wohin du auch nach deiner zweiten Impfung gehen würdest. Diesmal hast du Nebenwirkungen, aber das merkst du erst bei der Lieblingsstelle. Dorthin radelst du, obwohl sie dir sagen, dass du nicht radeln sollst.

Du setzt dich an den Strand, dir ist schwummrig.

Es blitzt, es donnert — es ist der Sommer mit Ahrtal, mit Armin.

Heftiger Regen setzt ein, aber von der Lieblingsstelle kannst du nicht weg.

Von der verlässlichen Kraft bist du verlassen: wie wenig kannst du jetzt tun. Milde Regenpeitschen treffen dich.

Jetzt kannst du dich ausziehen, dazu reicht deine restliche Kraft.

Du musst doch nach Belgrad fliegen.

Die restliche Kraft packt die Klamotten in die Fahrradtasche, schnürt fest zu, macht regenfest.

Endlich kannst du dich auf einen unbeschatteten Baumstamm setzen.

Du kannst jetzt tun, was du zuletzt in der Kindheit getan hast: Du lässt dich ganz und gar vollprasseln.

Kannst dich dem Klima aussetzen und es aussitzen — und tun das nicht Alle?

Wir sitzen es aus, wir lassen es eskalieren.

Bist patschnass, Ohrenhöhler retten sich auf deine Füße. Hast wenig Haar auf dem Kopf, die Sonne trocknet alles im Nu.

Gips Fahrrad, gips Zeit, gips Tage — sind endlos lang: Jetzt brauchst du gar nichts, musst dich von der Lieblingsstelle nicht weit zu bewegen.

Du wählst einen bequemeren Strand, wo du schnell einschläfst, steinfest wirst.

Du gehst in einen luziden Traum, den du nicht wählst. Er ist gesetzt, ist einfach da.

Bist handlungsentlastet, wie im kommenden Flugzeug nach Belgrad.

Take-off: der Stein bleibt am Strand.

Wann war dir zuletzt etwas so egal wie dieser Tag?

Est-ce le temps perdu: ist das die verlorene Zeit?

Hayattan çaldın: du hast vom Leben geklaut.

Du erlebst eine pandemische Grippe, einen Urlaub, eine Gondelfahrt, deine Kabine beginnt in Franken, sie endet an der Baía de Todos os Santos, anscheinend fliegst du doch nach Brasil.

Nach drei vollen Stunden wachst du wieder auf, deine Uhr trügt niemanden.

Die Grenze zwischen Schlaf und Traum filtert — in sepia.

Kannst dich kaum räkeln, schwerfällig zum Fahrrad du stolperst. Die Macht mit dir nicht ist.

Alle deine Glieder: übermüdete Kieselsteine, runde Glasstücke am Krivajastrand.

Du fällst um, liegst wieder am Boden.

Der Traum und das Flugzeug sagen: Das ist nicht vorbei.

Überall Farn und Schilf, wachsen zum Himmel.

Du hast jetzt Sonnenbrand, aber ist dir das nicht egal?

Das nächste Mal kommst du im Winter wieder,

an deine Lieblingsstelle.

A la recherche du temps perdu.

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