Denken in der Box vs Denken ohne Geländer

Eine Woche Urlaub — Zeit, in herumliegenden Texten zu stöbern und ein wenig aufzuräumen.

Darüber stieß ich auf den Korpus dieses Beitrags, der seit etwas mehr als einem Jahr bei mir im Backend herumliegt. Als ich ihn zu schreiben begann, befand mich an einem beruflichen Wendepunkt, für den ich heute dankbar bin. Dieser Wendepunkt bedeutete nämlich das rechtzeitige Entkommen aus einer fatalen Falle des Denkens, aus einer ängstlichen Selbstzensur im Frühstadium: aus sogenannter „Auftragsforschung“, die freilich mit Wissenschaft und meinen Ansprüchen daran nicht mehr das Geringste zu tun hat. Das Entkommen aus einem Milieu, einem Pferch des eingeengt Denkens und Schreibens — und des darüber nie etwas nützliches Kreierens und Lieferns. Ein Fortkommen und nie wieder Zurückwollen in eine enge Box. Ich denke, dass sich in dieser Box die Falle befindet, um die es hier eigentlich geht. Will man also der Falle entkommen, muss man sich die Box, das Gesamtkonstrukt, genauer ansehen. Vorher, Klammer auf.

Es bedarf zunächst eines kurzen Ausflugs an den Rand eines Ur-Unbehagens, von woher verlässlich Ressentiment droht. Ressentiment — ein ständiges Wiederkäuen, wie es Cynthia Fleury so treffend beschrieben hat — ist unheilvoll, am unheilvollsten für den Menschen des Ressentiments selbst. Ressentiment sei zu einem Stück weit normal, überall vorhanden, gewissermaßen angelegt: durch erfahrene Kränkungen, Unrechtserfahrungen, Gewalterlebnisse, Zurückweisungen, Missverständnisse, usw. Nur käme es laut Fleury darauf an, ob der Mensch in der Lage ist, zu sublimieren. Als Psychoanalytikerin verwendet Fleury den Begriff des Sublimierens in Freud’scher Tradition, um damit die Fähigkeit zu bezeichnen, etwas zu reflektieren, zu verarbeiten, to overcome. Deshalb hier ein kurzer Sublimierungsversuch, eingefasst zwischen Klammern — obwohl ich mir sicher bin, dass es sich hier um einen unabgeschlossenen Schnellversuch handelt.

Ich schrieb ja zum Beispiel, ich sei „rechtzeitig entkommen“. Doch was heißt eigentlich rechtzeitig entkommen? Für wen oder was rechtzeitig? Vielleicht gerade noch rechtzeitig? Das Drama, immer gefühlt spät und später mit allem dran zu sein — das ist eine Art Lebensthema. Aber ist das wirklich so — oder handelt es sich bloß wieder um Selbsttäuschung, Zweifel, Verunsicherung? Oder sind das die befürchteten Grenzen, an die man stößt und abprallt?

Gestern habe ich mich mit meiner Schwester über ihr Aufbaustudium unterhalten. Wir beide stellten wiederholt fest, dass wir auch mit über 40 noch mit dem Hochstaplersyndrom und anderen, sinnlosen Unsicherheiten zu kämpfen haben. Wir zitieren richtig, achten akribisch auf Quellenangaben, geben alle Referenzen an — und trotzdem: Können wir das? Dürfen wir das? Erneut führe ich das auf zählebige Habitusunverträglichkeiten zurück, wie sie Pierre Bourdieu beschrieben hat.

Es ist der Habitus derjenigen, die sich quasi seit dem Klassenverrat ihrer Schulzeit nur mit Bildungsbürgern umgeben. Das begrenzte, aber wohlformulierte Verständnis der Welt bildungsbürgerlicher Gewächse engt sie ein, ohne ihnen — zumindest ab einem bestimmten Zeitpunkt, der weit jenseits der späten 20er liegen mag — noch viel Nützliches zurückgeben zu können. Sie üben sich in Nachahmung, Inkorporation, Verinnerlichung fremder Selbstverständlichkeiten. Bedrängt durch Denke, Spreche und Anstände anderer Menschen, die ihrerseits ihren Habitus selbstverständlich eingenommen haben: unhinterfragt, geschmeidig, bequem. Anderer Menschen, die oft von übernommener Identität sind, von unreflektierbarem Privileg.

Man liebt, was man hat, weil man hat, was man hat.

Versus:

Man hasst, was man hat, weil man nicht hat, was Jene haben.

In ungefähr diesem Hiat lässt sich die Wurzel von Ressentiment in unserem spezifischen Fall vielleicht fassen.

Formal gebildete Menschen, die so und so oft Bourdieu gelesen und verstanden haben wollen — die aber andererseits ihr eigenes, wie von selbst gewachsenes Geistesgefängnis nie werden verlassen können. Einvernehmlich in Box und Falle werden sie keine Gelegenheit finden, anzuecken — während sich die Welt rund wölbt und weitet und die kleine enge Box, darin die Falle, weit und weiter in einen Mahlstrom der Bedeutungslosigkeit reißt.

Ob ich das Ressentiment hoffentlich ein wenig eingedämmt habe: ich weiß es nicht. Ich verteidige hier nicht den Anspruch, irgendetwas verarbeitet zu haben, wirklich nicht. Aber mir dämmert immerhin, dass es eine Korrelation, eine vertrackte Verbindung gibt zwischen Habitus A und Habitus B: Während sich Habitus A nie in seiner Haut sicher fühlte, beginnt das Unbehagen für Habitus B — die alten Etablierten — gerade jetzt. Die alten Richtwerte stimmen gewissermaßen nicht mehr. Ist das Geleit der Welt für die neuerdings Verunsicherten womöglich sogar schwieriger zu ertragen? Wir werden sehen. Klammer zu.

Ich weiß nicht, ob ich es in diesem Beitrag schaffe, die Denkfalle zu erfassen, hinter der ich her bin. Habitus hin oder her: Besagte Falle betrifft mich wie jeden anderen Menschen, indem sie weit über irgendwelche Klassenfragen hinausgeht. Es geht dabei um größere Zusammenhänge, die in der Falle keinen Platz haben, die alle Klassen, Menschen, Herkünfte betreffen. Die Falle umringt das Denken und den Ausdruck, das kritische Beobachten der politischen Sphäre, der sozialen Atmosphäre, den Golf zwischen Ist-Fakten und Soll-Fakten; die Falle bedrängt den Mut, frei zu sprechen und damit sich und der Welt überhaupt eine Perspektive zu ermöglichen. Die Falle tötet Menschen, zigtausende Menschen, unzählige Kinder. Für alles ist ein Preis zu zahlen. Der Raum der demokratischen Gesellschaft, er geht in der Falle zugrunde.

Seit ich den folgenden Text nicht einmal ansatzweise zu Ende schreiben konnte, üben sich einst freie Menschen zunehmend in Selbstzensur. Auch wer sich vorher sicher fühlte, sich souverän und kühn artikulierte, ist jetzt eher zurückhaltend. Argwöhnisch, empfindlich. Das geistige Potenzial hin zu Lösungen, das so dringend gebraucht wird: es wird eingestaucht. Das Kleine und das immer noch Kleinere liegen im Trend, werden gefördert, werden für relevant gehandelt. Seit über einem Jahr hat sich daran kaum etwas geändert, wohin man auch blickt. Heute muss niemand mehr auf das widerwärtige Scheusal eines Donald Trump, eines Benjamin Netanjahu deuten. Der deutsche Sprachraum rudert in eine ganz ähnliche Richtung. Ohne Sublimierungsversuch, ohne Eindämmung des Ressentiments. Eine gefährliche Kombination.

Und damit zu den alten Textfetzen — in der Hoffnung, ihnen ihren nie zu Ende gedachten Sinn wiederzugeben.

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Zuerst schrieb ich: „Aus sehr vielen Gründen ist es an der Zeit, vollkommen frei von gedanklichen Gängeleien über das Klima nachzudenken…“, aber das ist natürlich stilistisch wie inhaltlich der reinste Unsinn. Bei Themen wie dem naturräumlichen und sozialen Klimawandel sollte immer radikal, nie pragmatisch, niemals subordiniert unter eines der tonangebenden Stabilitätsparadigmen gedacht werden.

Nennen wir letzteres so: Denken in der Box. Stellen wir es paradigmatisch Hannah Arendts Denken ohne Geländer gegenüber. Oder warum kommen wir nicht gleich auf Immanuel Kants Mündigkeit zurück? Kant, von dem es heißt, Arendt habe seine Schriften bereits als Teenagerin inhaliert. Kant, der auch eine von drei zentralen Referenzen in Omri Boehms Buch Radikaler Universalismus: Jenseits von Identität ist. Boehm, der zu einem intellektuellen Rettungsversuch der Aufklärung angetreten ist. Der Aufklärung, des Universalismus: beide über jahrelangen Pop-Intellektualismus verfemt und schwer beschädigt.

Omri Boehm hat mir nach sehr langer Zeit endlich frische und inspirierende Geistesnahrung geliefert, indem er eine denkerische Meisterleistung vollzogen hat, in schöner, gut lesbarer, überzeugender Sprache: Er schafft es, das äußerst selten überhaupt thematisierte Ende des Monotheismus und der traditionellen Patriarchatsreligionen zuerst zu einem Problem zu erklären, dann aber sowohl über Bibel als auch Kant einen kosmopolitischen Ausweg aufzuzeigen.

Oft wird die monotheistische Wende als etwas Grundproblematisches dargestellt: Seit es nur noch den einen, heute bleichen, untoten Gott gab, sei der Keim des Totalitarismus in der Welt, um es sehr grob abzukürzen. Heute befinden wir uns am jenseitigen Ende der monotheistischen Wende: dort, wo diese alten Religionen enden, und diese Art von Enden vollziehen sich nie abrupt. Wer sich einmal mit dem Prozess der Christianisierung oder der Islamisierung in verschiedenen Regionen beschäftigt hat sieht, dass es sich dabei um jahrhundertelange Prozesse gehandelt hat. Warum sollte sich ihr Ende nun anders gestalten?

Religionen sind in den Geistes- und Sozialwissenschaften ein häufiger Gegenstand, aber sie werden meistens behandelt wie ein Sakrileg. Es gibt sie, man hat sie zu respektieren, von innen heraus zu verstehen, und vor allem sind die Gläubigen und ihre Gefühle unbedingt zu respektieren. Sofern größere Prozesse aus dem Blick geraten, wird oft sogar eine „Rückkehr der Religion“ attestiert — ohne zu erwägen, dass es sich um ein Auf und Ab handeln könnte. Mir kam dies besonders an meiner Graduiertenschule suspekt vor, die sich auch namentlich um eine Religion clustert. Alle haben sich auf die eine oder ander Weise mit der Bedeutung und dem Fortwirken von Religion beschäftigt — aber kaum jemand mit ihrem Bedeutungsverlust. Ein anderes Extrem im Umgang mit den Patriarchatsreligionen besteht darin, sie selektiv zu dekonstruieren, sie als Identitätsmarker zu behandeln: Nur die Religion der Anderen ist problematisch.

Omri Boehms Ansatz ist ein ganz anderer. Er beschreibt den biblischen Monotheismus am Beispiel der Bindung Isaaks, die im christlichen Bereich nicht so genannt wird. Die Geschichte ist jedoch ebenso bekannt und fast identisch: Abraham wird von Gott aufgefordert, seinen Sohn Isaak zu opfern. Abraham aber fordert Gott heraus. Er stellt die höchste Autorität Gottes dermaßen in Frage, dass Gott einlenkt. Gott stimmt im Grunde Abraham zu, dass auch er nicht über die moralische und ethische Integrität verfügt, unbeschadet ein unschuldiges Kind zu töten, weil er in diesem Falle auch gleich alle unschuldigen Kinder der Welt töten könnte. Genau das begreift Boehm als die Geburtsstunde der Menschenrechte: Niemand hat das Recht, zu gehorchen, um es wiederum in Hannah Arendts Worten zu fassen — nicht einmal Gott. Damit steht ein universales Richtig, ein universales Falsch im Raum. Es ist richtig, Kinder zu schützen und zu retten. Es ist falsch, Kinder zu töten.

Das Kategorische und Allgemeingültige an diesem Richtig und Falsch nennt er Universalismus — und politisch umgesetzt könnte man auch von einer möglichen Lösung für die Kosmopolis ausgehen. Die Kosmopolis gibt es gerade nicht. Wie oben schon skizziert, bildet sich Tag für Tag das Gegenteil ab. Aber es muss sie geben, denn es spielen sich zwangsläufig kosmopolitische Herausforderungen ab, die auch nur als solche bewältigt werden können.

Was unbeantwortet bleibt: woher bezieht der Universalismus seine Autorität, wenn der Gottglaube insgesamt zu Ende ist? Kann eine Parabel wie die Bindung Isaaks — analog als die Bindung der Menschheit an einen habitablen Planeten gedacht — Bestand haben, wenn es keine metaphysische, für den Menschen also nicht greifbare Autorität mehr gibt? In einer Welt, wo über die Privatisierung des Weltalls nachgedacht wird, in der Pläne zur elitären Umsiedlung auf den Mars diskutiert werden? Schließlich: Was hat uns all die kleinteilige Beschäftigung mit Religion und Spiritualität gebracht, wenn sie in der relevantesten aller Fragen nur ins Nichts und in die Bedeutungslosigkeit führt?

Natürlich umfasst der kosmopolitische Universalismus weit mehr als das Gebot, nicht zu töten. Ich fing ja mit dem Klimawandel an (der kaum noch jemanden zu interessieren scheint), wozu kaum noch etwas Neues gesagt werden braucht: Die totale soziale Tatsache des Klimawandels, seiner seienden und kommenden Verheerungen ist facettenreich anwesend. Mit dabei: das déroulement von Demagogie, Neopopulismus, Identitarismus/Identitätspolitik, des Endes der Demokratie in einer wachsenden Zahl von Ländern. Hier taucht die Box mit ihrer intrinsischen Falle wieder auf: Universalismus stört. Das alles habe nichts gebracht. Die Freiheit ist im Klein-Klein der Identität zu suchen. Das Kind ist mit dem Bade auszuschütten.

Zwischendurch schien es vielleicht, Lumpen wie Trump und Bolsonaro könnten der Vergangenheit angehören, die vermeintlich richtige Seite habe jetzt endlich Aufwind. Polen bewegte sich in eine liberale Zukunft. Sogar in der schwer gebeutelten Türkei zeigten sich Keime der Hoffnung. In Deutschland — und das hat mit viel mit der bildungsbürgerlich vermessenen, engen Denkfalle zu tun — wurden Gesetze zum Schutz und zur Förderung der Demokratie auf den Weg gebracht.

Als könnte man sich per Gesetz einen freien Geist verordnen.

Geht es noch absurder?

Noch deutscher?

Keine dieser Entwicklungen trug Früchte, das Gegenteil trat ein.

Eine interessante Entwicklung allerdings begleitete Omri Boehms Publikationen: nämlich eine fortschreitende, überfällige Dekonstruktion der irrlichternden Identitätspolitik, die in Deutschland noch oft für progressiv gehalten wird. Wie Omri Boehm feststellt — und Andere vor ihm haben den neoliberalen Progress (den Boehm nicht so nennt) schon früher beschrieben, wenn auch weniger brilliant — geht das janusköpfige Phänomen Identitarismus/Identitätspolitik aus einem weit in das 20. Jahrhundert, eigentlich sogar bis in das 18. Jahrhundert zurückreichenden Irrweg hervor. Boehm schreibt vom libertären Zeitalter, das Phänomene wie Trump hervorgebracht hat:

Es ist nur angemessen, dass dieses libertäre Zeitalter in der Figur Trump gipfelte, einem „opportunistischen, prinzipienlosen Populisten“. (Boehm 2024, 102)

Boehm formuliert in seinen weiteren Ausführungen eine Kritik an der (unvollständigen, falschen) Kritik von Identität und Identitätspolitik in den USA, was den hier nicht ausgeführten Bezug auf den Autor Mark Lilla im anschließenden Zitat erklärt:

In den Jahren, die seit den erregten Debatten um Lillas Intervention vergangen sind, hat Trump das Präsidentenamt verloren, der Trumpismus aber ist zum Mainstream geworden. Gleichzeitig hat der Identitätsjargon noch aggressivere, polarisierende und extremere Züge angenommen. (Boehm 2024, 103)

Nicht jede Kritik an Identitätspolitik ist zielführend, besonders dann nicht, wenn sie ihrerseits in eine kleine Box zurückführt. Das kann natürlich in erster Linie Kritik von rechts sein, die auf eigene Weise identitär bis rassistisch ist; das kann aber auch eine harmlosere Art der Kritik sein, die eine Rückkehr zu den kleinteiligeren Prinzipien des alten Nationalstaats fordert. Es lohnt sich, sich mit dem vollständigen Argument Boehms auseinanderzusetzen.

In der Denkfalle, um sie weiterhin obskur, aber präsent zu belassen, kann der von Boehm problematisierte Identitätsjargon und seine Hauptproblematik, nämlich das Auseinandertreiben von Gesellschaft, das Stärken des Kleinen und des noch Kleineren, nie erkannt werden. Die Argumente der Denkfalle sind mit der Forderung eines Mark Lilla vergleichbar. Die einzige mögliche, selbstvernehmlich (pseudo-)demokratische und (pseudo-)liberale Perspektive auf Identitarismus/Identität wurde schließlich selbst von dieser Entwicklung getrieben und geformt, hat sich zu einer Lehrformel der Anständigkeit deformiert, kann nicht über sich hinaus: Dekonstruiert und kritisiert werden kann und darf nur das Identitätsgefngnis von rechts, doch die eigene Einengung zu hinterfragen — das wird als rechter Affront gewertet und verdammt. Meine Beobachtungen aus dem Berufsfeldwechsel decken sich damit einhundert Prozent.

(Ich habe in der Zwischenzeit ausführlich über das leidige Thema der Identitätsfalle geschrieben und führe es hier nicht erneut näher aus).

Es bleibt zu hoffen, dass der Kantische Begriff der Mündigkeit, den Boehm an mehreren Stellen stark vertritt und der heute relevanter und aktueller denn je ist, seine Anwendung auch im Bereich der digitalen Mündigkeit findet — eine hierzulande sträflich vernachlässigte Pflanze (vgl. NEOVOX).

Auch das so ein Frustpunkt aus der Denkfalle, kurz vor dem Feldwechsel: Mehr als einmal bekam ich die unfassbar törichte Ansicht zu Ohren, man könne doch den Menschen nicht mit Mündigkeit kommen. Das wäre ja so, als würde man sie als unmündig einstufen. Was maße man sich denn selbst an? Etwa, die demokratischen Mitbürger*innen „erziehen“ zu wollen? Und was verstünden wir denn heute — gemeint sind die vor der Smartphonisierung Sozialisierten — eigentlich von der Lebenswelt heutiger Jugendlicher?

Genau: erklären wir doch lieber eine verheerende soziale Katastrophe zu einer lösbaren Alltagsaufgabe eines jeden Einzelnen. Beim Denken und Schreiben in der Box handelt es sich um einen durch und durch systemischen Effekt. Wo aber etwas systemischer Natur ist, lässt sich auch nicht auf eindeutige, andere Schuldige zeigen. Eine so beliebte wie fatale Falle besteht daher darin, bei sich selbst, beim Individuum die Verantwortung zu suchen, wie es die unverwüstliche, neoliberale Story so will. Ich vermute, dass diese Falle einer der Hauptgründe ist, warum so viel in der Box gedacht wird.

Ich glaube zwar nicht an eine übergeordnete Instanz, die dafür sorgt und „anordnet“, dass die Menschheit weiter auf die Wand zurast, um des kleinen Profits willen. Trotzdem bilden sich weitere, interessante Phänomene ab, die es am Ende so aussehen lassen, als handle es sich bei der Wandfahrt um einen sich selbst stabilisierenden, perpetuierenden Prozess.

Eines davon könnte man vielleicht als Strategie der Beschwichtigung bezeichnen, die es versucht, mit der Unordnung aufzunehmen. Worin die gesamte Unordnung in den alten Koordinaten besteht, die zur sinnvermittelnden Deutung und Gestaltung der sozialen und naturräumlichen Lebenswelt früher so selbstverständlich herangezogen werden konnten, heute aber zu kaum mehr etwas taugen, muss und kann ich nicht in einem Rutsch zusammenfassen. Sagen wir es so: Vielen Menschen ist irgendwie klar, dass nichts mehr klar ist. Vor diesem Hintegrund ist ein gerngelesener journalistischer Trend zu beobachten: In gespielter Coolness wird allenthalben suggeriert, Katastrophismus sei jetzt gerade genau das Falsche. Die Warnung vor einem katastrophischen Zeitgeist — den ich tatsächlich für unaufhaltsam halte, und darüber hinaus ist das auch geschichtlich gar nichts Unbekanntes — will darauf hinaus, dass alle einen kühlen Kopf bewahren. Nur so könnten die dringend benötigten, klugen Entscheidungen getroffen, Klimaziele erreicht, Emissionen gesenkt werden. Der kühle Kopf sei eben nicht in heller Panik in den Sand zu stecken, während alte und junge Demokratien vor Autokratie und Autoritarismus Queue machen.

Am Argument des kühlen Kopfes in unserer CO2-angereicherten, diskursiv zum Bersten aufgeladenen Atmosphäre ist natürlich etwas dran. Wer sich permanent treiben lässt, wer Druck und Stress ausgesetzt ist, reicht diesen state of mind über seine Handlungen und sein Geschriebenes weiter. Demzufolge brauchen wir gerade Menschen, die nicht unter Druck gesetzt werden, den status quo fortzuschreiben und weiter voranzutreiben — doch das Gegenteil ist oft der Fall. Das einzige Problem an dieser Hoffnungshaltung und am meinungsjournalistischen Trend: Nein. The artist doesn’t ship. Der kühle Kopf, sofern er mutlos in seiner kleinen Box bleibt, kann es von vorneherein nicht mit den demagogischen und populistischen Hitzköpfen aufnehmen.

Es hat sich mittlerweile mit größter Berechtigung verbreitet, von einer Polykrise zu sprechen. Ich habe es im Neopopulismus-Projekt von Anfang an als Meta-Katastrophe bezeichnet, gemeint ist vermutlich etwas sehr Ähnliches, oft aber auch lückenhaft Beschriebenes. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung definiert eine Polykrise so:

„Das Forschungsteam der in der Fachzeitschrift Global Sustainability veröffentlichten Studie definiert eine globale Polykrise als „kausale Verflechtung von Krisen in mehreren globalen Systemen, die die Perspektiven der Menschheit erheblich verschlechtern“. Globale Krisen entstehen, wenn kurzfristige und schnelllebige Auslöser wie politische Unruhen, starke Preisanstiege oder klimatische Extremereignisse mit langsameren und dauerhafteren Belastungen wie wachsenden sozioökonomischen Ungleichheiten oder der Klimaerwärmung kombiniert werden. Diese Entwicklungen können ein globales System wie die Nahrungsmittelproduktion, die globale Sicherheit oder die Finanzmärkte aus dem Gleichgewicht bringen und in eine Krise stürzen. In Verbindung mit anderen kriselnden globalen Systemen kann eine Polykrise entstehen, die nach Ansicht der Autoren als Ganzes und nicht isoliert verstanden und gelöst werden sollte.“
Quelle: PIK Potsdam vom 17.01.2024 (zuletzt abgerufen am 20.04.2024).

Ich würde mich dieser Definition zwar anschließen, halte sie aber für stark verkürzt. Als Geistes- und Sozialwissenschaftler würde ich den Fokus noch viel stärker noch auf den sozialen Salat richten — auf die sozialpsychologischen Verengungen und Denkfallen. Mir kommt es so vor, als würde inzwischen sogar wieder vermehrt gegängelt, eingeschränkt und in der Box gedacht und geschrieben; als würden sich Menschen quasi freiwillig in eine Art der Ein-Nordung begeben, um einem Bedarf nach vermeintlicher Ordnung nachzukommen; nach Ordnung, wo Ordnung freilich gar keinen Bestand hat. Ich bin mir sicher, dass dieses Suchen nach falscher Stabilität keinerlei positiven Effekt haben kann — ja sogar: dass wir uns in dieser Gemengelage Denken in der Box am allerwenigsten leisten können.

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