Sehr kurzes Echo: Daniel Schreiber

Ich bin daher der inkarnirte Kosmopolitismus, ich weiß, daß dieses am Ende die allgemeine Gesinnung wird in Europa, und ich bin daher überzeugt, daß ich mehr Zukunft habe, als unsere deutschen Volksthümler, diese sterblichen Menschen, die nur der Vergangenheit angehören.

Diese Zeilen schrieb Heinrich Heine im Jahr 1833. Was fällt einem also zu Fritz Merz im Jahr 2025 ein? War das denn die Zukunft des Kosmopoliten Heinrich Heine? Auf den ersten Blick kann man Merz‘ billigen Populismus getrost diesen „deutschen Volksthümlern“ und „sterblichen Menschen, die nur der Vergangenheit angehören“, zuordnen. Einziges Problem: Diese Typen sind sehr gegenwärtig. Was sie freilich nicht weniger unnütz macht.

Ihr seid down und könnt quasi nicht mehr?

Ich auch!

Eine Erklärung, die ich seit langem für plausibel halte, ist, dass dies der Zeitgeist ist. Ein kranker Zeitgeist. Einer, in dem alle ADHS haben, was sie in ihrem Mut und Widerstand für eine Stärke halten.

Oder sie haben gleich ganz anderes Kopf-Aua.

Oder – und – Seelen-Aua.

Für andere freilich sind es profitable Zeiten. Solche Zeiten sind das. In solchen Zeiten erscheinen aber auch solche Bücher: Daniel Schreiber schreibt zum Beispiel in seinem formidablen Buch Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen im Jahr 2017 (2023 neu aufgelegt):

Nicht nur ich, sondern auch die Welt schien in einer tiefen Krise zu stecken. Im Grunde wiegen wir uns alle in der Sicherheit, dass unsere emotionale Verfassung nur wenig mit dem zu tun hat, was um uns herum passiert, mit den großen politischen und gesellschaftlichen Bewegungen, dem, was man früher ‚Weltläufte‘ nannte. Wir gehen insgeheim davon aus, dass sie nicht wirklich beeinflussen, wie wir leben und wie wir uns fühlen. Eine notwendige Illusion wahrscheinlich, ohne die wir unser alltägliches Leben kaum bewältigen können. Doch diese Illusion zerbrach für mich. (S. 15)

Er schreibt das, wohlgemerkt, bevor sich der Himmel wie zu einer Höllschwärz zugezogen hatte. Als viele Social Media noch für „demokratisierend“ hielten, und die algorithmischen Nachrichten — bald unschuldig, bald naiv — für eine Nachrichtenlage. Der Autor schreibt vorausschauend:

In jener Zeit zeichnete sich eine unübersehbare Verdunkelung der politischen Stimmung ab. Ich hatte den Eindruck, noch nie zuvor Zeuge einer Nachrichtenlage gewesen zu sein, die derart viele Terroranschläge, Kriege, Wirtschaftskrisen und Klimakatastrophen umfasste. In Deutschland machte sich zunehmend das Gefühl breit, dass die gesellschaftliche Mitte, von jeher Antriebsmotor des Landes, wegzubrechen drohte. Es war eine Radikalisierung zu beobachten, wie ich sie ein Jahrzehnt zuvor schon in den USA miterlebt hatte, und mit dieser Radikalisierung trat immer stärker ein Hass zutage, der die auf Mäßigung und Konsens angelegte politische Kultur des Landes, meines Landes, im Kern bedrohte. Meinungen, die von Rassismus und Intoleranz geprägt waren, wurden wieder salonfähig. (S. 15-16, Herv. TS)

Ich schaffe es (jetzt) nicht, das Buch ganz zu rezensieren, weil ich eigentlich an einer wichtigen Sache über Rüdersdorf dran bin. In diesem Zusammenhang habe ich über das Heine-Zitat an Daniel Schreibers Buch gedacht, das ich am Sonntag in einem Rutsch verschlungen habe. Das großartige an Zuhause ist: Es ist tröstend, auch wenn es erst noch einmal ein Stück weiter herunterziehen kann. Ein lehrreicher Personal Essay, der durch viele Stationen, Erfahrungen und Transformationen des Autors zwischen Mecklenburg-Vorpommern, New York City, London und Berlin führt. Ich kann es nur absolut empfehlen! Lest es unbedingt!

Das ist keine Schleichwerbung, nur ein spontanes Blitzlicht zum Dank.

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