An dieser Stelle mache ich meine Magisterarbeit aus dem Jahr 2011 zugänglich (Zum Gesamttext als PDF). Sie ist im Fach Geschichte als Teildisziplin des Magisterstudiengangs Osteuropastudien an der FU Berlin entstanden und wurde von Professor Holm Sundhaussen (R.I.P.) und Professor Hannes Grandits betreut. Ihr Titel lautet Demographisches Unternehmertum in der Türkei und Jugoslawien: das Beispiel staatlich forcierter Migration jugoslawischer Muslime zwischen den Weltkriegen. Zur weiteren Übersichtlichkeit füge ich die Einleitung (ohne Fußnoten) sowie das Inhaltsverzeichnis an. Ganz unten befindet sich die bibliographische Angabe mit der empfohlenen Zitierweise.
Einleitung
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die staatlich forcierte Aussiedlung von Muslimen aus den serbisch dominierten Gebieten Jugoslawiens in die Türkei während der 1930er Jahre. Die Betrachtung beschränkt sich dabei auf die Aussiedlung aus den Gebieten „Südserbiens“ (Sandžak von Novi Pazar, Kosovo und Metohija, Vardar-Makedonien), weil aus Sicht des serbisch dominierten, ersten jugoslawischen Staates der Nationalisierung dieser Gebiete besondere Aufmerksamkeit zukam.[1] Dabei richtet sich der Blick gleichermaßen auf die serbischen, wie auch die türkischen Akteure des Geschehens, da sich nur so der Weg zum angestrebten bilateralen Abkommen zur Aussiedlung von Muslimen aus Jugoslawien in die Türkei von 1938 nachzeichnen lässt. Sowohl das Herkunftsland, als auch das Aufnahmeland haben das Migrationsgeschehen aktiv mitgestaltet. Andere, nicht staatlich forcierte Aspekte des Migrationsgeschehens zwischen beiden Staaten, die vor, während und nach dem behandelten Zeitraum den Verlauf der Wanderbewegungen zweifellos mitbestimmten, können aus Platzgründen nur am Rande behandelt werden, ebenso wie die subjektive und individuelle Perspektive der betroffenen Migranten selbst. Im Vordergrund dieser Arbeit stehen deshalb die staatlichen Regime Serbiens (Jugoslawiens) und der Türkei als Akteure und „demographische Unternehmer“.
Die Betrachtung wird zeigen können, dass es die Intention beider staatlicher Regime war, über gezielte demographische Politik ihr Staatsgebiet in ethnisch-nationaler Hinsicht zu homogenisieren. Gezielte Aus- und Ansiedlung bestimmter Bevölkerungsgruppen stellte allerdings nur einen Teil der Exklusions- und Inklusionsstrategien dar, die von beiden Staaten verfolgt wurden; der Bevölkerungstransfer war darüber hinaus eingebettet in einen ganzen Maßnahmenkatalog dissimulativer und assimilativer demographischer Maßnahmen direkter und indirekter Gewalt gegenüber nationalen Minderheiten.
Um diesen Gesamtkontext angemessen darstellen zu können, soll das politikwissenschaftlich-historiographische Paradigma „demographischen Unternehmertums“ (Demographic Engineering) als methodischer Rahmen verwendet und zunächst einführend vorgestellt werden. Das Paradigma demographischen Unternehmertums geht grundsätzlich davon aus, dass Staaten mittels demographisch- unternehmerischer Maßnahmen versucht haben (und versuchen), die Ziele der international vorherrschenden nationalstaatlichen Drei-Elemente-Lehre über die Identität von staatlichem Souverän, Staatsterritorium und Staatsvolk zu erreichen, weil nur dieser Zustand als sicher erachtet wurde. Die Bevölkerungszusammensetzung sollte nach dieser Vorstellung über ein komplexes Maßnahmenpaket nach nationaler Maßgabe geformt werden, indem „staatliche Feinde“ assimiliert oder ausgeschlossen, „Agenten des Staates“ hingegen privilegiert behandelt und bevorzugt angesiedelt werden sollten.
Nach den allgemeinen Annahmen über demographisches Unternehmertum werden am Ende des ersten Hauptteils der Arbeit zwei zentrale Dokumente aus beiden Staaten untersucht, die durch ihre Inhalte und Zielsetzungen eindeutig als Zeugnisse demographischen Unternehmertums eingestuft werden können: Auf türkischer Seite handelt es sich hierbei um das Besiedlungsgesetz Nr. 2510 von 1934 (İskan kanunu), in welchem festgelegt wurde, welche Bedingungen Einwanderer und Flüchtlinge erfüllen mussten, um in die nationale türkische Gemeinschaft aufgenommen zu werden, wo sie angesiedelt, und wie sie behandelt werden sollten. In Jugoslawien wurde 1935 das Projekt der „Interministeriellen Konferenz über die Aussiedlung des nichtslawischen Elements aus Südserbien“ (Interministerijalna konferencija o iseljavanju neslovenskog elementa iz Južne Srbije) verabschiedet, in welchem auf höchster staatlicher Ebene bestimmt wurde, welche ethnischen Gruppen aus welchen Gebieten wie in die Türkei ausgesiedelt werden sollten. Die Bestrebungen beider Staaten sollten schließlich 1938 in die türkisch-jugoslawische Konvention zur Aussiedlung jugoslawischer Muslime münden.
Weil es sich bei beiden Staaten um junge Nationen mit heterogener Bevölkerung handelte, war aber aus Sicht der demographischen Unternehmer in beiden Staaten zunächst noch zu klären, wer eigentlich Serbe war, und wer Türke. Die Antworten, welche innerhalb des vorherrschenden Diskurses diesbezüglich gefunden wurden, werden im zweiten Teil der Arbeit dargestellt. Welche Rolle spielte die Religionszugehörigkeit, welche die vornationalen Loyalitätsbeziehungen und Identitäten, und welches Gewicht hatten die verordneten nationalen Identitätskonzepte? Wer war auszuschließen, wer wurde durch die entsprechenden Maßnahmen als assimilierbar und in die nationale Gemeinschaft integrierbar eingestuft? Die Diskussionen in beiden Staaten zeugen nicht nur davon, dass diese Fragen keineswegs hinreichend geklärt waren, sondern auch, dass es unter den demographischen Unternehmern unterschiedliche und widersprüchliche Strömungen gab. Weil anhand des Diskursverlaufs der demographischen Unternehmer am deutlichsten fassbar wird, wer im untersuchten Zeitraum als Serbe und wer als Türke erachtet wurde (und wer nicht), und weil sich der hegemonische Diskurs in den zuvor untersuchten nationalen Institutionen der Inklusion und Exklusion wiederspiegelt, sollen beide Diskursfelder auf zwei Ebenen vorgestellt werden: zunächst auf der Ebene des offiziellen Geschichtsbildes als wahre Sicht auf die nationale Geschichte, da dieses offizielle Geschichtsbild der Existenz der Nation Legitimation verlieh und als hegemonischer Diskurs abweichende Sichtweisen einschränkte; die zweite Ebene bilden die Diskussionen der demographischen Unternehmer, in denen die nationale Identität – eingebettet in die nationale Sicht auf Geschichte – ausgehandelt wurde.
Das Paradigma demographischen Unternehmertums alleine reichte nicht aus, das staatlich dirigierte Geschehen zu klären, weil die im offiziellen Geschichtsbild und in der Verhandlung nationaler Identität vorgenommen Selbst- und Feindsetzungen nicht alleine über reale Bedrohungen und Sicherheitsbedenken begründbar waren, wie sie in den Annahmen demographischen Unternehmertums aufgeführt werden. Ausschlaggebend für den gewaltsamen Ausschluss und die Aufnahme einer bestimmten Bevölkerungsgruppe war neben Sicherheitsbedenken oft eine Mischung ideologischer, strategischer, religiöser und im weitesten Sinne ethnischer Erwägungen, die sich auch auf jene Teile der Gesellschaft auswirken konnten, die nicht aufständisch waren und kein reales Sicherheitsproblem darstellten. Das gleiche galt für neue Mitglieder der nationalen Gemeinschaft, die sich zu assimilieren hatten: alleine die Tatsache, aus sprachlicher oder religiöser Hinsicht einer Minderheit Anderer anzugehören, konnte ausreichend sein, um problematisiert zu werden.
Ausschlaggebend für die Entscheidung, neben dem Paradigma demographischen Unternehmertums auch diskursanalytisch vorzugehen, war zum Einen der Stand der Forschung: es gibt kaum verfügbare Historiographie zum Thema, die nicht den einseitigen Ansatz verfolgte, entweder nur die serbische oder nur die türkische Sicht auf das Geschehen zu berücksichtigen. Häufig handelt es sich um Beispiele apologetischer Geschichtsschreibung, in der die nationale Sicht auf Geschichte übernommen wird: der Staat wird in seinem Sicherheitsdünkel verstanden und das Geschehen nur in eine bestimmte Richtung gedeutet. Welche Auswirkung dies nicht nur auf den Stand der Historiographie, sondern auch auf das Fortwirken und die Möglichkeit der Re-Mobilisierung von Feindbildern haben konnte und kann, soll abschließend erörtert werden. Nicht zuletzt die Tatsache, dass auch nach der Zwischenkriegszeit wiederholt Minderheiten problematisiert und ihre Assimilierung oder Exklusion erwogen und in Angriff genommen wurden, war ausschlaggebend, sich nicht allein auf die Ereignisse der Zwischenkriegszeit zu beschränken. Es ist ein besonderes Anliegen dieser Arbeit, aufzuzeigen, wie die Verschränkung der Sicherheitsfrage mit der ethnischen Identität auch über Phasen realer Bedrohung hinaus noch ein erhebliches Mobilisierungspotential für staatliche Regime darstellen kann.
Weitere Gliederung
II. DEMOGRAPHISCHES UNTERNEHMERTUM IN DER TÜRKEI UND JUGOSLAWIEN ZWISCHEN DEN WELTKRIEGEN
1. DEMOGRAPHISCHES UNTERNEHMERTUM
1.1. Definition und Abgrenzung zu anderen Paradigmen
1.2. Praxisformen demographischer Unternehmer im historischen Kontext
1.2.1. Warum siedelt ein Staat ethnische Gruppen um?
1.2.2. Wie wird die Umsiedlung durchgeführt?
1.2.2.1. Staatliche Agenten
1.2.2.2. Staatsfeinde
1.2.3. Wann siedeln Staaten ethnische Gruppen um?
1.2.3.1. Bedrohung durch Rebellion
1.2.3.2. Bedrohung durch eine fünfte Kolonne
1.2.3.3. Die irredentistische Bedrohung
1.2.3.4. Der Staat erwirbt Neuland
1.2.4. Fazit: die Interdependenz inkludierender und exkludierender Maßnahmen
1.3. Zentrale Dokumente demographischen Unternehmertums der 1930er Jahre
1.3.1. Die Türkei: das Besiedlungsgesetz von 1934
1.3.1.1. Demographisches Unternehmertum der letzten osmanischen Jahrzehnte
1.3.1.2. Das Besiedlungsgesetz Nr. 2510 (İskan kanunu)
1.3.1.3. Ansiedlungsregionen
1.3.1.4. Die östlichen Provinzen und der Sicherheitsaspekt
1.3.1.5. Ansiedlung von Immigranten
1.3.2. Serbien: die „Interministerielle Konferenz über die Aussiedlung des nicht-slawischen Elements aus Südserbien“ von 1935
1.3.2.1. Die Entstehung Serbiens und die Vertreibung von Muslimen
1.3.2.2. Kolonisierung Südserbiens
1.3.2.3. Migration von Jugoslawien in die Türkei
1.3.2.3. Die Suche nach einer bilateralen Lösung
1.3.2.4. Die „Interministerielle Konferenz zur Aussiedlung des nichtslawischen Elements“
1.3.3. Das türkisch-jugoslawische Aussiedlungsabkommen von 1938
1.3.4. Fazit: Wenn demographische Unternehmer Minderheiten zum Sicherheitsproblem erklären
2. WER IST DIE NATION? DAS AUSHANDELN DER STAATSANGEHÖRIGKEIT IM HEGEMONISCHEN DISKURS
2.1. Die türkische Nation
2.1.1 Mustafa Kemals Erzählung des Unabhängigkeitskampfs als zentraler Text des nationalen Narrativs
2.1.2. Wer ist Türke?
2.1.2.1. Islam und Türkentum als Synthese
2.1.2.2. Der Einfluss pantürkistischer Tendenzen
2.1.2.3. Diskussionen über die Flüchtlingsaufnahme
2.2. Die serbische Nation
2.2.1. Der Kosovo-Mythos als zentraler Text des nationalen Narrativs
2.2.2. Wer ist Serbe?
2.2.2.1. Sanktsavaismus – die serbische Orthodoxie als corporate identity
2.2.2.2. Der serbische Jugoslawismus
2.2.2.3. Diskussionen über den Ausschluss nichtslawischer Muslime
2.2.3. Fazit: Als Muslim emigriert, als Türke immigriert?
2.3. Historiographie und hegemonischer Diskurs
2.4.1. Ordnungsprinzip Mythos?
2.4.2. Mythische Schranken für die Historiographie
III. SCHLUSSBETRACHTUNG
IV. ANHANG
1. Zeittafel
2. Synoptische Gegenüberstellung der Nationalmythen
4. Glossar
5. Literatur- und Quellenverzeichnis
Empfohlene Zitierweise:
Schad, Thomas (2011): Demographisches Unternehmertum in der Türkei und Jugoslawien: das Beispiel staatlich forcierter Migration jugoslawischer Muslime zwischen den Weltkriegen. Magisterarbeit des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin. Veröffentlicht auf der persönlichen Homepage des Autors Inkubator Metamorph, URL: https://wordpress.com/page/thomasschad.wordpress.com/2417.