Das Folgende sind ein paar rasche Gedankennotizen im Nachgang des vierteiligen Dokumentarfilms High School Radical, der nicht endenden Jubelnachrichten zur Zohran-Mamdani-Wahl in New York, der drohenden Sprache der Waffen und zur Frage, ob und was die Vertrumpung der USA und mit ihr der Siegeszug des Neopopulismus mit Dummheit zu tun hat. Dummheit? — mit Sicherheit eine anmaßende Frage. Wie um letztere Auseinandersetzung etwas seriöser zu gestalten, kommt mir dabei aber gerade ein Zitat von Friedrich Ani aus der SZ gelegen. Ich las es heute Früh, nachdem ich gestern Abend die markerschütternde Doku des französischen Austauschschülers Max mit dem Titel High School Radical: Meine Freunde, die Trumpisten und ich gesehen habe. Zuerst und vorausschickend aber Anis Zitat, weil es diese Gedankennotizen einrahmt und ich ganz zum Schluss noch einmal auf die Frage nach Dummheit oder Mündigkeit zurückkommen werde:
„Die Dummheit in Grenzen zu halten, ist eine Gemeinschaftsleistung, nichts, was einer allein schafft.“
SZ vom 28.10.2025, Link im ersten Kommentar, Paywall
Die minimalistische Rückkehr-Doku High School Radical spiegelt die zehn Jahre alten Aufnahmen von Max Laulom mit einer sehr einfachen GoPro-Kamera von der Zeit kurz vor der ersten Trump-Wahl (2016) mit seinen neueren Beobachtungen rund um die zweite Wahl und der anschließenden Vertrumpung der USA. Max reist dazu zurück nach Owasso in den Bundesstaat Oklahoma, wo er wieder bei seiner Gastfamilie wohnt. Zuerst isst er eine ganze Tüte Donut-Löcher auf, akklimatisiert sich, inhaliert dabei nostalgische Eindrücke aus seinem formativen Austauschjahr. Er nimmt aber auch sofort die allgegenwärtigen Trump-Schilder wahr, hat die beunruhigenden Facebook-Posts seiner amerikanischen Freunde im Hinterkopf, will dem ganzen Spuk auf den Grund gehen. Bevor er gegen Ende des Films im Auto sitzt und in die Kamera sagt, dass er wahrscheinlich nie wieder nach Owasso zurückkehren möchte, ist er hin- und hergerissen zwischen Liebe und Befremdnis zu seinem alten Gastland.
Kann es denn wirklich sein, dass die jetzt alle Trump wählen, so fragt er sich. Seine Freunde, das waren doch alles nette Leute — ist es denn möglich? Um das herauszufinden besucht er seine früheren Nachbarn, seine fensterlose Schule (das soll vor Schießereien und Amokläufen von außen schützen), nimmt an Trump-Rallies in Oklahoma und sogar in Georgia teil, an einer demokratischen Veranstaltung in Washington D.C., spricht mit der Mutter seiner verstorbenen Mitschülerin, singt Karaoke, wird zum Essen eingeladen (es gibt nur Junkfood), reist sogar bis nach Seattle, spricht immer wieder in die Kamera.
Wenn man es so unter dem Strich betrachtet und zusammenfasst, lesen sich seine Eindrücke fast wie eine Gesamtschau grober Amerika-Klischees, auch wenn sie beim Betrachten der vier Filmteile durchaus authentisch und überzeugend wirken. Handelt es sich dabei also vielleicht am Ende doch nur um ein klassisch europäisches, borniertes USA-Bashing, wie man es seit jeher kennt? Da ist das abstoßende Essen („eine Pizza, die nur nach Öl schmeckt“); da sind die Erwachsenen, die sich wie große Kinder verhalten und doch den mächtigsten Mann der Welt wählen dürfen; und schließlich sind da überall Waffen. Besonders wegen der sich durch die Filmteile ziehenden, weitreichenden Bewaffnung sollte man sich die Doku unbedingt ansehen.
Ein noch triftigerer Grund besteht darin, dass in Europa (bzw. Deutschland) noch eine ganz andere, nicht weniger leidige Stereotypisierung Amerikas zu beobachten ist: der Jubel-Dschornalismus. Das Hauptmerkmal des Jubel-Dschornalismus — wie ich ihn aus Gründen einer mir abhorrenden, sich immer weiter ausbreitenden Fehlaussprache des Wortes Journalismus [ˌʒʊʁnaˈlɪsmʊs] hier nenne und gegen echten Journalismus kontrastieren möchte — besteht darin, in einer Art Copy-Paste-Verfahren nach progressiven, vorbildlichen Denkweisen, Policies und ästhetischen Codes gerade und ausschließlich in den USA und in der englischen Sprache zu suchen, dabei aber arbiträr und ohne echten Tiefgang vorzugehen. Nun mögen die USA zu einem vor zwanzig Jahren noch kaum vorstellbaren Ausmaß auf den Hund gekommen sein — doch die bequemen Gewohnheiten des Jubel-Dschornalismus sind so produktiv wie eh und je.
Momentan scheinen seine Vertreter:innen wie berauscht davon, die New Yorker Mamdani-Wahl über alle Maßen zu verklären und zum Vorbild zu erkiesen. Allerorten ist zu lesen, man müsse sich da ein Stück abschneiden. Es seien Inhalte vor der Form gefragt. Ganz so, als sei Mamdani nicht in erster Linie instagramable und ein TikTok-Star, als seien seine atemberaubenden Sprachkenntnisse nicht in erster Linie Teil einer Performance, die wenig repräsentativ für die USA erscheinen müsste. Die SPD oder die Grünen bekämen so was nicht hin, kommentiert die taz. Aus dem Sentiment heraus ist das nachvollziehbar: Man denke nur an so formstarke, aber inhaltlich peinliche Personalien wie Annalena Baerbock oder Olaf Scholz. Dann wird wiederum auf der Identitätsformel herumgeritten, der erste Muslim usw. — obwohl doch gerade Zohran Mamdani soziale Fragen in den Vordergrund gerückt hat, im Gegensatz zum links wie rechts populären Identitarismus. Die berauschende Wirkung der Betrachtung Amerikas, die eine Kollegin einmal als sehr treffend als „imperialen Effekt“ bezeichnet hat, mag eine spezifisch deutsche Note haben. Sie stillt aber bestimmt auch ein globales Bedürfnis nach Hoffnung, nach Feelgood, und zwar so, wie es Drogen tun: Drogen zur Selbstmedikation gegen die Übertrumpung, Übermuskung, Überthielung, you name it.
Wo bleiben die wachen Blicke, die reflektierende Vorsicht, das kritische Infragestellen? Immerhin auf den Sender Arte ist gerade Verlass, denke ich mir, denn man wird sich sicherlich etwas dabei gedacht haben, diese Doku-Filmreihe wie einen leisen Warnschuss gerade jetzt vor das Waffengedröhne in den USA zu setzen. Ist es denn wirklich so unverstellbar, dass die Sache mit Zohran Mamdani schief geht? „Gott beschütze ihn“, schrieb eine zypriotisch-amerikanische Freundin auf Facebook, die mich bei meiner Amerika-Reise in New York beherbergt hatte und inzwischen am anderen Ende des Landes wohnt. Ich musste ihr sofort zustimmen: genau das war mein erster Gedanke. Ich hoffe wirklich, dass es für ihn und New York gut ausgeht, bin aber gleichzeitig mehr als skeptisch.
Mich erinnert die Doku ausschnittsweise an meine USA-Reise, als ich meinen herzlichen türkischen Gastgeber zum Einkauf in einen Walmart im Ort Durham (North Carolina) begleitete. Ich wollte unbedingt das Waffenarsenal sehen. Ja stimmt es dann, was man sagt? — fragte ich halbernst gemeint. Mein Gastgeber wusste sofort, was ich meinte, er hatte die Waffenabteilung schon anderen Besuchern aus Europa, aus Istanbul vorgeführt. Ich überzeugte mich also mit eigenen Augen: Ja, das war also kein Spielzeug. Man zeigte mir dann auch noch die Auswahl an Munition: So so, man soll damit also auch noch echt schießen können, wenn gefällig mit der Pumpgun, falls man das wirklich so nennen sollte.
In der Doku High School Radical wächst das Waffenarsenal in den Haushalten zu einer so bedrohlichen Kulisse an, dass man Angst um Max hinter seiner Kamera bekommt. Einmal wird Max von einem alten Freund eingeladen. Man trifft sich zum Schießen mit echten Waffen an einem Schießstand, als sei es ebenso normal, wie sich zum Bowling an der Bowlingbahn zu treffen. Ein Aufpasser des Schießstands kontrolliert mit geladener Waffe im Halfter. Ein junger Mann verhält sich auffällig, wird hinausgebeten, fort von den scharfen Waffen.
Zwischen den einzelnen Teilen der Doku scrolle ich durch die Nachrichtenseiten, die Jubilate nehmen kein Ende, werden immer feiner, gehen weiter ins Detail. Während sich eine Dschornalistin an den feinen Spanischkenntnissen von Zohran Mamdani erquickt, lobt der nächste sein souveränes Arabisch (das ich auch schon fast blass vor Neid und Bewunderung wahrgenommen habe!). Hintergündig wird in die Tiefe gehend erörtert, warum der amerikanische Sozialismus immer schon ernstzunehmen war. Ganz besonders peinlich stößt mir folgender Slogan auf: „First we take Manhattan, then we take Berlin!“. Sind die Dschornalist:innen inzwischen auf der Stufe des Vollrauschs angekommen? Wir werden es noch sehen: Bekanntermaßen folgt dem Rausch der Kater. Doch wo bleiben die Hinweise, die Warnungen, die Nüchternen? Es ist seltsam, wie die Drohungen des Trump-Regimes nahezu ausblendet werden; auch das mag ein therapeutischer Effekt sein. Was aber ist mit den Nationalgardisten in Kalifornien, in Oregon?
Is it because New York is too big to fail? I am not convinced.
Vielleicht wagen wir ja doch einmal den Blick über den Tellerrand. Was ist zum Beispiel mit Istanbul, das uns viel näher liegt als New York? Ist die Megakent etwa übersichtlicher, kleiner, leichter einnehmbar? Kann man denn das seit Jahren zu beobachtende, autokratische Lernen zwischen Gestalten wie Trump, Erdoğan, Putin, Orban und ihresgleichen wirklich und allen Ernstes ignorieren — womöglich für eine leichte, vergängliche Überdosis Feelgood? Der frei und eindeutig gewählte Istanbuler OB Ekrem İmamoğlu sitzt im Gefängnis, der sich mit hochgekrämpelten Hemdsärmeln hingestellt und zum Jubel der ausgelaugten Massen versprochen hatte: Alles wird sehr schön (her şey çok güzel olacak). Viel länger schon sitzen ganz andere Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in der Türkei im Gefängnis. Selahattin Demirtaş, einst als „Kurdish Obama“, sitzt ebenfalls im Zuchthaus, sein Fall ruft keine Social-Media-süchtige Gen Z auf die Straßen, viele werden seinen Namen nicht einmal kennen.
Vor einigen Jahren hatte ich in einem langen Beitrag über illiberale Stadtdiplomatie (der eigentlich hätte anderswo veröffentlicht werden sollte, aber das Projekt lief schief) diskutiert, ob Allianzen liberaler, demokratischer und freiheitlicher Hauptstadtregierungen dem autokratischen und neopopulistischen Kurs erfolgreich gegensteuern könnten. Eine Reihe optimistisch stimmender, metropolitaner Wahlen in Ostmitteleuropa und in der Türkei gaben Anlass zu dieser Hoffnung und Fragestellung. Nicht nur angesichts der Entwicklungen in Istanbul erscheint diese Frage heute nahezu irrelevant — und New York möglicherweise viel zu schwerfällig für eine weitere Case Study: Wie ich in dem Beitrag zeigen konnte, haben sich inzwischen dichte Netzwerke illiberaler City-Allianzen und Städtepartnerschaften gebildet, was sich an bosnisch-türkischen „Geschwisterstädten“ sehr leicht zeigen und um russisch-serbische und andere Beispiele schnell erweiterbar wäre. Eine Entwicklung, die nicht nur der Jubel-Dschornalismus verschlafen hat, sondern auch die europäische Politik insgesamt.
Aber kommen wir zurück auf die Doku High School Radical. Alle reden dort über Bürgerkrieg und dass ja ohnehin schon alle bewaffnet sind. Zwischendurch blendet Max die Kruzfixsammlungen an den Wänden in den Familienhäusern ein, manchmal erscheinen sie beiläufig. Zum Wählen begleitet Max seine Gastmutter in eine Mega-Church, wo sie seiner Vermutung nach die einzige Nicht-Trumpwählerin war. Die erste Schulfreundin von Max, unter den Schulfreunden die einzige Demokratin, spricht unverblümt davon, dass der ganze Laden hochgehen könnte. Schreckliche Dinge könnten geschehen, es könnte zum Bürgerkrieg kommen. Auch ein christlicher Prediger spricht genau davon und scheint es absolut ernst zu meinen. Auf der anderen Seite: Ein Kamala-Harris-Aktivist bei der schließlich misslingenden Rede der späten Kandidatin der Demokraten in Washington droht, auch die Demokraten seien ja bewaffnet.
Krieg liegt in der Luft.
Es wird mit meinen Recherchen zur Frühen Neuzeit und dem Hexenwahn zu tun haben, aber ich musste sofort an die oberitalienischen Warlords des Quattrocento und dann natürlich den Dreißigjährigen Krieg in Mitteleuropa denken. Balkanisieren sich die USA vielleicht? Kommt es zu einer Middleeasternization zwischen Atlantik und Pazifik? Vielleicht wird es auch nicht gerade zum Krieg kommen, wie die sichtlich beunruhigte Gastmutter es sich wünscht, die an ihrer College-Freundschaft zu einer Trump-Wählerin festhält. Aber nun werden Waffen ja nicht zur Zierde der Waffenschränke gebaut und profitträchtig an verarmende, einander zunehmend verfeindete Menschengruppen der Masse der amerikanischen Bevölkerung verkauft. Und auch systematische Hassrede — es ist das, was man heute von Amerika „lernen“ kann und womit sich der Jubel-Dschornalismus konfrontieren sollte — wird auch nicht produziert, um ein verfeindetes Volk wieder zusammenzuführen, wie es ein paar versprengte Stimmen in der Doku immer wieder hoffen. Was auch immer auf dieses riesige Land zukommen mag, es wird mit der tiefgreifenden Polarisierung zu tun haben, von der alle erfasst sind. Dass diese Polarisierung aufs Engste mit dem Identitätsdiskurs verwoben ist, ist genau das, was dem deutschen Jubel-Dschornalismus völlig entgeht.
Ich denke auch an Naomi Kleins „Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“ (Orig. „The Shock Doctrine: The Rise of Disaster Capitalism“). Im letzten Kapitel behandelt sie den militärisch-industriellen Komplex zwischen den USA und Israel, und im Zuge der Zerstörung Gazas haben sich ihre Vorhersagen bewahrheitet — denn sie warnte davor, dass ein so riesiger Markt nicht nur auf Waffenhandel basieren könne, sondern dass ihm auch die eigene Aufreibung inhärent ist. Man müsste freilich Deutschland ein eigenes Kapitel widmen, denn heute müssen wir immer über globale Netzwerke sprechen. Ich muss noch einmal nachlesen, weil es so lange her ist, seit ich das Buch gelesen habe. Ich glaube aber, der deutschländische, versteckte Militarismus kommt darin zu kurz. Naomi Klein wurde hierzulande geschasst, teilweise (als jüdische Sozialistin) eines antisemitischen Rufs anrüchig gemacht (das geht heute schnell im wieder gut gewordenen Deutschland). Klein wurde auch als unseriös bezeichnet, obwohl sie schon seit „No Logo“ ihre Recherchen sehr transparent nachvollziehbar gemacht hat: Wer in die Tiefe gehen will, dem liefert sie Belege und Fährten zur weiteren Desktop-Recherche.
Man könnte der Doku High School Radical noch weitere Schrecknisse entnehmen. Etwa den strukturellen Rassismus, der dazu geführt hat, dass bei Max‘ ehemaliger Mitschülerin mit schwarzer Hautfarbe nach Aussage ihrer Mutter viel zu spät eine auf der Haut erkennbare Auto-Immunerkrankung diagnostiziert wurde, an der sie letztlich starb. Doch ich will noch einmal auf das Zitat zur Dummheit zurückkommen und mit einer Erinnerung aus Sarajevo abschließen. Diese Erinnerung hat auch mit einem Dokumentarfilm rund um eine High School, eigentlich sogar rund um ein ganzes Schulsystem zu tun — und mit Waffen und Waffengewalt.
Ich muss etwas abschweifen, so will es der Kontext. Beim Sarajevo Film Festival im Sommer 2002 herrschte eine friedvolle, durchaus optimistische Stimmung, die natürlich vor dem Hintergrund des erst sieben Jahre zurückliegenden Krieges zu lesen ist. Die Stadt war damals, obwohl es ihr selbst wohl gar nicht bewusst war, kosmopolitischer als Belgrad und Zagreb und viele andere Hauptstädte Europas zusammen, ein regelrechtes Global Village. Sarajevo ist eigentlich — das klingt in den Ohren eines Sarajlija, der ich damals selbst war, bestimmt weniger schön, aber so ist es — eine kleine, abgeriegelte Gebirgsstadt. Genau wegen dieser Kompaktheit ist das Sarajevo Film Festival aber in der Lage, die ganze Stadt zu verwandeln und mitzunehmen, was einer Berlinale mit einer riesigen Flächenstadt wie Berlin nie gelänge.
Im Jahr 2002 war diese Wirkung besonders stark: Der Film No Man’s Land (Ničija zemlja) des bosnischen Regisseurs Danis Tanović gewann sowohl den Golden Globe als auch den Oscar, ein Kriegsfilm, der die Sinnlosigkeit des Bosnienkriegs behandelt. Riesige Banner hingen über der Titova, der Stolz war immens. Ich sah den Film natürlich, sah im selben Zeitraum aber auch den beeindruckenden Selbst-Dokumentarfilm Do you remember Sarajevo? (Sjećaš li se Sarajeva?) von Nedim Alikadić, Nihad Kreševljaković und Sead Kreševljaković, der die Erfahrungen der jungen Filmemacher während der mörderischen und jahrelangen Belagerung Sarajevos von innen zeigt. Es ist ein herzzerreißender Film, der jedoch nicht ohne Häme gegen Amerika auskommt, angefangen beim Filmplakat: Es zeigt die zwei ausbrennenden Unis Towers der Stadt Sarajevo, denen die urbane Raja vor dem Krieg die Namen Momo und Uzeir gegeben hat — der eine ein serbischer, der andere ein muslimischer Name. Eine unverkennliche Anspielung auf das World Trade Center, die wie ein Ressentiment wirkt, nachdem Aufmerksamkeit und Empathie so ungleich verteilt wurden.
Der dritte Film, der mir aus diesem Sommer in Erinnerung geblieben ist und auf den ich bereits angespielt habe, ist der Dokumentarfilm Bowling for Columbine des US-amerikanischen Regisseurs Michael Moore. Moore wurde später auch bekannt für Stupid White Men und Fahrenheit 9/11, doch Bowling for Columbine sollte sein stärkster Film bleiben, der allerdings auch starke Kritiken hinnehmen musste. Man kann das schnell recherchieren, ich erspare uns die Details und eine genaue Darstellung der Handlung. Ich fasse es stattdessen so zusammen: Erstens behandelt der Film ein reales, brutales Schulmassaker aus dem Jahr 1999, das nicht nur, aber durchaus direkt mit den laxen Restriktionen des Waffenhandels, mit der Größe der Waffenindustrie und ihrer besonders starken Lobby in den USA zu tun hatte.
Zweitens, und hier komme ich auf das eingangs aufgeführte Zitat zur Dummheit zurück, geht der Film recht schonungslos ins Gericht mit dem öffentlichen Schulsystem in den USA. Mir ist eine Szene nicht aus dem Kopf gegangen: Moore zeigt, wie Kinder in einer staatlichen Grundschule vor einen Fernsehbildschirm gesetzt werden. Anstatt von einer Lehrerin oder einem Lehrer in Mathematik unterrichtet zu werden, lernen sie addieren, indem ihnen kommerzielle Werbeprodukte vorgesetzt werden. Die tiefere Kritik dahinter war, dass sich der kommerzielle Sektor das Recht auf Bildung der ohnehin unterprivilegierten, amerikanischen Kinder angeeignet hat — und damit das Recht und die Möglichkeit, sie über eingemogelte Botschaften (in dem Fall die recht „harmlose“ Botschaft: „Kauf mich!“) zu manipulieren.
Der Film hat etwas sehr Hemdsärmliges, behandelt aber zwei nicht von der Hand zu weisende, reale Probleme, die heute angesichts der Vertrumpung noch relevanter und größer sind als im smartphonelosen Jahr 2002. Bowling for Columbine und das Schulmassaker von Littleton im Jahr 1999 sind vor dem medialen Hintergrund zu lesen, dass es damals noch keine Smartphones gab. Das Internet formierte sich noch in seinen ersten Generation, Youtube, Facebook, Twitter und dergleichen existierten noch nicht. Bei High School Radical hingegen ist das alles schon vorhanden, die Art und Weise, wie die Vertrumpung einsetzt und auch von netten Mitschülern und Freunden Besitz ergreift — das ist eine zur Jahrtausendwende unerreichte Eskalationsstufe des Neopopulismus. Max erhält ständig WhatsApp-Nachrichten von Donald Trump, wird dabei persönlich bei Vornamen angesprochen, es wird ihm sogar ein T-Shirt geschenkt, weil er auf einer Trump-Rally war. Der Franzose Max kann das aus einer distanzierten Perspektive so selbstverständlich in seinen Dokumentarfilm einbauen, wie er die Qualität des Junkfood-Fraßes vor seinem französischen Erfahrungshorizont beim Namen nennt. Doch was ist mit den Leuten, deren Eltern eine staatliche Schule besucht haben, wo sie addieren über Werbeanzeigen gelernt haben, und deren Kinder mit dem Smartphone aufwachsen? Sollte man das wirklich Verdummung nennen — was Max nicht tut; diese Frage habe ich gestellt — oder macht man es sich damit nicht zu einfach? Wäre hier nicht besser von einem Mündigkeitsdefizit zu reden, das unsere Gesellschaft — jede Gesellschaft — ebenfalls betrifft?
Egal, ob man es nun Dummheit, gezielte Manipulation, digitalen Analphabetismus, mangelnde Mündigkeit oder ganz anders nennen möchte: Ich würde mich dem Zitat von Friedrich Ani im Kern anschließen. Die Effekte dessen, was sich da vor unser aller Augen abspielt in Grenzen zu halten, kann nur eine Gemeinschaftsleistung sein — und nichts, was einer allein schaffen kann. In diesem Sinn sollte man Zohran Mamdani nun wirklich nicht mit der Last eines Messias überfrachten, sondern weiterhin nach systemischen Lösungen suchen. Genau das sollte jetzt auch die Aufgabe des Journalismus sein. Den Journalismus als kritisches Korrektiv gibt es, um Missstände aufzuzeigen, um Kritik zu kanalisieren, um Demokratie zu stabilisieren. Die Lobhudelei, der Personenkult und die Schwärmereien des Dschornalismus hingegen — sie gehören an den Stammtisch, in die Stadien und andere Orte des Rausches. Am besten gut vorbereitet auf die Katerstimmung.
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