Mir passt die Bezeichnung „queer“ am besten, weil sie ‚Unangepasstheit‘, ‚verquer sein‘, ’nicht passen‘, ‚den Normen nicht entsprechen‘ bedeutet. Kein Makel — aber ein riesiger Hinkelstein. Und darum geht es, wenn wir von Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie sprechen: in der Hackordnung steht (oder zumindest stand) ganz unten, wer nicht passt. Die gleiche Logik also wie im rassistischen Diskurs. Nicht zu passen und Normgläubigen auch gar nicht passen zu können — das hatte und hat für sehr viele Menschen katastrophale Konsequenzen, ob für ihre physische Sicherheit oder, sogar viel häufiger, für ihre unsichtbare, psychische und seelische Gesundheit.
Hier bildet sich eine ganz normale Psychopathie, eine ausgeblendete Gewaltrunst vieler sich für „normal“ haltenden Menschen ab. Es geht, zumindest mir, bei den PHOBIEN und der Phobie-Erfahrung nicht so sehr darum, ob sich nun immer mehr Leute im Erwachsenenalter — ohne die genannten Hinkelsteine — zu nicht-binär erklären. Ich weiß, dass sie damit eine neue, bessere Wirklichkeit schaffen möchten. Was ja begrüßenswert ist: aber darum geht es bei der alteingefleischten Homo(…)PHOBIE eher nicht.
Es sollte meiner Meinung nach auch gar nicht so viel um oberflächliche Begriffsstreitereien gehen. Es sollte darum gehen, in der Sache zu verstehen, worum es bei Homophobie geht. Heute wird auf den (einigermaßen) sicheren und privilegierten sozialen Inseln dieser Welt (z.B. in Berlin, wobei „sicher“ auch hier SEHR fragwürdig ist…) viel mit diesen Kategorien gespielt und kokettiert. Viel wird auch darüber gestritten — und dann auch entsprechend besser und am besten gewusst — was „korrekt“ und was „falsch“ sein soll.
Regelrecht schäbig wird es auf den kapitalistischen Meinungsplattformen, wo das ganze in Gestalt von Hashtags verhökert oder zum Geschäftsmodell wird. Soviel Kapitalismuskritik muss unbedingt sein, auch wenn es vielen nicht passen wird; aber wunde Punkte passen auch nie. Nun ja, wunde Punkte sind uns bekannt.
Als queerer Mensch wird man in eine völlig kranke, schwerst traumatisierte, vom Patriarchat verunstaltete Welt geworfen. Je nachdem, wohin der Wurf fällt, geht es mehr oder minder kaputt zu. Im Post-Nazi-Deutschland der 1980er wurde man in ein langsam de-eskalierendes Patriarchat geworfen.
Dieses Patriarchat, in diesem damals so offensiv langweiligen, grauen, oft grausamen Land, war inzwischen freilich bereits schwer angegriffen: dies ist den Kämpfen von Feministinnen und der LGBTQ-Bewegung zu verdanken. Letzteres — die LGBTQ-Bewegung — ist übrigens ein Anachronismus: es war von der Schwulenbewegung die Rede, neben und zusammen mit der feministischen Bewegung. Der feministischen Bewegung ist vieles, wenn nicht das meiste zu verdanken, besonders für Lesben und bisexuelle Frauen. Zuerst haben die Frauen das Patriarchat unterhöhlt — und es versteht sich allein deshalb von selbst, dass wir Feministinnen sind.
Als queerer Mensch wurde man in eine unerklärliche Kleidungs- und Farbennorm gezwungen. Es wurden einem angebliche Interessen und Hobby-Neigungen aufgezwungen. Warum man denn nicht Fußball spielen möchte? Was nicht normal mit einem sei? Man wurde mit extrem sinnlosem Spielzeug konfrontiert. Man wurde damit behelligt und belästigt, oft bis zur Selbstverstellung — wohingegen einem sinnvolles Spielzeug systematisch verwehrt wurde, von allen Seiten (Familie, Verkäuferinnen, Werbung, Weihnachten, Ostern, usw.). Man wurde in geschlechtersegregierten, heteronormativen Sportunterricht gezwungen. Man wurde mit Leuten verglichen, die einem eigentlich scheißegal waren — aber es wurde immer weiter verglichen. Es wurde einem jahrelang auf der Seele herumgetrampelt. Eine allumfassende Trampelhaftigkeit, die noch im Nachhinein nicht verstanden wird — egal, was ist, war, oder wird.
Ich hoffe, das ist für heutige Kinder anders. Zumindest in meinem Umfeld (Fußnote: wobei ich mich frage, was dieses Umfeld sein soll, und ob es so etwas überhaupt gibt: etwa Schule? Die Schulen und das Bildungssystem wurden ja ganz offensichtlich durch die neoliberalen Verheerungen der letzten Jahrzehnte extrem auf den Hund gebracht, in Berlin und Brandenburg ist, berechtigterweise, von „katastrophalen Zuständen“ die Rede).
Doch ein Aspekt am Begriff der PHOBIE ist mir wichtig. Rosa von Praunheim hat es mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ auf den Punkt gebracht: Leute, die absolut gar nichts zu fürchten haben, fürchten sich. Es sind genau diese Leute, die sich durch Alpha-Hammel in die Enge treiben lassen und es nicht einmal merken. Nicht die Queeren, Lesben, Schwulen, Transen, Anderen fürchten sich: die an Norm glaubenden Typen haben eine irrationale Furcht. Ohne jede Lebens- und Leiderfahrungen behaupten sie eine Furcht, die sie anderen zur Hölle machen. Das ist Homophobie — und das ist krank.
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