Vor mehr als zehn Jahren, und es war zwischen den Jahren, hat mir meine Mutter einmal einen Jahresrückblick gezeigt, den ein Familienfreund jedes Jahr schreibt. Nachdem jede Reflexion abgewägt, jedes Wort gefunden ist, druckt er den Text aus, vervielfältigt und verschickt ihn per Post an seinen Freundeskreis. Das ist persönlicher als eine E-Mail, aber praktischer als individualisierte Briefe. Eine schöne Form, für die meine Disziplin aber einfach nicht ausreicht.
Was mir an jenem verbrieften Rückblick besonders gefiel, war die Mischung aus persönlicher und, nennen wir es einmal so: zeitgeistiger Perspektive auf die Biggies. Es ging also auch um Politik und universelle Fragen, um das Sein in der Welt, wie sie eben ist. Ich erinnere mich nicht mehr an die Einzelheiten. Der Autor stellte darin jedenfalls wie beiläufig fest, dass es der Menschheit auch in jenem Jahr nicht gelungen sei, eines ihrer zentralsten Probleme zu überwinden, was damals mit der Bankenkrise zu tun hatte. Ich war so überrascht wie erfreut, soviel Klarsichtigkeit zur Geldreligion zu lesen. Ein Thema, das in Arbeitermilieus (denen ich verbunden bin) oft stark tabubelegt ist.
Das muss 2012/2013 gewesen sein, denn ich weiß, dass ich damals noch keinen Blog hatte, den es seit 2015 gibt. Ich erinnere mich, dass mich dieser Rückblick auch zur Einrichtung eines eigenen Blogs motivierte. Zu dieser Zeit hatte ich gerade erst realisiert, dass ich nicht in die Hochschulverwaltung gehöre. Und wer mich kennt und jetzt sowieso schon den Kopf schüttelt: Ich weiß solcherlei Dinge über mich bekanntlich immer erst sehr viel später als meine Freundinnen und Freunde, die derlei in ihrer unermesslichen Klugheit „immer schon wussten“. Die Entscheidung fiel aber, wie beiläufig, bei einem Mensagespräch mit einem südindischen Gastprofessor, in dem es eigentlich um Jainismus ging. Der indische Religionswissenschaftler riet mir, meinem Drang nach Forschung unbedingt nachzugehen („Are you sure you’re an administrator?“).
Ich hatte damals eine sehr interessante Position als Referent im International Office der Freien Universität Berlin — eine nach wie vor sehr gute Erfahrung, für die ich immer dankbar sein werde. Und ich habe mich nie angemessen bei meiner Chefin und meinen Arbeitskolleginnen bedankt. Eine meiner Tätigkeiten bestand in der Bearbeitung von internationalen Stipendienanträgen, von Incomings (nach Berlin kommenden Menschen) und Outgoings (ins Ausland gehenden Menschen). Als Haken stellte sich mit der Zeit zunehmend heraus, dass ich mich immer stärker selbst in der Rolle eines Outgoings sehen wollte — ungefähr proportional zur Anzahl von Menschen aus der ganzen Welt, die ich in dieser Zeit als Incomings in Berlin kennenlernen durfte, darunter den indischen Gastprofessor. Von den Bachelor-Student:innen aus dem Nordirak und Maharashtra über iranische Doktoranden bis hin zu chinesischen Politikwissenschaftlern und vielen weiteren lernte man permanent interessante Leute kennen.
Das Kapitel Sturm und Drang war für mich alles andere als vorbei: Ich musste noch mal richtig in die Welt hinaus, und zwar à la recherche: die Forschung (recherche) heißt ja „Suche“, was freilich heute immer weniger wörtlich genommen wird. Egal: Die Würfel zur Bewerbung um die Doktorandenstelle waren endgültig gefallen, als ich eine australische Delegation an meine zukünftige Graduiertenschule begleitete und in der Präsentation der Geschäftsführerin meine persönliche Chance erkannte. Nichts sprach jetzt mehr dagegen, mich selbst zu bewerben.
Es brach eine neue Zeit für mich an, und ich werde jetzt nicht ausführlich darauf eingehen, auch wenn es schon rein der Chronologie nach angebracht wäre: die Promotionsphase. Im Oktober 2013 wurde ich Mitglied der Dahlem Research School der FU Berlin und DFG-Stipendiat der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies, zunächst für drei Jahre. Aus drei Jahren wurden über ein zusätzliches Stipendium der Europäischen Kommission vier. Eingeschrieben war ich an der Humboldt-Universität am Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte. Am Ende habe ich sechs Jahre gebraucht, bis ich meine Dissertation im Dezember 2019 abgegeben habe. Die Verteidigung mündete in eine Magna cum laude, in Corona. Die Veröffentlichung fand dann erst 2024 statt, gewissermaßen Magna cum procrastinatione. Ich muss das jetzt sehr stark abkürzen, weil ich eigentlich zum Jahresrückblick 2024 und zum Thema Blog kommen will, denn mit dem Blog fing die ganze Rückblickerei schließlich an.
Eine australische Professorin und Bloggerin, deren Seite ich gerade nicht mehr finde, hat einmal über ihren Blog geschrieben, dass ältere Blogs nach zehn Jahren zu „sehr merkwürdigen Gebilden“ werden. Sie verzweigen und verästeln sich, und es finden sich Dinge darauf, die man gar nicht mehr im aktiven Gedächtnis hat. Mein Blog jedenfalls, der am Anfang Dunyalook hieß, danach in Inkubator Metamorφ umbenannt wurde und heute wieder Dunyalook heißt, wird nächstes Jahr zehn Jahre alt. Er ist also auch ein ziemlich merkwürdiges Gebilde. Ich habe den Überblick über alle Themen und Beiträge verloren, nachdem ich zwischendurch hin und wieder versucht habe, die Seitenzahl abzubilden und immer wieder Kategorien, Seiten, Schlagworte überarbeitet habe. Es müssen jetzt weit über 1000 Seiten sein; wovon freilich nicht alle auf einem Ruhmesblatt stehen.
Der Grund, den Blog zu schreiben, war neben generellem Reflexionsbedarf der Wunsch, Abwärme der Promotionsforschung irgendwo aufschreiben und teilen zu können (Abwärme hat es mein Freund Philipp in seiner ihm eigenen Präzision einmal genannt). Das Ganze hat eine eigene Dynamik entwickelt. Ich weiß von meinen Kolleg:innen, dass viele von ihnen panische Angst davor hatten, irgendetwas zu veröffentlichen, bevor sie nicht ihre Dissertation veröffentlicht hatten. Es hätte ja sein können, die Originalität der Forschung zu verspielen — und auch ich fragte immer wieder nach, tat besorgt. Ich kam zwar in meinen Posts immer wieder auf meine Forschungsthemen zu sprechen — ich kam aber auch immer weiter fort davon. Ich traute mich zunehmend, out of the box zu denken und zu schreiben, und ich war mir dabei trotzdem sicher, eines nicht zu verlieren: das, was eine ägyptische Kollegin so schön formuliert hat mit „What are you after?“. Ich habe die Abwärme zunehmend großzügig interpretiert; dabei zugelassen, mich auch mit Themen zu beschäftigen, die mir einfach gefallen oder mich etwas lehren, wovon ich nicht wusste, was genau es war.
Ich habe mich „getraut“ über ein Lied zu schreiben, das mich begleitete, nämlich Yolcu von Neşet Ertaş, was eigentlich mehr als Abwärme war: Es wurde mir von meinen besten und liebsten Freunden Cüneyt und Funda in Istanbul vermittelt und diente mir zur so wesentlichen Entspannung in der Istanbuler Bibliothek. Dieses Lied gehört zu den preislosen Gewinnen, die wiederum gepriesen werden müssen, weil sie genau dann zu Inspiration führen konnten, wenn ich down war (aber nicht nur). Oder auch Beiträge über hybride Kulturpraktiken, die mich faszinierten (etwa Sevdah), oder botanische Kunstwerke — und vieles mehr.
Im Pandemiejahr 2020 habe ich hier einen Jahresrückblick veröffentlicht, der ziemlich ausufernd war. Auf etwas ähnlich Ausführliches habe ich jetzt keinen Bock. Und ich habe schließlich schon im Titel die Frage aufgeworfen, ob dieses Jahr überhaupt eines Rückblicks wert sei. Darin steckt ein erstes Urteil: Dieses Jahr ist, zumindest angesichts der Biggies, relativ uninteressant gewesen. Es war ein Jahr, das alles an Idealismus und Optimismus wie unter einen riesigen Fausthammer stellte, und zwar vor jeder vorsichtigen Artikulation, nur um es sofort in winzig kleine Teile zu zerbröseln. Es war gewiss ein Jahr der Sackgesichter, der Dummheit, der Grobheiten, des Vertrauensverlusts und der Brutalität. Wie ich in meinem fortlaufenden Forschungsprojekt über Neopopulismus feststelle, korreliert das alles mit der Meta-Katastrophe des Klimawandels — wenn auch auf abgründige Weise. Alles, also auch die groben und brutalen Kriege unserer Zeit, haben mit dieser größeren Katastrophe zu tun.
Wenn du anfängst, einen Rückblick zu schreiben, führst du für gewöhnlich etwas ziemlich Konkretes im Schild. Du hast Stichpunkte und Stationen, und wahrscheinlich hast du einen Kalender im Visier: Was ist seit Januar bis hinein in die Zwischenzeit zwischen den Jahren passiert? Ich finde das jetzt aber so müßig wie langweilig und beende den Rückblick deshalb hier. Nicht nur will das niemand lesen: Es hat auch wenig Wert, und mit Blick auf einen alten, merkwürdigen Blog macht es keinen Sinn. Was niederschreibenswert war, kann nachgelesen werden, und der Rest steht ohnehin immer zwischen den Zeilen. Was am Ende zählt, das ist die Würdigung der Freundschaften, bei denen ich um Nachsicht bitte, dass ich ein oft so unsteter Freund war. Es hat nichts mit Euch zu tun, sondern mit meinem Verzagen an der Welt, wogegen ich anzuschreiben versuche. Und dagegen anzuschreiben, das versuchst du doch sowieso jedes Mal neu.
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