[TRAVELOGUES] Po šumama i gorama: ein paar Eindrücke von der zweiten Partisanenreise 6/2024

Früher gab es auf diesem Blog die Kategorie Travelogues. Diese Travelogues sind zu einer Zeit geflossen, als ich sehr viel mit Bussen und anderen Verkehrsmitteln zwischen Bosnien, Sandžak, Kosov@, Makedonien und Anatolien unterwegs war. Das Grundprinzip war, dass sie ziemlich schnell geschrieben werden mussten. Sie durften dabei ganz frei fließen, aber eine echte Überarbeitung war nicht erlaubt — und so soll es auch hier sein. Dichte Eindrücke, extrem enge Schluchten, ausufernde Gespräche, wachsende Bücherstapel, ein Dissertationsprojekt, das noch nicht ganz wusste, wohin mit sich: zum Glück gab es damals das kleine, schwarze Notizbuch. Ein paar Dinge konnten erst einmal dorthin, während andere ins Vertun und ins Vergessen gerieten. Einige Sachen sind dann aber hier gelandet: wahrscheinlich gleich am Abend, in einem einzigen kleinen Hotel der Kasaba, in einem Teegarten in İzmir, in einem Bookingkomm bei Skopje.

Sarajevo im Juni 2024. Foto: TS 2024.

Jetzt gerade ist es ganz ähnlich: Hier, auf dieser Bosnienreise, kommen Dinge zusammen, die dringend einen Ausgang brauchen. Ich habe den unteren Teil der folgenden Eindrücke schon am Montag, den 24.6.2024, in mein kleines, türkises Notizbuch notiert, und jetzt müssen sie irgendwie raus, denn es drückt schon wieder an ganz anderer Stelle. Aber davor noch einige Worte zur Bildungsreise „Auf den Spuren der jugoslawischen Partisan:innen“ unseres Vereins Balkanbiro e.V.

Grobe Skizze unserer Reiseroute.

Ein paar Dinge sind grundlegend anders an dieser Reise, an den Eindrücken, an dem Travelogue, schon angefangen am Anlass: Zum zweiten Mal habe ich mit Genossin Lasta und Genosse Stablo die sogenannte Partisan:innenreise nach Bosnien durchgeführt. Wir sind jetzt eingespielt, würde man vielleicht sagen. Ich komme allmählich weg von der Bosnien-Kränkung, die mich seit über einem Monat plagt; ich bin jetzt in Bosnien, der Bosnieneffekt wirkt, den kann mir niemand aus der Hand nehmen. Und so kommen alle Teilnehmer:innen mit ihrer eigenen Vorgeschichte, die sie nur selbst kennen. Diesmal führt die Reise 28 Leute zusammen, die sich ganz am Ende nicht nur gut kennen, sondern einander sogar Spitznamen geben würden. Kann ein sogenannte team building besser glücken? Natürlich muss auch unser treuer Fahrer Šaćir erwähnt werden, ohne den sich hier (fast) gar nichts bewegt hätte: Er bekommt daher den nadimak Pokret. Lasta und Stablo kennt ihr jetzt schon namentlich; doch da waren noch die vielen weiteren Genoss:innen: Šišmiš, Kiša (für den Vrhovni Štab), Riba, Slovo, Kolibri, Plivačica, — und wie sie alle heißen, und sie werden mir es nachsehen müssen, dass hier nicht alle Namen stehen. Es grüßen sich Genosse Odmor und Kiša. Es grüßen sich…

Aber jetzt weiter im Fluss.

Wie letztes Jahr im September führt auch diese Reise zuerst nach Sarajevo, wo wir drei Tage verbringen. Weiter geht es über den Berg Igman, Halt bei Foča, dann durch einen der vielen krassen Canyons (der Drina), die hierzulande quasi „normal“ sind. Am selben Tag geht es weiter ins epische Tal der Sutjeska, die tief in ihrem traurig-schönen Walddunkel fließt; vorbei am zweitletzten Primärwald, auf unserem verheerten, heißen Kontinent. Auch hier gab es Verheerungen — doch diese betreffen das Menschliche. Und über die 1990er, Foča, den Terror, die Massaker in Ostbosnien soll hier nicht die Rede sein. Wir versetzen uns in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als hier heftige Schlachten ausgetragen wurden, po šumama i gorama. Wir erinnern uns hier nicht nur an den Satz, den wir so oder so ähnlich überall hören, „Der Wald ist die Mutter, der Wald war die Rettung“: Wir sind in diesem Wald.

Während man anderswo in die Berge geht, ging man hier in die Wälder. Am Ende waren es 800.000 Partisanen, das atemberaubend grüne Bosnien bedeutete damals für Viele die Rettung. Unter den später sozialistischen Staaten konnte sich nur Jugoslawien weitgehend ohne die Rote Armee von den Nazis befreien — Jugoslawien, das immer anders als die anderen war. Die deutschen Faschisten, Nazis, darunter also „unsere“ Vorfahren, gemeinsam mit kroatischen, italienischen, bulgarischen Faschisten, dazu serbische Tschetniks… Ein ganzes Krankenhaus mit Verletzten und allen Krankenschwestern wurde hier erbarmungslos massakriert, die šuma, der bosnische Wald, er war am Ende seiner Schutzmacht. All das verdient genauerer Darstellung, an anderer Stelle, und es wurde oft, unterschiedlich, genau, verklärt beschrieben, verfilmt und besungen.

Hier, in Tjentište jedenfalls, wundert sich der Kustos über diese Enkel und Urenkel der Täter, die sich bis ins Detail interessieren, die dem ganzen Zyklus auf Fresken folgen — in einem Gebäude, das wie so vieles auf den Hund gekommen ist. Hier nimmt die Gruppendynamik an Schwung auf: Von hier kommen am Ende die Spitznamen. Manche sehen eine Fledermaus. Andere würdigen die schieren Baumstämme. Die nächste muss zwischendurch lesen. Šišmiš, Stablo, Slovo. Das ganze Land muss voller Spitznamen gewesen sein, und so ist es in Bosnien auch heute noch. Wir erfahren immer wieder, dass die Partisanen teilweise bis zu zehn, fünfzehn Spitznamen hatten — antifaschistische Spitznamen, das kann man recht wörtlich nehmen.

Katuni werden die aus sogenannten Kolibe bestehenden Berghäuser in Bosnien und Montenegro genannt, die formgebend für das Haus der Erinnerungen waren, das wir „Freskenhaus“ nennen. Sutjeska im September 2023, Foto: TS.

Wir fahren weiter nach Südwesten. Genosse Odmor kündigt vorher noch schnell einen Landschaftswechsel an, vor dessen Kulisse wir kurz reinspringen und schwimmen: Wir sind jetzt in der Herzegowina. Hier bietet der Karst ein völlig anderes Gesicht. Überall blendet weißer Kalk, ragen scharfe Zacken, schwingen aufgefaltete Sedimente, dazwischen queren Kühe ihren Weg über den unseren. Vielleicht erleben wir ja auch alle den sogenannten Bosnieneffekt? Wir sind jetzt jedenfalls ganz da.

Über Mostar liegen Regenwolken (Bogami Mostar! Koje vrućine, sparina!). Die Altstadt lärmt schrill: vielleicht ist die Kaldrma etwas weniger überlaufen als in den letzten Jahren, doch richtig wohl fühlen wir uns erst, als wir sitzen. Unsere Freunde, die aus dem „echten Mostar“, sie tragen sich in geteilter Trauer. Den Teilnehmer:innen kann natürlich gar nicht bewusst sein, wie schwer der Verlust von Huso Oručević für die „Oase im Sumpf“, für die „Brücke über die Trockenheit“ wiegt, wie einige von mehreren Selbstbildern des OKC Abrašević lauten. Genosse Odmor sagt, dass er Husos englische Texte lesen und teilen will.

Ich melde mich diesmal bei Džasma, meiner alte Freundin. Wir treffen uns, wir essen İmambayıldı und stellen fest: 24 Jahre ist es her, seit wir uns damals in Mostar kennengelernt haben. Wir gehen alle Namen durch. Man sagt hier seltener raja, aber genau das ist es: Viele von ihnen sind nicht mehr hier; Andere verheiratet, haben Kind(er); den Geschwistern ist die Mutter krank; manche sind in einem ganz tiefen Loch. Im Abrašević finden Krisengespräche statt. Man kennt das, wenn auch aus anderen Gründen, so ähnlich auch von früher. Es ist gewissermaßen die Unzeit, um nach Mostar zu kommen, sofern man sich für etwas anderes als die Alte Brücke interessiert. Trotzdem ist die Begrüßung herzlich: Fibi ruft meinen Namen, wir haben uns vielleicht seit 2007 nicht gesehen. Später läuft Nani durch den Eingang, da sind wir bereits fast auf dem Rückweg.

Partizansko Groblje im September 2023, Foto: TS.

Wir ignorieren Kitsch und Kaldrma, wir ruhen uns stattdessen aus, gehen weiter zum Partizansko Groblje, lassen uns von Bogdan Bogdanovićs Botschaft inspirieren, würdigen Husein Huso Oručević, den diese Stadt verloren hat. Dieses ganze Thema und das geistige Werk beider sind aber so ausufernd, dass sie eigenen Raum beanspruchen. Wir fahren weiter nach Jablanica, kaufen Wassermelonenproviant (für das Basislager), es gibt völlig überraschend einen Pool, wo Arschbomben gebaut werden. Dort ist das Gekicher dann groß; es ist aufrichtig und verdient.

Lubenice 2024, Foto: TS.

Am nächsten Tag kann ich mich an der atemberaubend schönen Drežnica nicht satt sehen. Der Sohn des Besitzers der Badestelle spricht im melodiösen Klang der Herzegowina, ich verwickle ihn immer tiefer ins Gespräch, bitte sprich doch weiter! — wie lange habe ich das nicht so schön gehört? Alles hat ein Ende, wir fahren zurück nach Sarajevo. Das Basislager wartet schon.

(Der angekündigte „untere Teil“ kommt in einem anderen Beitrag, also wenn überhaupt)

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