Vor kurzem entstand im Treptower Park dieses überaus entspannte, aber auch engagierte und heitere Gespräch mit einem etwa fünfjährigen Kind. Besser gesagt riss mich das Mädchen aus meinem tiefen, gedankenlosen Fokus. Sofern ich gerade überhaupt Gedanken hatte, ärgerte ich mich vielleicht noch ein wenig über diese albernen Nilgänse, die sich nicht bequemen wollten, einmal ordentlich fotogen zu flattern, so sehr ich ihnen mit dem Rad auch hinterstellte; bis die ersten Passanten anfingen, auf ihren Smartphones nach dem Tierschutz zu scrollen. Ich suchte mir also andere, unaufgeregtere Fotoobjekte und fand sie in einem morastigen Spreezufluss neben einem Uferlokal.
Ich hatte das Mädchen und ihre Mutter vorher schon auf ihren Rädern bemerkt. Das Mädchen fragte interessiert, warum ich so in den dreckigen Kanal hineinleuchte. Ich erklärte ihr, dass ich nicht leuchtete, sondern versuchte, Wasserspiegelungen und Oberflächenspannungen rund um gefallenes Laub einzufangen. Nur auf der Oberfläche überaus schmutzig-trüben, aber spiegelnden Wassers schien es möglich zu sein, den Effekt einer Dia-Leinwand der späten 1980er Jahre herzustellen. Eine Tür namens Nostalgie in die „Anderswelt“, gewissermaßen, mit einer Prise jahreszeitlichen Schwermuts. Wie gerne flöhe ich einmal in die 1980er — wenn auch nur für einen dreitägigen Trip. Im Omnibus mit Kung-Fu-Filmen, an egal welchen Ort. Am ehesten Südost- oder Mitteleuropa, gerne auch Zone, warum nicht auch Paris oder gleich ganz bis nach Brest?
Ob in dem Wasser Fische lebten, fragte das Mädchen. Also wenn ich ein Fisch wäre, lebte ich nebenan in dem bisschen Spreewasser, wo man den Dreck immerhin nicht so arg sähe, antwortet ich. Weil das Mädchen dann aber ein paar schlammbesudelte Unterwasserpflanzen entdeckte, führte sie Frösche, Schnecken und Schildkröten ins Spiel. All diese Tiere habe sie schon in der Hand gehalten, posaunte sie mir strahlend zu, und zwar frei lebende. Echt, sogar frei lebende Schildkröten? Ja, in Südafrika! — Da intervenierte ihre kluge Mutter und erkärte, das Mädchen sei noch nie in Südafrika gewesen. Ich solle mich jetzt am besten auf eine ganz lange, erfundene Lebensgeschichte einstellen. — Ja, nur zu! Wir lächeln uns vorfreudig zu und lauschten neugierig dem Rest der Geschichte.
Die Schildkrötenflunkerei wurde umgehend aktualisiert: Die Schildkröte kam demnach gar nicht aus Südafrika, sondern aus dem griechischen Ort Marathon. Das besondere an ihr war, dass auf ihr eine Schnecke ritt. Diese rief der rasenden Schildkröte zu, dass ihr von der Geschwindigkeit noch ganz schwindlig werde. Das Mädchen hielt die Reaktionen meiner Mund- und Augenwinkel prüfend im Blick. Natürlich entzauberte mir die Geschichte ein Lächeln, doch zur Sicherheit fügte sie hinzu, dass es sich um einen Witz handelte. — Das ist ja typisch Marathonschildkröte, fabulierte ich hinzu, die sollen gerne schnell rennen. Und naja, wer weiß, mit viel Übung wird sie wohl noch eine richtige Meisterin.
Es wäre albern gewesen, diese aus dem Nichts aufgetauchte Pointe nicht sacken zu lassen. Ich musste erst einmal gedanklich aus den 1980er Jahren zurückkehren. Die Gerüche von Morast, modrigem Kastanienlaub, Frösche, im Frühjahr Laich und Kaulquappen: Das waren wohlvertraute Gerüche vom Draußenspielen im verwilderten Schlosspark mit seinem Bachlauf. Während hinter uns vier Jungs auf zwei Elektrorollern mit sieben Smartphones an uns vorbei rasten und uns ins Bewusstsein riefen, in welchen Zeiten wir lebten, verabschiedeten wir uns — und ich kehrte zurück in die mittleren 2020er Jahre. Ich hoffe, wir verlieren dieses gescheite Kind nicht an eine zerdummende App. Oder an irgendeine kommende Akzeleration des vollumfänglichen Unsinns unserer Zeit. Es gelingt mir nicht, mir vorzustellen, wohin diese Kinder in ihrem Erwachsenenalter gedanklich würden fliehen können; wo sie sich für die Dauer einer dreitägigen Busfahrt einmal seelisch ausruhen könnten.



Schöne Erzählung sehr romantisch
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Danke 🙂
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