Wenn du in Berlin sofort dringend intellektuelle Nahrung brauchst, fährst du allen Vorhaben zum Trotz („ich kaufe bei kleinen Buchläden“) am Ende eben doch zu Dussmann. Weil es vielleicht schon 21 Uhr ist. Weil du dort also sofort Beute machst. Seit den genüsslich ausgedehnten Slawistik-Semestern weiß ich die gemütlichen Lesesessel zu schätzen, wo ich schon einmal die ersten 57 Seiten von Omri Boehms Bestseller Israel — eine Utopie gelesen habe. Ungefähr von diesem Lesestand aus schreibe ich diese Buchempfehlung, was dem Vorwort zur deutschen Ausgabe (S. 11-29) und der Einleitung (S. 31-57) entspricht. Es ist aber eigentlich keine echte Buchempfehlung, wozu ich das Buch erst zu Ende lesen müsste; es ist ein Response Paper zu den wichtigen, äußerst aktuellen Positionen des Autors Boehm hinsichtlich der sich gerade abspielenden, nicht hinzunehmenden Diskursverzerrungen in Deutschland.
Ich war gewissermaßen schon angefixt, nachdem ich gestern Boehms sehr geniales Buch über Kant, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die abrahamitische Bindung Isaaks und sein fundiertes Plädoyer für radikalen Universalismus zu Ende gelesen hatte: Radikaler Universalismus: Jenseits von Identität. Ich musste mir dieses Buch also auch noch holen, und zwar sofort. Und ich kann es bereits jetzt wärmstens empfehlen.
Wie das zuerst gelesene Buch wurde es übrigens vor dem 7. Oktober 2023 geschrieben, falls das etwas zur Sache tut. Und ich weiß, dass es das für viele Menschen in Deutschland tut. Der Überfall der islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel, der dadurch ausgelöste, inzwischen seit Monaten anhaltende Krieg Israels gegen den Gazastreifen; die inzwischen weitreichende Zerstörung desselben, die zigtausenden Toten auf palästinensischer Seite (darunter sehr viele Zivilisten, sehr viele davon Kinder); die noch immer nicht freigelassenen, israelischen Geiseln (also jene, die noch am Leben sind); die gehäuften Angriffe israelischer Siedler im Westjordanland auf palästinensische Bewohner; die ständige Zuspitzung und Weitung des Konflikts — zuletzt durch den Eintritt des Kriegszustands zwischen dem taumelnden, faschistisch-islamistischen Regime in Iran und dem rechtsradikalen, sich immer weiter radikalisierenden israelischen Netanjahu-Regime: Wo soll diese Listung einer Konflikteskalation eigentlich noch enden?
Am besten gar nicht: Sobald man dies tut, wird sich nämlich im öffentlichen Raum deutscher Sprache jemand finden, der eine skandalöse Unterlassung, eine Fehlformulierung, etwas Unsägliches entdeckt. Genau dieser Effekt bewirkt, dass über israelische Politik im eigentlichen Sinn ganz wenig gesprochen und noch weniger kritisiert wird — und zwar, obwohl die Menschen in Israel vor dem 7. Oktober zu Zehntausenden gegen den autokratischen Staatsumbau durch Justizreform und Verfassungsänderungen einer rechtsradikalen Regierung auf die Straße gegangen waren. Das, worüber Omri Boehm schreibt — nämlich Fehler und mögliche Lösungen für das israelisch-palästinensische Dilemma — wird somit quasi zu einem Tabu deklariert. Genau das meine ich mit Diskursverzerrungen.
Besonders empfehle ich dieses Buch daher Menschen in Deutschland, die sich, wie ich, bisher zurückhalten, ihre Meinung zur Entwicklung in Israel/Palästina zu entwickeln und zu äußern, weil sie verunsichert sind. Oder weil sie Zeit brauchten. Weil sie orientierungslos geworden sind; nachdem sie antisemitische Äußerungen auch aus Mund und Feder von Leuten wahrgenommen haben, von denen sie es am wenigsten erwartet hätten. Oder weil sie vielleicht dachten, sie seien eher mit anderen Themen beschäftigt, und das Feld mögen die Kolleg:innen mit Regionalexpertise bestellen — so, als sei man selbst nicht Teil der Region, sofern doch Deutschland und Israel durch die furchtbare Geschichte des Nationalsozialismus aufs Engste miteinander verbunden sind. Weil sie vielleicht Angst vor Verunglimpfung, Rufschädigung und/oder Marginalisierung haben. Oder weil sie wissen, dass dieses Thema, wie kein anderes, durch den — ich nenne es despektierlich genau so — Sautrieb der sogenannten „sozialen Medien“ muss. Ich denke, davor haben Alle am meisten Angst, was auch kein Wunder ist, angesichts all der identitären Sauereien, die dort so erfolgreich kommodifiziert werden.
Es ist aber gerade für Menschen aus Deutschland unausweichlich, genau hinzusehen, und mehr als das; wer ansonsten gerne öffentlich denkt, sollte gerade hier das Denken nicht aufgeben, sofern man sich selbst auch noch gerne in die Tradition des aufklärerischen Humanismus stellt. Von Identitären und Identitätspolitischen ist hier deswegen auch nicht die die Rede: Sie können mit universellen Menschenrechten ohnehin nichts anfangen, auch wenn sie das nicht verstanden haben müssen. Als Kommentar auf Habermas‘ öffentliches Statement zur Berechtigung deutschen Schweigens in dieser Sache — der ethnonationalistischen, rechtsradikalen israelischen Politik — kommt Boehm zur Ausage: „Schweigen ist hier selbst ein Sprechakt, und zwar ein höchst öffentlicher.“ (S. 12). Er wird im Vorwort für die deutsche Ausgabe noch präziser:
„Man übersieht meist die Konsequenzen, die diese Grundeinstellung für die israelisch-deutschen Beziehungen hat. Ein Deutscher, der in Bezug auf die israelische Politik Selbstzensur übt — der also den privaten Verpflichtungen treu bleibt, die sich aus der deutschen Vergangenheit ergeben –, weigert sich, den Standpunkt der Aufklärung einzunehmen, sobald er sich mit jüdischen Angelegenheiten beschäftigt. Er weigert sich buchstäblich, selbst zu denken.“ (S. 13)
Im Gegensatz zum Mainstream essenzialistischer Identitätspolitik, wo Kant geschmäht und oft die Aufklärung insgesamt für alles Unglück der Welt verantwortlich geziehen wird (eine kontrafaktische intellektuelle Fehlleistung, die meist ohne valide Argumente geführt wird) vertritt Boehm das aufklärerische Denken, das Kantische Prinzip der Mündigkeit und den humanistischen Universalismus ganz entschieden, und zwar auch gegen Fehlleistungen im eigenen (d.h. pseudoaufklärerischen) Namen:
„Gerade weil das aufklärerische Denken seit seinen frühesten Anfängen vom Antisemitismus heimgesucht wurde — insbesondere aufgrund seiner permanenten Versuchung, Juden als ein mythisches „Anderes“ zu behandeln –, läuft die Unterdrückung öffentlicher Kritik am jüdischen Staat Gefahr, in eine vertraute Falle zu gehen. Die Aufgabe der deutschen Intellektuellen besteht wegen und nicht trotz der deutschen Geschichte darin, sich mit Israel im Forum der öffentlichen rationalen Diskussion auseinanderzusetzen, und gerade nicht darin, es in irgendeine metaphysische Sphäre auszulagern, von der man nicht sprechen kann und über die man schweigen muss.“ (S. 13-14)
Ich weiß, dass viele Menschen in Deutschland befürchten, dass gerade angesichts der aufgeheizten und vermarkteten Emotionen und Affekte — und daran hat das Double Identitarismus/Identitätspolitik gewichtigen Anteil — am Ende nichts anderes steckt als ein Aufruf zur Auslöschung Israels. Aber keine Angst: Omri Boehm meint es gut mit den Menschen in seinem Land. Mit allen Menschen! Er will niemanden „abschaffen“, niemandem das Existenzrecht absprechen, niemanden zwangsweise an- oder umsiedeln, vertreiben, ermorden oder unterdrücken — sondern genau das Gegenteil, nämlich „eine lebenswerte Zukunft für Israel“. Er vertritt eine Utopie, wie er selbst sagt, nämlich eine Einstaatenlösung mit gleichen Rechten für Alle.
Die derzeitige deutsche Außenpolitik, eine Verbrämung sogenannter „Staatsraison“, kommt dabei freilich schlecht weg (sage ich; Boehm geht nicht direkt darauf ein). Sie hält erbittert und gegen jeden Verstand an der Zweistaatenlösung fest. Das zumindest sagt Annalena Baerbock, deren Expertise freilich angezweifelt werden sollte (und zwar nicht aus Häme über die Kaskaden peinlicher Auftritte). Sie, der Bundeskanzler und die gesamte deutsche Regierung müssen sich fragen lassen, was denn nun mit „Werten“ bzw. „Wertegeleitetheit“ gemeint ist, wenn darunter eben nicht das aufklärerische Denken, Mündigkeit und Universalismus gemeint sein sollen. Genau das ist Boehms Denkweg. Folgt man Boehms Argumentation, dann ist jedenfalls eine Zweistaatenlösung erstens völlig unrealistisch. Zweitens ist eine Einstaatenlösung — was meines Wissens in der deutschen Außenpolitik erst gar nicht erörtert wird, aus welchem Grund auch immer — übrigens auch gar nichts, was es unter frühen und späteren Zionisten linker wie rechter Ausrichtung nicht gegeben hätte. Unter Letzteren, und das war mir als Nicht-Experten zu Israel/Palästina zumindest völlig neu, fand sich sogar ausgerechnet der rechte Zionist Menachem Begin in den späten 1970er Jahren. Trotzdem weiß Baerbock scheinbar ganz genau, dass die Zweistaatenlösung „die einzige Lösung“ ist.
Man muss Folgendes sagen, und das geht aus ganz einfachen, für Alle offensichtlichen Beobachtungen hervor: Mit Verunglimpfungen, auch Omri Boehms, ist in Deutschland leider jederzeit zu rechnen — und zwar nicht wegen Antisemitismus; Widerspruch gegen die angebliche „Staatsraison“ öffentlich zu äußern oder eine abweichende Meinung zu haben genügt. Soweit sind wir inzwischen gekommen. Es geht hier nicht um die Verharmlosung von Antisemitismus: Antisemitismus ist und bleibt, was es ist. Antisemitische Äußerungen, egal aus wessen Mund sie kommen, werden in Deutschland tatsächlich mit vergleichsweise großer Aufmerksamkeit geahndet. Ich schreibe ganz bewusst von vergleichsweise großer Aufmerksamkeit und betone, dass Antisemitismus keineswegs kulturell relativiert werden darf (worin übrigens eine Spezialität nicht nur in Deutschland, sondern auch von Identitätspolitik im Allgemeinen besteht, und hier müsste man zu sogenannten „Linken“ ausholen). Ich habe mehrere Jahre außerhalb Deutschlands gelebt und bin auch ansonsten ein bisschen herumgekommen. So habe ich folgende Beobachtungen gemacht:
In Bosnien, wo man sich oft rühmt, dass es bis heute keinen Antisemitismus gebe und der Holocaust eine Sache der deutschen und kroatischen Besatzer und Faschisten gewesen sei, habe ich vor ein paar Jahren Jugendlichen im öffentlichen Raum zugehört, die über einen anderen Jugendlichen gelästert haben, und zwar nicht „humorvoll“. Sie zogen über ihn her, und zwar als „Juden“ („Židov“): Šta ćeš? Kad si židov, židov si. („Was sollst du da machen? Wenn einer Jude ist, ist er eben Jude.“) Das ist natürlich purer, banalisierter Antisemitismus, und wer sich die Kommentarspalten unter beliebigen Al Jazeera Balkans Nachrichten über Israel/Palästina durchliest, wird sofort auf sehr viel drastischere, durch und durch antisemitische Formulierungen stoßen. In Südtunesien, wo ich mich als Abiturient einmal für zwei Wochen in einer Art selbstorganisiertem Schüleraustausch aufgehalten habe, wurde mir „als Deutschem“ von ansonsten herzlichen Menschen auf Schritt und Tritt rückgemeldet, wie toll man Hitler wegen der Judenvernichtung fände. Ein gleichaltriger Jugendlicher hat mir sogar gesagt, dass er es bedauerlich fände, dass Hitlers Plan nicht aufgegangen sei: nur deswegen habe man heute den israelischen Staat hinzunehmen. In Kairo hielt ich mich nur ein einziges Mal für ein paar Tage auf, direkt am Tahrir-Platz im August 2012, und ganz in der Nähe des Hotels wurden auf offener Straße arabischa Ausgaben von Hitlers Mein Kampf verkauft. Genau dasselbe habe ich in Istanbul beobachtet, auch auf offener Straße, mitten im liberalen Kadıköy. Im kroatischen Split habe ich einmal nur aus einem einzigen Grund eine Buchhandlung betreten, nämlich um mich darüber zu beschweren, dass das Buch in der Auslage des Schaufensters in erster Reihe gleich mehrfach nebeneinander angeboten wurde. Man belehrte mich, dass in Kroatien Demokratie und Meinungsfreiheit herrsche und bat mich hinaus. Dieserlei findet sich in Deutschland nicht ohne weiteres — zum Glück.
Und um wieder nach Deutschland zu kommen: ich muss wohl niemandem erklären, dass hier trotzdem Antisemitismus im öffentlichen Raum verbreitet wird, und zwar von ganz unterschiedlichen Sendern. Deswegen sollte sich auch niemand unterstehen, den geäußerten Antisemitismus — ob auf einer islamistischen Demo in Berlin oder in vandalistischen Botschaft in einem fränkischen Dorf (ich habe vor kurzem davon berichtet) — einer ethnischen Gruppe unterzujubeln, was momentan sehr beliebt ist. Wie alle Gewalt-, Hetz- und Hassparolen (ohne, dass sie dadurch relativiert würden) wird die antisemitische Sendung durch die sogenannten „sozialen Medien“ potenziert und regelrecht propelliert. Das meine ich mit Sautrieb.
Wer aber aus einer Position deutscher Überheblichkeit Menschen wie den israelisch-deutschen Philosophen Omri Boehm für seine furchtlosen Analysen verunglimpfen sollte, richtete sich damit auch gegen die israelisch-französische Soziologin Eva Illouz, die über ihn sagt:
„Omri Boehm ist der bedeutendste Intellektuelle aus der ‚israelischen Diaspora‘ in Europa und den USA. Sein Blick verfügt über die Schärfe des Fremden und das Mitgefühl des Zugehörigen. Dieser Doppelcharakter verleiht seiner Position ungewöhnliche moralische Kraft und gedankliche Klarheit.“ (Boehm 2024, Klappentext)
Dass solche Verunglimpfungen in Deutschland durchaus stattfinden, zeigt eine Häufung von Beispielen. Von den Schriftstellerinnen Adania Shibli über Sharon Dodua Otoo bishin zu, zuletzt (?), der Ausladung der US-amerikanischen (nicht ganz nebenbei bemerkt: jüdischen) Philosophin Nancy Fraser durch die Universität Köln zieht sich eine lange Spur der Rufschädigung — was natürlich, und darin besteht die Ironie der Stunde, wieder dankbar und profitabel von identitären Pop-Aktivist:innen aufgegriffen und kommodifiziert wird. Was mich zuletzt wirklich schockiert hat waren die Aussagen der sehr geschätzten Susan Neiman, einer ebenfalls für ihre Leistungen höchst anerkannten und renommierten Philosophin, die ebenfalls Jüdin ist und ursprünglich aus den USA kommt. Sie ist Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, wie Boehm eine entschiedene Universalistin, und auch sie hat den Essenzialismus von Identitätspolitik längst klar durchschaut — wie wenige Menschen in Deutschland, die den Mut aufbringen, sich öffentlich zu dieser Problematik zu äußern. Neiman sprach von McCarthyismus in Deutschland und erwägte (wie ernsthaft, weiß ich nicht), das Land zu verlassen, womöglich gen Irland:
In Deutschland herrsche eine Atmosphäre des McCarthyismus, sagt sie vorher in Scallys Porträt. „Wie zur Zeit der Kommunistenangst im Amerika der 1950er Jahre, sagt sie, muss jeder, der die extremistische israelische Regierung und ihre Politik kritisiert, beweisen, dass er kein Antisemit ist und auch nie einer war. Deutsche beschuldigen Juden wie Neiman, Antisemiten zu sein? Was sich wie ein Scherz anhört, ist durch ihre Brille betrachtet, nicht zum Lachen.“ (zitiert aus der Debattenrundschau auf Perlentaucher: https://www.perlentaucher.de/9punkt/2024-03-19.html?highlight=Susan+Neiman#a95864 )
Damit muss jetzt Schluss sein. Der Diskurs ist völlig entgleist. Es wird Zeit, dass wir noch einmal über Mündigkeit reden, und zwar insbesondere über digitale Mündigkeit.
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