[Hermannova] Mit Maske gegen die Geruchslandschaft (und gesund ist es ja auch noch)

Dieses elende Fotoarchiv, nein, diese elenden Festplatten, formatiert für zwei proprietäre Plattformen. Man räumt und räumt und gelangt darüber doch nur in die Hölle der immer schneller zerrinnenden Zeit. Zwischendurch tauchen einst eminent wichtige Gedanken wieder auf. Man kann also gar nicht einfach weitersortieren, heute haben alle ADHS — und ich hab einfach viele Bilder. Bei den Maskenbildern bleibe ich hängen, und heute ist das keine Lockdownsehnsucht.

Jedenfalls das mit den Masken fand ich ja gar ned so schlecht. Zumal – du wohnst in der Rauch- und Saufhauptstadt Europas mit ihren ubiquitären Gestänken von Drogen, Rauch, Urin, Bierscherben, nekrotösen Beinen. Das stinkt einem ja zu jeder Jahreszeit und eigentlich auch in jedem Bezirk, in der S-Bahn genauso wie beim Einkauf, auf den Straßen und in den Parks und wo überall nicht. Ich hatte damals gerade kurz Besuch aus Istanbul — sonst wäre ich kaum in der S-Bahn gewesen –, meine Gäste stellten zuerst diese einzigartige Gestankslandschaft fest, in dieser früher angeblich coolsten, kreativsten, entspanntesten aller Hauptstädte.

Aber lassen wir das mit der Mythosarbeit, konfrontieren wir lieber die realen Gestänke, wagen wir uns ein wenig in die sensory landscape. Zum Glück hatten wir mehrfarbige Masken, die waren längst viel billiger als die Spahnmasken. Es war Mai 2022, für Masken wurde man auch schon wieder angeschaut. Natürlich sprach man über Istanbul, man dachte dabei an midye dolması, sahlep, balık ekmek in Eminönü, Üsküdar oder Karaköy. Sowas kann halt auch nur Istanbul.

Man „erriecht“ sich bei solchen Gesprächen hierhin und dorthin. Vergleicht, misst, wertet, sehnt, verabscheut.

Istanbul ist ein viel, viel größerer Moloch als Berlin, eine Megakent. Aber die Berliner Gestänke, die gibs dort einfach nicht und die gibs auch sonst nirgends in Europa, auch nicht im smoggeplagten Südosteuropa. Morgens in Berlin, auf dem Weg zur Arbeit, es gibs frischen Crackgestank am U-Bahnhof. Sowas kann halt nur Berlin.

It doesn’t go without notice, wie es inzwischen auf der Warszawska, auf der Hermannova und überall sonst so schön heißt. Sofort sind alle professionelle Sozialarbeiter, und *Innen, kennen die Lösungen für jedes Problem aus eigener Erfahrung, äh, Meinung. Der Rest weiß, dass man GAR NICHTS TUN KANN, außer halt Geldhahn zudrehen. Das geht so lange, bis es eben endlich mal gar nichts mehr gibt: Für soziale Arbeit, darüber lachen sowieso alle, und naja, die verdienen doch auch gar nichts. Vor kurzem haben die öffentlichen Meinungen und ihre Gefäße und Vehikel wieder einmal die Hermannova entdeckt, also Neukölln.

Schnappschuss vom 1. April 2022, irgendwo Hermannova

Neukölln ist gut, da kennen sich wirklich alle aus, von der piepsigen Franziska Giffey bis hin zum Bundeskanzler, der übrigens aussieht wie ein Waldgnom (Danke Tahsim Durgun, niemand hat das je besser auf den Punkt gebracht), überhaupt das ganze Land war da, been there, seen that, done that. Im Park an der alten Einflugschneise, angeblich mal eine Frischluftschneise, aber auch ein alter Friedhof, dort eskaliert es gerade. Da fühlen sich die Anwohner — Anwohnende nennen sich die etwas tugendhafteren unter ihnen, schade nur, dass das mit den Partizipien noch nicht so sitzt — gestresst von der Dealerei. Von den offenen Beinen, den Amputierten in ihren billigen Rollstühlen, mit ihren kleinen Hunden und ihren Leuchthalsbändern, von den Spritzen, den Kapseln, dem ganzen Geschrei und den aschfahlen Gesichtern. Das sind genau die Leute mit den Crackgestänken an den U-Bahnhöfen. Wenn sie doch nur das Drogenmobil entfernen würden, baut aber bloß keinen Zaun um den Görli. Teils wird mit Luftgewehren geschossen, verkündet die Prawda, es bilden sich angeblich Bürgerwehren, und natürlich *Innen.

Sakrische Zahnschmerzen zwingen mich heute aufs Neue aus dem meditativen Sortiermodus. Es gibs sogar um 19:30 Uhr noch Zahnarzttermine, natürlich sind auch hier und jetzt die Gestänke unterwegs miteinzuplanen. Zum Glück war ich vorhin in der Apotheke, dort es gibs Masken. Weil ich mir das vorhin alles im Fotoarchiv errochen habe, sage ich mir irgendwo zwischen Fatalismus und Selflove: Trage immer gleich mehrere Masken mit dir. Nutze sie, es geht dir damit einfach besser. Selbstwirksamkeit: Man kann nämlich doch etwas tun.

Ich hätte übrigens auch massenhaft Bilder von Müll, Ratten, Asbestplatten etc. und will jetzt nicht zum generellen Berlin-Bashing ausholen, schließlich ist es ja eine Hassliebe. Ich bemerke es aber doch, weil das ja das Stadtbild ausmacht und weil das auch mit dem populistischen Geschwafel von Merz zu tun hat, der freilich von Zusammenhängen nichts wissen kann. Er tut das immer, wenn er nicht mehr weiter weiß, hat vor kurzem jemand kommentiert.

Februar 2020, kurz vor Lockdown

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