Ich hatte gestern die Gelegenheit zu einer Fortbildung über Fotografie und Filme im musealen Bereich in Zossen, etwas südlich von Berlin im Landkreis Teltow-Fläming gelegen. Zu meiner Überraschung war ich gar nicht der einzige, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrrad angereist bin — und ich habe das Museum des Heimatvereins „Alter Krug“ Zossen e.V. tatsächlich auf Anhieb gefunden. Die Hausherrin Frau Andrae begrüßte uns im reetgedeckten Hauptgebäude des merkwürdig verschachtelten Hauses, das einen riesigen Ofenraum mit Küche und geschwärzten Kaminwänden beinhaltete. In diesem Raum roch es ein wenig so, als hätte dort vor einiger Zeit ein gallisches Dorf ein paar Wildschweine gegrillt. Sie nannte das Gesamtwerk liebevoll eine „Butzebude“ — irgendwie passend. Das Innere ist behangen mit Bildern eines örtlichen Malers, der sich dem Abmalen von Postkarten gewidmet hatte. Mir sprang sofort ein Allgäu-Panorama ins Auge. Leider ist es aus merkwürdigen Gründen strengstens untersagt, die Gemälde zu fotografieren, so dass ich dies auch unterließ.
Frau Andrae kam ganz zum Schluss noch einmal länger zu Wort: Sie stellte die Foto-Sammlung „Fotos Günter Scheike“ vor, die den Namen ihres verstorbenen Vaters trägt. Wie man auch auf der Plattform museum-digital brandenburg nachlesen kann, ist die Sammlung nicht nur aufs Engste mit der Geschichte ihrer Eltern, sondern auch mit der deutschen Teilung verbunden. Ich zitiere der Einfachheit halber, auch, um Fehler aus den eigenen Notizen zu vermeiden:
>> Im Februar 1961 feierte der Fotograf Günter Scheike seinen 40sten Geburtstag. Der von seiner Frau geführte Fotobetrieb „Fotofreund Scheike“ in Zossen verzeichnete zu diesem Zeitpunkt, dank eines öffentlichen Auftrages zur Herstellung von Fotokopien aus Mikroverfilmungen des deutschen Patentamtes, sehr gute Umsätze. Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 wurde plötzlich alles anders. Der Auftraggeber saß in Westberlin, damit war der Großauftrag geplatzt. <<
Quelle: museum-digital brandenburg
Es musste also was Neues her: eine Geschäftsidee. Wie weiterhin auf der Plattform festgestellt wird, trendeten mit dem Mauerbau 1961 in der DDR nun Sehnsuchtsorte, so dass die Geschäftsidee des Herrn Scheike durchaus von Erfolg gekrönt war: Er fuhr zwischen 1961 und 1972 quer durch die DDR und bevorzugte dabei kleinere Ortschaften. Er ließ größere, touristische Ortschaften wie Potsdam und Cottbus aus, weil diese durch den gewöhnlichen Tourismusbetrieb erfasst wurden. Dabei fotografierte er Plätze, Straßen, markante Gebäude, Kirchen, Burgen etc. Weil ich in Rüdersdorf arbeite, habe ich natürlich gleich nachgeschaut, was sich dazu findet: unter anderem ein Bild des noch nagelneuen Kulturhauses „Martin Andersen Nexø“, das in den 1960er Jahren noch solitär und erhaben da stand.
Herr Scheike verfolgte dabei durchaus ein Konzept, legte sich Pläne zurecht, welche Routen er anfahren wollte, hat dabei jahreszeitliche Apsekte eingeplant: manchmal war es im Winter wohl ohne Blätterlaub besser, einen Kirchturm zu fotografieren. Ein anderes Mal habe er beim Fotografieren teilweise etwas „retuschiert“, indem er parteipolitische Slogans vorher mit einer Decke abdeckte, wie seine Tochter erzählte. Die Familie habe von der fotografischen Tätigkeit des Vaters gut leben können: Die Fotos wurden per Hand zusätzlich koloriert und über „HO“s verkauft. Für westdeutsche und jüngere Leser:innen dürfte nicht unbedingt bekannt sein, was eine HO war: so wurden Handelsorganisationen abgekürzt. Auch hier zitiere ich der Einfachheit halber (aus Wikipedia):
>>Die Handelsorganisation (HO) war ein in der juristischen Form des Volkseigentums geführtes staatliches Einzelhandelsunternehmen in der SBZ, weitergeführt in der DDR bis zu ihrer Auflösung nach der Wende. Der Handel umfasste alle privaten Bereiche des Lebens – von Lebensmitteln bis zu Haushaltswaren. In der Nachwendezeit bis zur Auflösung firmierten die Einrichtungen der HO unter dem Namen „Seka“, einer Abkürzung für Sehen und Kaufen.<<
Quelle: Wikipedia: „Handelsorganisation“.
Eine weitere Besonderheit dieser erfolgreichen Geschäftsidee ist ebenfalls der zeitgeschichtlichen Entwicklung zu verdanken: Die kolorierten Fotos verkauften sich besonders gut in den Garnisonstädten der DDR mit großer sowjetischer Präsenz, wie etwa Jüterbog, weil die sowjetischen Soldaten, die ja kaum aus ihren Kasernen kamen, die Bilder gerne als Souvenir erwarben.
Während Vater Scheike als bemerkenswerter Zeitdokumentar gelten kann, hat Frau Andrae im Grunde eine außergewöhnliche Kombination aus Ego-Archiv und allgemeiner Zeitgeschichte in ganz großem Stil angelegt und veröffentlicht. Die sehr zahlreichen Bilder lagerten (und lagern auch heute wieder) in großen, hölzernen Schubfachkisten, wo sie nach Orten sowie numerisch sortiert sind. Übrigens liegen Frau Andrae keine kolorierten Bilder mehr vor; nur die Originale, in Schwarzweiß. Sie habe bei Bedarf aber noch Farbe von damals übrig. Wie der Workshopleiter feststellte, hat das Heimatmuseum „Alter Krug“ trotz seiner geringen Größe durch die Bilder des Günter Scheike einen der größten Bildbestände aller Partner der Plattform museum-digital brandenburg veröffentlichen können. Dort befinden sich momentan 4422 Objekte in der Sammlung Fotos Günter Scheike, die man sich über die Plattform im Open Access-Format ansehen kann.


Zuletzt kann ich nur empfehlen: fahrt doch mal nach Zossen. Doch wenn Ihr dafür einen Montag auswählt, geht bitte nicht davon aus, dass es in der Innenstadt default ein offenes Café gäbe, wo man warten könne. Ich habe Zossen dank des Fahrrads noch etwas genauer erkundet, übrigens einen Kalkbrennofen nach Rüdersdorfer Art (Rumfordofen) entdeckt, und maße mir an, festzustellen: Der Ort hat wahrlich schon bessere Zeiten gesehen.
Hinterlasse einen Kommentar