[Pandemos] Lock-the-fuck-down: Mit Fatigue gegen die Verstrickung?

Nun sitze ich also mit Corona in der Rhön — mit einer milden Covid19-Erkrankung, muss ich dazu sagen. Eigentlich wäre ich seit Sonntagabend wieder zurück in Berlin, aber nachdem ich am Samstagabend eine Portion Wildschweingulasch mit viel zu saurem Blaukraut einer unterfränkischen Kirchweih in mich hineingestopft hatte, war ich regelrecht schlagartig krank. Ich wollte es zuerst auf das missratene Festtagsessen oder gar auf das vorangegangene, potenziell tödliche Pilzgericht zurückführen. Was, wenn die Champignons aus dem Garten der Mutter jetzt doch Knollis waren? Corona kam mir erst gar nicht in den Sinn, zumal mein Neffe vorher irgendwas nicht-coronisches hatte, von dem ich ausging, dass es sich auf mich übertragen hatte.

Ich schmeckte, dass ich kaum schmeckte; vom bloßen Sitzen im Wartezimmer des Rhön-Arztes kam ich ins Schwitzen; also doch den Test. Der Strich wurde bei „T“ sofort tief rot. Ich fotografierte das Test-Set, versah das Bild mit dem Kommentar Fuck, schickte es an eine Freundin in Berlin. Sie hatte die ausgesprochene Fatigue mitbekommen, die während der letzten drei Monate über mich gekommen war; sie schrieb mir, dass es zwar doof sei, Corona zu haben, dass es für meinen Körper aber auch nicht völlig unnütz sein könnte, zu konsequenter Ruhe gezwungen zu werden. Ich nickte sofort innerlich und fügte und den heiligen Geist hinzu– wobei ich auch jetzt, wie man sieht, in keiner konsequenten Ruhe bin, denn sonst würde ich ja nicht schreiben.

Wäre ich in einem inneren Ruhezustand, der sich mir am ehesten nach einem längeren Waldbad in der Rhön, in Bosnien oder im Havelland ereignet, läge ich darnieder und versuchte, mich auf die große buddhistische Leerheit, die faszinierende Existenz der Whirlpool-Galaxie (NGC 5194/5195), oder auf die noch leblosen, grandiosen Vorgänge während des Erd-Archaikums zu konzentrieren.

Das geht aber nicht, weil…

…Warum, verdammt noch mal, herrscht hier eigentlich nie heilsame Ruhe?

Die Antworten sind schnell gefunden. Alles ist erklärbar, hat der großartige Norbert Elias einmal geschrieben. Nichts ist ernsthaft kompliziert oder komplex, auch wenn ständig so getan wird — außer vielleicht die über 80.000 beschriebenen Wege gen Nirvana. Vorgestellte Kompliziertheit aber erlaubt es schließlich allen, so weiterzumachen wie bisher, beziehungsweise: alles noch krasser zu verkacken.

Nehmen wir nur das Beispiel des sogenannten Nahostkonflikts: Wir beobachten einen gewaltsamen Progress, der auflösbar wäre (oder gewesen wäre), wenn alle Beteiligten zur Ruhe kämen und abließen von ihren sinnlosen, Schaden über Schaden bringenden Verstrickungen. Nahostexperten werden widersprechen wollen, denn Expertise bedeutet neben recht haben auch, festzustellen, dass alles wahnsinnig kompliziert sei und nicht ohne Weiteres erklärbar — geschweige denn auflösbar. Man kennt das ebenso aus sogenannter Südosteuropa-Expertise:

Wer ist hier eigentlich wer? Wer hat warum mit wem? Warum war in der Vergangenheit dieser und jener Schritt so fatal? Warum wirken sich einerseits Kontinuitäten, andererseits Brüche so stark aus? Wieso ist das ganze nur entstanden weil, wäre ansonsten aber ganz ganz anders gekommen, wenn damals nicht? Warum muss das Eine sauber vom Anderen getrennt gehalten werden, damit nicht jener Eindruck, welcher Fallstrick entsteht? Warum wäre es einseitig, zu denken, dass nicht — und warum wäre es wiederum falsche Ausgewogenheit, zu argumentieren, dass?

Womöglich falle ich gerade in eine Art Nihilismus, der als Gesichtsbedrohung durch Expertinnen und Experten jedweder Expertise empfunden werden könnte (vgl. Der Fachidiot). Und damit komme ich zurück zur Ausgangslage und warum ich jetzt hier sitze und Lockdown-Gedanken hege — noch bevor ich mich in irgendwelche konkreten Verstrickungen konkreter Konflikte und zu beobachtender, konkreter politischer Metamorphosen selbst weiter hineinverstricke: das Ding mit der Fatigue, Corona und Lockdown, um es irgendwie in einen Satz zu stopfen. Also noch mal von vorn.

Während eines Waldbads entstandenes Bild, Corona-Frühling ’20

Man fragt sich ja während einer Fatigue — die man vorher zudem nicht ernst genommen hatte, wenn etwa am Beispiel Anderer von ihr die Rede war (ebensowenig wie man vielleicht long covid ernst genommen hatte) — nicht unbedingt, warum eine solche vielleicht ganz sinnvoll ist. Erstens ist man zu müde; zweitens ist man permanent dabei, irgendetwas aufgrund dieser Müdigkeit zu verkacken; drittens verkackt man, nicht erneut zu verkacken, weil man die Fatigue weder erkennen noch wahrhaben will, nachdem man permanent in irgendein konkretes, scheint’s unauflösliches Unbill verstrickt ist. Viertens hat man keine Kinder, und nur heterosexuelle, reproduktive Menschen haben das anerkannte Recht auf eine Fatigue. Wenn dann allerdings eine Krankheit kommt und sagt — und während der Pandemie brüllte sie: lock down! — kannst du allmählich anders und allgemeiner anfangen, über Verstrickungen nachzudenken. Erst dann — denn wer meditiert schon ernsthaft im Alltag über die Substanzlosigkeit jeglicher Weseneskerne wie in śūnyatā?

Genau das, oder ansatzweise das, haben viele Menschen während der Covid19-Pandemie angefangen, zu tun: Verstrickungen zu visualisieren und in Frage zu stellen. Und natürlich taten sie das nur dann, wenn sie in einer relativ privilegierten, weil handlungsentlasteten Lage waren und sofern sie über gewisse psychische Resilienzen verfügten.

Es ist vielleicht etwas vermessen, mich selbst in einer solchen privilegierten Lage zu verorten, da ich damals immerhin unterhalb der statistischen Armutsgrenze von reduzierten Transferleistungen lebte und mich in einem Schwebezustand zwischen Abgabe der Dissertation und ihrer Verteidigung bei gleichzeitiger (vorübergehender) Perspektivlosigkeit hinsichtlich des Arbeitsmarktes befand; doch genau so war es. Ich musste in keinem Qualfleischunternehmen schuften, nicht bei Aldi an der Kasse, nicht als medizinisch-pflegerisches Personal im Krankenhaus oder in sonst einem systemrelevanten Bereich arbeiten; aus Ämtern der öffentlichen Verwaltung und des Politikbetriebs war ich durch (im Nachhinein: zum Glück) abgelehnte Bewerbungen ausgeschlossen worden, so dass ich auch noch zum Privileg gekommen war, vergleichsweise unverstrickt über die Dinge nachdenken zu dürfen. Gegenüber der Schwermut, die jetzt einige Zeitgenossen überfiel, war ich resilient.

Heute frage ich mich oft, was es mir und den vielen Anderen, die sich in stay-at-home-Gruppen, Pandemie-Projekten, auf Corona-Blogs, in Tagebüchern und sonstigen Vehikeln der Reflexion wohl gebracht haben mag; und vor Allem: was hat es dem Planeten gebracht, dass sich zwischendurch Biber in den Innenstädten zeigten, Kondensstreifen vom Himmel verschwanden und Autobahnbrücken aufhörten, zu dröhnen?

Nichts, wenn man sich umsieht, und ich meine damit nicht „nur“ den Nahostkrieg oder den globalen neopopulistischen Progress. Aber Halt! Mit Sicherheit kommen bald Expertinnen und Experten mit ihrer Expertise zum Impact des pandemischen Lockdowns — beziehungsweise sind sie längst da, und nur, weil ich zu verstrickt in andere Dinge bin, habe ich die Impact-Studien nicht gelesen, die mir erklären könnten, warum alles tatsächlich wahnsinnig kompliziert und unauflösbar ist. Vielleicht befindet sich unter diesen Studien dann ja auch eine, die sich in empirischer Unverschämtheit auf den Marktplatz der algorithmisch geschändeten Meinungen stellt, mit dem Zeigefinger auf den nackten Kaiser deutet und mutig schreit: Lock-the-fuck-down!

[Pandemos] Einleitung (1) (Mai 2020, ursprünglich März oder April 2020)

[Pandemos] Einleitung (II): Kollateralschäden des Nichtverstehens der Welt (Mai 2020)

Visualisierung des Internets. Quelle erweiterter Schwarmintelligenz oder Falle unendlicher Verstrickungen?
Sebastian Schelter, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

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