Durch die über 90 Interviews im öffentlichen Raum der Neuköllner High-Deck-Siedlung im Rahmen der Sozialraumanalyse zu dieser Großsiedlung habe ich am meisten von unseren Gesprächspartner:innen gelernt. Ich danke diesen folglich von ganzem Herzen! Die jüngsten Kürzungen in Berlin sprechen den Ergebnissen dieser Studie eines Koleg:innen-Teams von Camino übrigens Hohn. Aber alle darauf folgenden Kommentare wären so politisch wie parteiisch und ernsthaft, dass sie eigenen Raum verdienten. Hier geht es aber um die Sozialraumanalyse, die Stimmen der Einwohner:innen und um den Link zum Gesamttext.
Spätestens seit den gewaltvollen Ausschreitungen zum Jahreswechsel 2022/23 ist die Berliner High-Deck-Siedlung (HDS) zu einer über Nordneukölln hinaus bekannten Chiffre für soziale Probleme geworden. Abgesehen von wenigen Ausnahmen nehmen journalistische Beiträge jedoch weniger die alltäglichen Lebensverhältnisse der Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort in den Blick. Vielmehr ist die Berichterstattung geprägt durch die Themen Gewaltbelastung, einer Verwahrlosung des Quartiers sowie durch die Frage, wie und auf Kosten welcher Bevölkerungsgruppen sich der negative Diskurs über die High-Deck-Siedlung im Nachgang der gewaltvollen Ausschreitungen in der Silvesternacht 2022 entfaltet.
Camino führte im Auftrag des Bezirksamts Neukölln von Berlin sowie im Auftrag der Berliner Landeskommission gegen Gewalt zwei Studien mit dem Ziel durch, die alltägliche Lebenssituation von Jugendlichen mit ihren Perspektiven, Wünschen und Bedarfen zu erfassen. Diese beiden Studien, die in dem vorliegenden Bericht zu einer umfassenden Sozialraumanalyse zusammengeführt werden, waren bereits vor Silvester 2022 konzipiert und 2023 in Auftrag gegeben worden. Auch wenn die den medialen Diskurs prägenden Themen in dieser Sozialraumanalyse eine mitunter gewichtige Rolle spielen, steht in deren Fokus die konkrete, alltägliche Lebenssituation der Bewohnerinnen und Bewohner im Quartier. Ziel beider Studien, auf die im Folgenden noch näher eingegangen wird, war es, die sozialräumlichen Dynamiken in der High-Deck-Siedlung zu verstehen, um auf dieser Basis schließlich konkrete Handlungsempfehlungen für eine bedarfsorientierte und nachhaltig gelingende Kinder- und Jugendarbeit zu formulieren. Eine wesentliche Grundlage für diese Handlungsempfehlungen sollten nach Möglichkeit die von Jugendlichen selbst artikulierten Perspektiven, Bedarfe und Wünsche sein.
Im Auftrag des Bezirksamts Neukölln von Berlin führte Camino im Zeitraum von Juli bis Dezember 2023 (Erhebungszeitraum September bis Dezember 2023) eine qualitative Sozialraumanalyse zur Lebenssituation der Anwohnerinnen und Anwohner der HDS durch. Im Zentrum der Studie stand eine aktivierende Befragung von Kindern, Jugendlichen und Familien, durch die in Erfahrung gebracht werden sollte, wie die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Lebenswelt wahrnehmen, welche Aspekte sie positiv bewerten und wo sie Herausforderungen und Probleme sehen. Im Zentrum standen dabei die Perspektiven von Jugendlichen und deren formulierte Wünsch und Bedarfe.
Darüber hinaus führte Camino im Auftrag der Berliner Landeskommission gegen Gewalt von Juli 2023 bis März 2024 eine weitere Studie durch. Diese setzte sich zusammen aus einer differenzierten Aufschlüsselung und Sekundäranalyse amtlicher Sozial- und Polizeistatistiken zum Quartier sowie durch Experteninterviews mit Fachkräften der Kinder und Jugendarbeit, die zum Teil selbst in der High-Deck-Siedlung oder der angrenzenden Weißen Siedlung aufgewachsen sind beziehungsweise dort wohnen. Das Ziel dieser Befragung war es, die Perspektiven der Kinder- und Jugendlichen mit der Perspektive von Fachkräften zu kontrastieren und gegebenenfalls zu ergänzen. Vor dem Hintergrund der beiden in diesem Bericht zusammengeführten Studien zu einer umfassenden Sozialraumstudie entfaltet sich eine differenzierte Perspektive auf die aktuelle, alltägliche Lebenssituation der Bewohnerinnen und Bewohner der HDS, mit einem Fokus auf den Perspektiven, Wünschen und Bedarfen von Kindern und Jugendlichen.
Im folgenden Kapitel 2 werden zunächst die Fragestellungen und das methodische Vorgehen beider Studien erläutert. In den Folgekapiteln werden dann die Ergebnisse der beiden Studien dargestellt. In Kapitel 3 wird die High-Deck-Siedlung als Sozialraum vorgestellt; Kapitel 4 widmet sich der amtlichen Sozialstatistik zur HDS und formuliert vor diesem Hintergrund erste Schlussfolgerungen und Erkenntnisse. Im Kapitel 5 werden ausführlich die Perspektiven der Bewohnerinnen und Bewohner der HDS vorgestellt. Strukturiert wird das Kapitel durch verschiedene Themen, die für die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrem Alltag eine wichtige Rolle spielen. Im Kapitel 6 wird diese Perspektive durch die Erkenntnisse aus der Befragung von Fachkräften ergänzt. Dabei kommt eine Reihe von Themen – seien es die Nutzung des öffentlichen Raums durch Jugendliche, Familien- und Geschlechterverhältnisse oder Fragen von Gewalt und Gewaltbereitschaft, um nur einige Beispiel zu nennen – notwendigerweise in beiden Kapiteln vor. Dies ist einerseits der Entstehungsgeschichte des Berichts geschuldet, der wie dargestellt auf zwei separaten Studien aufbaut. Andererseits gibt dieses Format aber auch die Möglichkeit, die Unterschiede in den Schwerpunktsetzungen und Deutungen von Bewohnerinnen und Bewohnern einerseits und Fachkräften andererseits transparent zu machen. Vor dem Hintergrund der vorgestellten Erkenntnisse werden in Kapitel 7 Bedarfe für die HDS festgehalten und auf dieser Basis Handlungsempfehlungen in verschiedenen Handlungsfeldern formuliert. In diesem Kapitel laufen insofern Ergebnisse beider Studien zusammen. Im Kapitel 8 werden die gesammelten Erkenntnisse, Bedarfe und Empfehlungen zusammengefasst.
Bild im Header: Öffentliche Veranstaltung am Ende des Erhebungszeitraums der Sozialraumanalyse High-Deck-Siedlung, Januar 2024 (Stadtteilzentrum/Nachbarschaftstreff Mittendrin, Sonnenallee). Bildquelle: TS.
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