Deine Lieblingsstelle liegt in der Nähe von dort, wohin du auch nach deiner zweiten Impfung gehen würdest. Diesmal hast du Nebenwirkungen, aber das merkst du erst bei der Lieblingsstelle. Dorthin radelst du, obwohl sie dir sagen, dass du nicht radeln sollst. Du setzt dich an den Strand, dir ist schwummrig. Es blitzt, es donnert --... Continue Reading →
[Francorum] Ima neka tajna veza: so eine geheime Verbindung
Ima neka tajna veza ist der Titel eines sehr jugoslawischen Songs, den ich erst in den 1990er Jahren kennengelernt habe, zur Zeit des Bosnienkrieges, als immer mehr Kassetten und CDs aus der zerschossenen Jugosphäre zu uns kamen. Damals kam auch die blaue Bijelo Dugme CD. Der Song Ima neka tajna veza wurde auch, aber nicht... Continue Reading →
[Yorum] Die 90er sind vielleicht zurück: als musikalischer 99-Pfennig-Shop
Ich war -- wie könnte es bei einem 'Garip' auch anders sein -- ein extrem merkwürdiger Teenager, der von seinen Lehrern gefürchtet wurde: zum Beispiel hörte ich auch ziemlich viel merkwürdige Jugo-Mukken, sammelte nordafrikanische Raï-Kassetten aus Frankreich, ging in die amerikanische Rap-Disko, trug zur Provokation der Mit-Gymnasiastinnen aus ihren Klassik-hör-und-spiel-Familien -- "Ömmes, wie siehst du denn schon wieder aus" -- Goldkettchen, Knöpf-Jogginghose und hielt "in geschlossenen mitteleuropäischen Räumen meinen Kopf bedeckt", und zwar mit einer als "nicht-mitteleuropäisch" empfundenen, runden Mütze (ohne Schild) -- und zwar jahrelang, "wie es sich für Mitteleuropa nicht geziemt, und das möchten wir auch nicht". Doch, genau das mochte ich -- und etwas anderes zu mögen, mochte ich mir halt noch nie vorschreiben lassen. That won't happen.
[Literatur] „Fang den Hasen“ von Lana Bastašić
Neben den unterschiedlichen Topoi Bosnien und Europa sowie der Reise zwischen beiden -- sowohl geographisch, als auch autobiographisch -- ist das Backend des Buches von großer Tiefe. "Fang den Hasen" kann auch als Jagd nach einer Beziehung und einer Freundschaft zwischen zwei Frauen gedeutet werden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Eigentlich scheinen beide sich permanent misszuverstehen, wobei Lejla über Sara dominiert und vieles in der Beziehung unausgesprochen bleibt. Bis Wien traut sich Sara nicht, nach Armin zu fragen, weil es jenen Zwischenfall gegeben hat, als Sara ihn quasi nebenbei für tot erklärt hat. Doch Armin ist für Lejla nicht tot: er ist verschwunden. Damit behandelt das Buch, wenn auch subtil, das Thema der Verschwundenen des letzten Krieges, und die Schwierigkeiten, mit denen Angehörige leben müssen, die nicht wissen, was mit ihren Verwandten und Freund*innen passiert ist.
[Gedicht] Mit dem Fahrrad an den Atlantik fahren
Am Körper Hand anlegen, Und nur noch von dünnen Pflanzen leben. Sich den Kopf kahl rasieren, Und mehr Leerheit riskieren. Weg mit den dichten Haaren, Und fort mit den fetten Jahren. Schließlich am Fahrrad Hand anlegen, Und ganz bis an den Atlantik fahren.
[Pandemos] Garnichts (Flucht in den Grunewald)
Leichter Schlaf, frühmorgendliches Wach -- dann wieder umdrehen. Den Wecker nicht respektieren: du bist nur ein Handy, dich drück' ich weg. Forcierte Wachträume: ich fahre durch ein Parkhaus für Spielzeugautos, alles auf Plastik, das könnte jetzt endlos so weitergehen. Bis das Kissen zu Stein wird. Ein plagendes Gewissen: dieses nicht gemacht, jenes nicht gemacht - aber alles gemacht haben wollen. Überhaupt, wollen: wo ein Wille, da ein Weg / wo kein Herr, da die Wege verschlungen. Bequem, daran zu denken, dass es ganz weit da draußen eine Whirlpoolgalaxie gibt: Spiralgalaxien, schwarze Löcher -- um die sich vielleicht nicht alles dreht, die aber alles in sich ziehen. Wo ganze Sonnen zu Garnichts werden. Das Wetter graut, das Wetter komplementiert, und ich glaube nicht, dass der strahlend blaue Himmel der vergangenen Tage etwas wesentlich geändert hätte, hinter meinem schweren, roten Vorhang aus Kargradsamt. Ich denke manchmal daran, wie E. früher immer gesagt hat "ich friere mich" anstatt "ich friere"; "meine Öhren" anstatt "meine Ohren", und wie E. gefragt hat "Stehst du nicht?" anstatt "Stehst du nicht auf?" Ich stehe also auf, und es besteht wieder Aussicht auf Kaffee, der zuerst schwer und alt durch seine Bialetti röchelt. Der riecht, der treibt erst in den Tag hinein. Wird es wieder ein Tag, an dem sich quasi gar nichts schafft? Von diesem gar nichts ist jener Anteil von Garnichts schon entfernt, der zwar gar nicht Garnichts ist -- der aber so erscheint, weil ihn dir niemand anrechnet. Ich ahne freilich, dass es auf genau jenes Garnichts schwer ankommen könnte -- kann und will aber wiederum gar nichts genaueres sagen. "Das möchte ich nicht", sagt eine rheinische Kunstfigur, sitzt in ihrem Bett und trinkt Kaffee. Da schwinge ich mich aufs Rad, doch da sind überall Menschen, die auch nicht wissen, wohin sie mit sich sollen. Hat kein Club, hat kein Bar -- hat aber auch kein Hemmung, hat kein Halten mehr. So quellen sie in die Klimaparks. Sie tun mir zwar beide leid, die Klimaparks, die Klimaleute: sie sind mir aber auch beide viel zu viel. Dazu das drohende, kommende Garnichts. Ich entfliehe ihm wenigstens vorher recht erfolgreich, für viereinhalb Stunden: es ist die Flucht in den Grunewald. Dort herscht ein anderes Klima, dort baden sie an, dort ist echter Wald, dort waldbaden sie.
[Pandemos] Mittendrin: wie einer Freiwilligenkollegin die Zeit ausging. In memoriam Meike († 3.2.2005)
Meike Schneider ist am 3. Februar 2005 viel zu früh gestorben -- vor inzwischen bereits unglaublichen 16 Jahren. Alle FreiwilligenkollegInnen von früher werden sich aber mit Sicherheit noch "wie gestern" an Meike erinnern. Ich will einerseits ein paar Erinnerungen teilen, doch der eigentliche Anlass für diesen Beitrag (neben dem 16. Jahrestag) sind zwei Zitate aus... Continue Reading →
[Foto] Endlich Schnee (Berlin’e kış geldi)
Bu karlı kışlı fotoğraflar Berlin'dendir -- fakat Berlin'lilere değil, Berlin'de olmayanlara, Berlin'e gelsinlere ekledim. Baştan üzere Cemal için. Cüneyt, Funda, Zeyno, Nehir'e bir "gelin!" çağrısı olarak paylaşıyorum. Ne olursa olsun gelin, bir gün. Gezdiririm sizi -- o gün. Gözlerim açık.
[Rückblick 2020] [V] Oktober, November & Dezember
November war ein bald gelber, bald orangeroter Monat. Ich beobachtete, wie eine fränkische Kirsche den aufgestauten Dürrestress aus sich herausfließen fließ — doch dabei orakelte sie auf abhorrente Weise das Antlitz des US-amerikanischen Trash-Präsidenten.
[Rückblick 2020] [IV] Juli, August & September
Es waren keine Gäste dabei, es gab kein Buffet und keine Feier — dafür gab es aber auch keinerlei Nervosität, kein Lampenfieber und keinen Stress. Es war, wie es war — und jetzt war es um. Heinrich Heine aber blieb: ich las und schrieb immer weiter.
[Rückblick 2020] [III] April, Mai & Juni
Im Osternest lag dieses Mal wertvolles Desinfektionsspray für die Hände, und auch ansonsten war alles anders. Es zeigte sich ein Supervollmond, die Natur erwachte mit voller Kraft, und der Anblick der Schlüsselblumen bewirkten bei mir eine innere Zeitreise zurück zur ersten selbst erlebten Katastrophe: Tschernobyl.
[Rückblick 2020] [II] Januar, Februar & März
Im März dann der Schock: das Klopapier war alle! Corona war jetzt vollkommen da. Der Hashtag #StayTheFuckHome avancierte zum Gebot der Stunde, die EuropäerInnen klatschten dem Krankenhauspersonal von den Balkonen, und ich fuhr in einem gespenstisch leeren ICE durch gleißenden Sonnenschein in die Rhön.
[Neue Medien] Horribile dictu: Julian Assange ist ihnen egal
Vor fast einem Jahr, am 18. Februar 2020, habe ich über den Fall Julian Assanges geschrieben: einem Fall großer Ungerechtigkeit, der von systemischer Tragweite ist und mich stark beunruhigt. Im Kern ging es in dem Beitrag, neben dem persönlichen Leid des weggesperrten Julian Assanges, um eine missglückte Rufmord-Desinformationskampagne mit dem Zweck der Verschleierung US-amerikanischer Kriegsverbrechen.... Continue Reading →
[Articles] Über die Sevdah, den bosnischen Künstler Damir Imamović und die Würdigung “schrankenlosen Sentiments”
This essay on the art genre Sevdah and its song form Sevdalinka, common across former Yugoslavia and centered in Bosnia and Herzegovina, evolved as a reponse to this year's German Record Critics' Award (Preis der deutschen Schallplattenkritik) to the Sarajevan artist Damir Imamović. Inspired by Imamović's 2013 lecture "On the ten most widespread delusions on... Continue Reading →
[Sprache] Zum Wort ‚Start-up‘
Die FAZ bewarb gerade einen ihrer eigenen Beiträge vom 27.9.2020 hinter der Paywall, und so las ich über freundliche Empfehlung des Facebook-Algorithmus nur die Headline: "Abgehängt von Chinas Start-ups". Im Teaser wird noch etwas ausführlicher gewarnt: "Auf der einzigen Automesse des Jahres in Peking zeigen deutsche Hersteller konventionelle Modelle. Den chinesischen E-Autos haben sie wenig... Continue Reading →