Ich hatte gestern die Gelegenheit zu einer Fortbildung über Fotografie und Filme im musealen Bereich in Zossen, etwas südlich von Berlin im Landkreis Teltow-Fläming gelegen. Im Nachgang erscheint mir die kuriose Fotosammlung "Fotos Günter Scheike" besonders bemerkenswert, weil sie nicht nur öffentlich zugänglich und an sich interessant ist, sondern ihr Hintergrund auch zeitgeschichtlich interessant ist.
Prigovor Savjesti: Der 15. Mai als internationaler Tag der Kriegsdienstverweigerung
Ein bosnisch-herzegowinischer Freund und Kollege hat vor kurzem zum massiven moralischen Bankrott der deutschen Außenpolitik der vergangenen Jahre festgestellt, dass wir in Zukunft über Gaza wie über einen der anderen Genozide reden werden, die das 20. und 21. Jahrhundert gebracht haben. Es käme aber nicht auf die Zukunft, sondern auf die Gegenwart an: Genozide dürfen nicht stattfinden, sie müssen verhindert werden -- und als Mensch, der seine Teenager-Zeit im Bosnien-Herzegowina der frühen 1990er erlebt hat, weiß er genau, wovon er spricht.
Sozialraumanalyse High-Deck-Siedlung (Neukölln in Berlin)
Truth be said: Durch die über 90 Interviews im öffentlichen Raum der Neuköllner High-Deck-Siedlung im Rahmen der Sozialraumanalyse zu dieser Großsiedlung habe wohl ich am meisten gelernt und danke meinen Gesprächspartner:innen von Herzen. Die jüngsten Kürzungen in Berlin sprechen den Ergebnissen dieser Studie eines Koleg:innen-Teams von Camino Hohn.
Sozialraumanalyse: Soziale und kulturelle Teilhabe von Kindern und Jugendlichen in der Weißen Siedlung
Endlich wurde auch die zweite Sozialraumanalyse in Neukölln veröffentlicht. Diese ist in der Weißen Siedlung in Berlin-Neukölln entstanden, einer der zahlreichen Westberliner Großsiedlungen. Die Erhebungen erfolgten in enger Zusammenarbeit mit Jugendlichen, Trägern und Sozailarbeiter:innen vor Ort. Während die Zustände der Infrastruktur teilweise niederschmetternd waren, erzählen die menschlichen Erfahrungen ganz andere Geschichten. Link zum Download im Text.
Einladung: LOST PLACE Chemiewerk Rüdersdorf bei Berlin (7.11.2024, 14-16 Uhr, Museumspark Rüdersdorf)
Wer sich für Hintergründe zu den Lost Places in Berlin/Brandenburg interessiert, ist am Donnerstag, den 7. November 2024 von 14-16 Uhr beim Erzählcafé Chemiewerk im Museumspark Rüdersdorf bestens aufgehoben. In einem der ehemaligen Steigerhäuser (Heinitzstraße 42) gibt es den Veranstaltungsraum "Kulturdach". Eintritt ist frei, es gibt Kaffee und Tee, die Anfahrt aus Berlin bequem und unkompliziert. Wer früher kommt, kann das Ganze mit einem Besuch des Museumsparks verbinden.
[TRAVELOGUES] Po šumama i gorama: ein paar Eindrücke von der zweiten Partisanenreise 6/2024
Früher gab es auf diesem Blog die Kategorie Travelogues. Diese Travelogues sind zu einer Zeit geflossen, als ich sehr viel mit Bussen und anderen Verkehrsmitteln zwischen Bosnien, Sandžak, Kosov@, Makedonien und Anatolien unterwegs war. Das Grundprinzip war, dass sie ziemlich schnell geschrieben werden mussten. Sie durften dabei ganz frei fließen, aber eine echte Überarbeitung war... Continue Reading →
[TRAVELOGUES] Vor der Vječna Vatra in Sarajevo
Es ist Donnerstagabend, wenige Stunden nach meiner verspäteten Ankunft in Sarajevo. Direkt nach Ankunft habe ich mich auf mein Bett im Hotel Grand geworfen und für ein paar Stunden ausgeruht, um anschließend noch Materialien für die Reisegruppe unserer Balkanbiro-Studienreise Auf den Spuren der jugoslawischen Partisan:innen durch Bosnien-Herzegowina auszudrucken. Am Samstagabend würde es losgehen. Morgen hätten... Continue Reading →
[Bosnia] Symposion der Südosteuropa-Gesellschaft: Jugend als Fiktion und Wirklichkeit
Am 25. Februar 2022 hatten Emina Haye und ich die Gelegenheit, unser Blog- und Buchprojekt Bosnien in Berlin (BiB) auf einem Symposium der jährlichen Sitzung des wissenschaftlichen Beirats der Südosteuropa-Gesellschaft (SOG) in Berlin vorzustellen. Die SOG (mit Sitz in München) ist eines der Flaggschiffe auf dem Gebiet der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Beratung und... Continue Reading →
[Bosnia] Am 20. Januar 18:00 Uhr: Hat Europa weggeschaut? Europäische Solidarität mit Bosnien 1992-1995
Die Internationale Gemeinschaft hat während des Krieges in Bosnien-Herzegowina (BiH) weggeschaut und nicht in den Krieg eingegriffen – so der Vorwurf, der sowohl in Bosnien-Herzegowina als auch im Rest Europas laut wurde. Viele fühlten sich von der europäischen Politik alleine gelassen, obwohl sich die meisten Bosnier:innen doch selbst als Teil Europas sahen und sehen. Trotzdem... Continue Reading →
[Bosnia] Sevdah und die Würdigung schrankenlosen Sentiments
Bisher habe ich den vollständigen Text meines erheblich umgearbeiteten Blogposts über Sevdah, Sevdalinka und den Sarajevoer Künstler Damir Imamović auf meiner Homepage noch nicht veröffentlicht, sodass er bisher Leser:innen der Südosteuropa Mitteilungen 5 (2020) der Südosteuropa-Gesellschaft vorbehalten war. Dort war er als Kultur-Essay vor fast genau einem Jahr erschienen, und zwar unter dem Titel Über die Sevdah, den bosnischen Künstler Damir Imamović und die Würdigung „schrankenlosen Sentiments“. In den folgenden Abschnitten kann die Einleitung gelesen sowie im Anschluss der gesamte Essay als PDF heruntergeladen werden. Ich plane außerdem, ihn auf der Seite unseres Buch & Blogs Bosnien in Berlin zu veröffentlichen, weil es dort noch in anderen Zusammenhängen -- und aus der Feder mindestens einer anderen Autorin -- um Sevdah gehen wird. Auch im Projekt Hermannova ist die Sevdah ein beachtenswertes Phänomen: neben dem urbanen, kosmopolitischen Berlin-Neukölln geht es dort auch um das rurale, multiethnische, bosnische Krivajatal. In den dortigen Traditionen und Alltagspraktiken kommt es neben dem eher abgetrennten, kulturellen Nebeneinander auch zu zahlreichen Zusammenflüssen, Synkretismen und 'Hybridität'. Letztere ist auch das Hauptmerkmal von Sevdah, weshalb ich sie auch als das bosnische Genre schlechthin bezeichnen würde. Ich will hinzufügen, dass mich in dieser Hinsicht auch die "Lieder der Kafana" (kafanske pjesme) zu einem eigenen Beitrag reizen, worüber hoffentlich noch zu schreiben und lesen sein wird; die Schnittmenge der Kafana-Lieder mit den Sevdalinke sowie mit der Romska Muzika (der Musik der Roma) wird in diesem Essay zwar angesprochen, verdient aber zweifellos weitere Vertiefung. Vor dem PDF-Link ganz unten in diesem Beitrag füge ich im Folgenden den Einleitungstext ein. Für Fragen, Hinweise, Kommentare etc. findet sich unter den Fußnoten ein Kontaktformular. Falls Euch der Beitrag gefällt, freue ich mich, wenn Ihr ihn mit potenziellen weiteren Interessierten in Euren Netzwerken teilt. Mein besonderer Dank gilt Damir Imamović, dessen öffentliche Lesung über die zehn meist verbreiteten Irrtümer über Sevdah (s. Beitrag) zentral für diesen Essay war.
[Neopopulismus] Zensur in Serbien: die „realistische Perspektive“ ist jetzt da
Dieser Kommentar entsteht als Echo auf einen Beitrag unter dem Titel Serbia's War on Free Media is Moving to 'Street Level' des Journalisten Milenko Vasovic, veröffentlicht auf Balkan Insight am 30.11.2021. Darin wird eine progressive Entwicklung der direkten, immer brutaleren Unterdrückung der Presse beschrieben, die unter dem Regime des derzeitigen serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić eine... Continue Reading →
[Feld] Die Texte der Anderen und die Angst vor Unordnung
Der Fastenmodus macht das Denken viel klarer, bewirkt aber auch das zusätzliche Gefühl, einfach sitzen bleiben zu können. Vorgestern abend zum Beispiel war ich mit Sare bei einer Performance im riesigen, erschütterlichen Berliner Kraftwerk. Das Stück hieß Kırkpınar, und wir saßen auf dem Boden, im Kreis um ein (eckigen) Ring, in dem geringt werden sollte. Es gab ein paar Szenen, in denen die beiden Performancekünstler durch das im Kreis sitzende Publikum krabbelten, liefen oder schleppten. Wenn sie vorbei kamen, standen die Leute auf. Ich blieb sitzen. Es würde mich doch ganz bestimmt niemand beißen, gar in den Ring zerren, oder mit einer der herbeigetragenen Eisenstangen erschlagen. Es ist mir auch kein bisschen rätselhaft, wieso Menschen für vierzig Tage in die Wüste gehen, um zu fasten. Gebt mir ein Wüste, da bin ich. Ich ließe dann sogar den Kaffee weg. So etwas tut man eben, wenn man fastet und klar denkt. Ich muss dann nicht darüber nachdenken, was ich als nächstes in mich hineinstopfe: ich frage mich eher: bin ich eigentlich leer genug? Es ist nicht grausam, nichts zu essen. Es ist viel grausamer, in eigenen Maßen klar denken zu müssen. Noch grausamer als der unaufgeräumte Schalenkoffer mit den Sommerklamotten ist mein unaufgeräumter Text, der mich stark beunruhigt. Horror perturbationis. Darin geht es um morbide Sommerwiesen, auf denen alle Insekten schon tot sind -- denn es ist ein wahrer Text.
[Geschichte] Belgrad 4.1: Ein gemeinsamer Lesesaal gegen den methodologischen Nationalismus
In den Beiträgen von Tvrtko Jakovina (Zagreb), Dragan Markovina (Zagreb), Ruža Fotiadis (Berlin) und Dubravka Stojanović am Samstagabend ging es in je unterschiedlicher Gestalt um die konflikthafte Auseinandersetzung mit Orthodoxien -- also behaupteten oder verordneten "Wahrheiten", die in ihrer normativen, bevormundenden Eigenschaft der wissenschaftlichen Methode schlechthin widersprechen: nämlich jener der kritischen Hinterfragung und Überprüfbarkeit durch... Continue Reading →
[Geschichte] Belgrad 3: Literatur und Historiographie unter einem Dach
Wer die gemeinsame Sprache (zajednički jezik) versteht, sich für Zeitgeschichte, Literatur und den Kulturbetrieb interessiert und das weltoffene, kosmopolitische Belgrad sucht, sucht es am besten auf dem Festival KROKODIL. Es wurde in diesem Jahr vom gleichnamigen Verein bereits zum 13. Mal organisiert und fand vom 26. - 29. August 2021 statt. Aufgrund des plötzlichen Schlechtwettereinbruchs, der auf eine wochenlange Hitzeperiode folgte, fand ein großer Teil der Veranstaltungen in diesem Jahr nicht wie üblich im Amphitheater vor dem Museum Jugoslawiens (Muzej Jugoslavije) statt -- sondern in den Räumlichkeiten des Zentrums für kulturelle Dekontaminierung (Centar za Kulturnu Dekontaminaciju) und der Jugoslawischen Kinothek (Jugoslovenska Kinoteka). Wie mir Damir Arsenijević erklärte, seien in diesem Jahr deswegen auch weniger Gäste als sonst auf dem Festival gewesen: bei den Veranstaltungen im Freien bringe es das Festival locker auf über Tausend Menschen im Publikum. Trotzdem erschienen mir alle Veranstaltungen sehr gut besucht.