Team: Erdoğan / al-Jolani / Netanyahu / Trump
Reihe: Autokratieförderung
Also starring: Deutschland
Titel: Dummheit bringt uns Sicherheit, Jubiubiä!
Was soll man neben Mitgefühl für die hingerichtete und zerstörte Bevölkerung Rojavas, die offenbar nur noch auf sich selbst zählen kann, überhaupt noch kommentieren? Wird so den Kämpferinnen und Kämpfern gegen die Barbarei des IS / Daesh gedankt? Es ist wieder einmal erstaunlich, wie in der allgemeinen Überforderung und Überspannung der Aufmerksamkeitskurve das Gedächtnis verblasst. Es ist noch nicht allzu lange her, da waren Äußerungen des Horrors über die Gräueltaten des IS allgegenwärtig.
Zumindest auf professioneller, also außen- wie innenpolitischer Ebene, bleibt weitreichende Dummheit feststellen. Oder zumindest: Unwillen, zu lernen; mangelndes Commitment für Demokratie, für das Prinzip der Gleichheit aller Menschen. Das ist keine unsachliche Beleidigung, sondern eine Tatsachenfeststellung. Es geht am Ende um den mangelnden Willen oder auch das Unvermögen, die ökologische Katastrophe in der Levante, in Mesopotamien, auf der arabischen Halbinsel und im persischen Raum zu sehen – die von autokratischen Alphas ganz sicher nicht zu bewältigen sein wird.
Wer dafür einen eindeutigen Beweis braucht, sollte sich nur einmal die Umweltbilanzen des iranischen Mullah-Regimes oder des Erdoğan-Regimes in der Türkei vor Augen halten, das dürfte genügen. Im Iran hat jahrzehntelange Misswirtschaft, etwa die falsche Bewirtschaftung fossiler Wasservorräte für wasserintensive Nutzvegetation in Südaserbaidschan, zu einem so tarken Schwinden des Grundwassers geführt, dass das Regime verkünden musste, die Hauptstadt Teheran müsse evakuiert und an anderer Stelle, im Südiran, wieder aufgebaut werden. Das muss man sich einmal vorstellen: Für die Metropolregion Teheran wird von 12-20 Millionen einwohnern ausgegangen, für das engere Teheran von 9-10 Millionen Einwohnern. In der Türkei ist die Lage noch etwas entspannter, aber die Lage Istanbuls und seiner Wasserversogen ist trotz des Niederschlagsreichtums Thrakiens und der Marmara-Region ist ebensfalls heikel; Außerdem eskaliert die Türkei durch Dammbauten internationale Konflikte in den südlichen, ariden Anreinerstaaten Syrien und Irak.
Obwohl es diese Nachrichten vor kurzem noch bis in die Tagesschau geschafft hatten, scheinen sie jetzt völlig abwesend im Diskurs. Gerade ist es zu einer (voraussichtlich kurzen) Aufmerksamkeitsverlagerung gekommen, weg von Gaza, hin nach Syrien und dem dortigen Rojava, wie Westkurdistan auch genannt wird. Offenbar verrichtet dort gerade wieder einmal jemand „die Dreckarbeit für uns“. Ganz helle Köpfe der deutschen Außenpolitik (es gab ebenso helle Köpfe dort in der Legislatur davor, falls das irgendwelche Gemüter beruhigt) vermuten am Ende des Projekts: Sicherheit. Ein sicheres Syrien, wohin man dann die Syrer zurückschicken kann, damit die Leute in Deutschland die AfD nicht mehr wählen — und derlei dumpfes, weltfremdes Gesabbel mehr. Hinter dem Display: faules, geopolitisch unfähiges, kurzsichtiges Kalkül. Die Gestalter von Außenpolitik sehen sich gerne in der Rolle von pragmatischen, realpolitischen Akteuren. Wie in einem immer gleichen Plot einer mittelmäßigen TV-Serie werden die immer gleichen Denkfiguren, Stereotypen, mythisches Denken bemüht. Wäre das außenpolitische Kalkül ernsthaft an Sicherheit interessiert und dadurch in einem wörtlichen Sinn realpolitisch — Realpolitik wird allgemein nicht wörtlich verstanden, sondern synonym für „alternative Mittelmäßigkeit“ gebraucht –, dann würde sie nicht immer und immer wieder auf das falsche POferd setzen. Ausgerechnet im Namen der Sicherheit, dabei die oben genannten Entwicklungen ignorierend.
Um Euphrat und Tigris, dem biblischen Zweistromland, öffnet sich ein weites Repertoire mythischen Denkens. Ein paar Grundfiguren, sozusagen. Man glaubt also jetzt, in Syrien die ersehnte Saulus/Paulus-Figur gefunden zu haben (al-Jolani/al-Scharaa). Diese muss man jetzt eben stützen, und sei es um den Preis, dass ganz Rojava zusammenbricht, dass Kobanî fällt, dass brutalisierte IS-Anhängerinnen und Anhänger aus Gefängnissen wie al Hol freikommen. Das alles ist offenbar egal, solange die Figuren stehen bleiben, auf die man gesetzt hat. Und wie hat eine von diesen Figuren – der alte Trickster Erdoğan – schon vor über zehn Jahren angekündigt? „Kobani düşecek, Kobani şuanda düşüyor“ – Kobani wird fallen, es fällt jetzt in diesem Moment, so hat er es der pop-islamistischen, nationalistischen Crowd freudig angekündigt, gefolgt von einer blutigen Spur manipulierter Wahlereignisse zum eigenen Machterhalt. Damals fiel Kobanî nicht. Aber der gealterte Trickster hat die ganze Zeit darauf hingearbeitet, unterstützt durch jede einzelne deutsche Regierung, die sich seitdem nicht die Mühe gemacht hat, Rojava als politisches Projekt ernstzunehmen. Als vielleicht einziges realistisches, demokratisches Projekt auf syrischem, türkischem, irakischem und iranischem Boden.
Im mythischen Denken darf die Figur des Tricksters nicht fehlen. Der Trickster kommt aus dem Norden — und der sorgt doch am Ende für „Sicherheit“. Freilich für eine verwässerte Sicherheit, wie man mitdenken sollte, wenn man am Ende nicht auch noch blamiert vor sich selbst da stehen will. Erfolgreich hat er Begriffe verwässert: Terrorismus betreiben immer nur die anderen, Genozid auch. Und wenn das schon so ist, dann darf ich jede Verstrickung in Terrorismus und Genozid von mir weisen (das machen doch immer nur die anderen). Meine Verbündeten glauben mir, vielleicht auch, weil sie glauben, sie könnten mich manipulieren – und nicht ich sie.
A propos Trickster: Ist eigentlich schon einmal jemandem die ganz kleine, unscheinbare Dummheit aufgefallen, dass deutsche Think Tanks jetzt offenbar die zornige Anordnung des Trickster-Regimes übernehmen, der Ländernahme müsse in englischen Texten nicht „Turkey“, sondern „Türkiye“ geschrieben werden? Weil: Turkey heißt doch Truthuhn? Es sind manchmal ganz klitzekleine Hinweise, die uns Auskunft über viel größere Dummheit geben können. Über Begriffsverwässerungen. Denkt doch noch mal scharf über Begriffe wie Demokratie, Feminismus, Genozid etc. nach. Na, wem wollt ihr folgen? Dem Verteidiger des „kleinen Mannes“, oder dem „bösen Westen“? Der Trickster hat sich schon ein paar überzeugende Antworten bereitgelegt, ihr müsst nur zugreifen!
Und dann gibt es da noch die nach Belieben wendbare David-gegen-Goliath-Trope: Alles lässt sich über das allmächtige Israel erklären, immer steckt hinter allem der Mossad. Ja, das verbrecherische Netanyahu-Regime sitzt mit im Team, ja, natürlich hat der Mossad seine Finger mit im Spiel, und ja, alles mögliche von Iran bis Syrien kommt als Ablenkung vom Demographic Engineering, von den Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza gelegen. Aber alles mit Israel erklären zu wollen ist nicht nur mythischer Schwachsinn für beschädigte Seelen, sondern greift völlig zu kurz. Dazu ist der Konflikt um Ressourcen und die schiere Fläche, über die wir reden müssen, viel zu groß (abgesehen von anderen Absurditäten in dieser David/Goliath-Annahme). Übrigens ist es fazinierend, wie wenig über türkische TV-Serien und deren Fülle an antisemitischen Tropen gesprochen wird. Das ist offenbar keinen Skandal wert. Es genügt, sich die jüdischen Figuren in nur einer von unzähligen Episoden von Serien wie Payitaht: Abülhamit einmal anzusehen (vom viel älteren Tal der Wölfe einmal ganz zu schweigen). So funktioniert Pop-Islamismus – ziemlich erfolgreich, auch wenn Annika und Finn vom Hermannplatz solche Serien nicht schauen.
Man könnte meinen, wir leben in einer Welt, die aus rein gar nichts anderem mehr besteht als aus irgendwelchen Identitäten und Identitätsdiskursen. Von Klima, Dürren, Hunger etc. zu reden ist abwegig geworden. Der Karneval naht, und so blickt man nach Leipzig-Connewitz, wo sich die Menschen in linker Folklore gegeneinander aufstellen, um ihre Gemälde des Guten zum Wettstreit der Moral antreten zu lassen. Sie halten das für antifaschistische „Arbeit“, für „Engagement“. Und worum geht es bei diesem Identitätskarneval? Richtig: um Selbstvergewisserung.
Weder beim Connewitzer Karneval noch in der deutschen Außenpolitik geht es um das Zweistromland als Bloodlands der Ressourcenkriege des Anthropozäns. Unterhalb von Euphrat und Tigris, dazwischen, aber auch östlich davon auf dem iranischen Plateau – hier spielen sich tatsächlich biblische Tragödien ab. Das völlige Versiegen eines Aquifers und des Grundwassers (Iran), die inhabitable (unbewohnbare) Zone, die sich südlich ausbreitet und unweigerlich zu Migrationsdruck führen wird – das alles ist offenbar zu profan, zu wenig „narrativ“ und reißerisch erzählbar. Ich frage mich, warum nie irgendjemand diskutiert, was eigentlich mit Staaten wie Saudi-Arabien, Qatar, VAE, Bahrain wird, deren Städte vollkommen surreale, hastig errichtete Gebilde sind, die in jeder Hinsicht schon wieder an das biblische Repertoire denken lassen – natürlich an den so nachhaltigen Turmbau zu Babel. Es wird offenbar ernsthaft davon ausgegangen, dass die inhabitable Zukunft irgendwie mit Klimaanlagentechnologie aus dem Weg geräumt werden kann.
Das Denken der Außenpolitik sowie der identitätspolitischen Karnevalisten ist nicht nur in mythischem Denken gefangen. Es steckt fest im traditionellen Sicherheitsparadigma. Traditionelle Sicherheit bedeutet immer: Sicherheit für den Nationalstaat. Diese Sicherheitsvorstellung, so unpassend sie auch für alles außerhalb der Landesgrenzen sein mag, sie wird als Schablone allen und jedem so lange übergestülpt und aufgedrückt bis daraus ein Formplätzchen gestochen und festgebacken werden konnte. Im besten Fall lässt es sich dann gut verkaufen. Es hält sich idealerweise ca. vier Jahre – und schmeckt ein bisschen nach einem altbekannten, liebgewonnen Rezept.
PS: Euch hat eine Figur gefehlt? Etwa der Elefant im Raum, Trump? Das liegt daran, dass diese groteskeste aller Figuren einfach nur ihre Rolle spielt. In diesem Fall besteht sie darin, weitgehend nichts zu tun und unauffällig herumzustehen.
Referenzen:
Cover-Bild: Renart the fox, drawn by Ernest Henri Griset, from a children’s book published in 1869. Public domain, via Wikimedia Commons
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