Canis lupus und Canis lupus familiaris lauten die lateinischen Bezeichnungen für den Wolf und für den Haushund. Beide Formen von Canis gelten zoologisch als eine Art, obwohl doch zwischen beiden erhebliche Unterschiede bestehen, sodass sie in der vorherrschenden Wahrnehmung nicht als dieselben gelten. Während der Wolf (canis lupus) dem Menschen als sein "Anderes" galt (und gilt), wird der Haushund (canis lupus familiaris), der doch im Ursprung ein Wolf war (oder ist?) als der Menschen treuester Begleiter wahrgenommen. Hierzu habe ich eine sonntagabendliche Fotocollage aus zwei "hündischen" Canis-Metaphern gebildet, je ergänzt um ein, zwei Gedanken.
[Hermannova] Die achtsame Russischbrüllerin
Kennt Ihr das? Man läuft an einer Person vorbei, die extrem laut in ihr Handy brüllt und dabei scheint's allein auf der Welt ist. So geschehen zuletzt am gestrigen Sonntag auf der #Hermannova, im kleinen Park zwischen Flughafenfeld und Hermannstraße, wo die stolzen Platanen ragen, wo vorher ein Friedhof lag; wo wir uns auf einer Einflugschneise befinden, die von einer anderen Zeit zeugt, in der sich die folgende Szene ganz gewiss nicht zugetragen hätte. Wer allein auf der Welt ist, sich aber innerlich so stark über die Welt aufzuregen hat, dass die Wallung, dass die Rage im Ganzen, plötzlich und laut hinaus müssen, setzt sich auf einen der herumliegenden, halbborkenen Baumstämme, zückt das Smartphone und brüllt einen 20minütigen Monolog in die vergessene Welt. So ist das zumindest hier, auf der #Hermannova.
[Pandemos][Francorum] Schlüsselblumenzeit (III)
Die erste selbst erlebte Katastrophe kam im letzten Kindergartenjahr. Heute, am 26.4.2021 ist das 35 Jahre her, und ich erinnere mich trotz meines geringen Alters noch ziemlich scharf umrissen an die Stimmung. Diese trat allerdings zeitversetzt ein, um sich erst allmählich zu einem Katastrophenbewusstsein auszuwachsen: kein Sandkasten, keine Pilze, kein Waldboden, kein Regen (...)
[Gedicht] Mit dem Fahrrad an den Atlantik fahren
Am Körper Hand anlegen, Und nur noch von dünnen Pflanzen leben. Sich den Kopf kahl rasieren, Und mehr Leerheit riskieren. Weg mit den dichten Haaren, Und fort mit den fetten Jahren. Schließlich am Fahrrad Hand anlegen, Und ganz bis an den Atlantik fahren.
[Pandemos] Garnichts (Flucht in den Grunewald)
Leichter Schlaf, frühmorgendliches Wach -- dann wieder umdrehen. Den Wecker nicht respektieren: du bist nur ein Handy, dich drück' ich weg. Forcierte Wachträume: ich fahre durch ein Parkhaus für Spielzeugautos, alles auf Plastik, das könnte jetzt endlos so weitergehen. Bis das Kissen zu Stein wird. Ein plagendes Gewissen: dieses nicht gemacht, jenes nicht gemacht - aber alles gemacht haben wollen. Überhaupt, wollen: wo ein Wille, da ein Weg / wo kein Herr, da die Wege verschlungen. Bequem, daran zu denken, dass es ganz weit da draußen eine Whirlpoolgalaxie gibt: Spiralgalaxien, schwarze Löcher -- um die sich vielleicht nicht alles dreht, die aber alles in sich ziehen. Wo ganze Sonnen zu Garnichts werden. Das Wetter graut, das Wetter komplementiert, und ich glaube nicht, dass der strahlend blaue Himmel der vergangenen Tage etwas wesentlich geändert hätte, hinter meinem schweren, roten Vorhang aus Kargradsamt. Ich denke manchmal daran, wie E. früher immer gesagt hat "ich friere mich" anstatt "ich friere"; "meine Öhren" anstatt "meine Ohren", und wie E. gefragt hat "Stehst du nicht?" anstatt "Stehst du nicht auf?" Ich stehe also auf, und es besteht wieder Aussicht auf Kaffee, der zuerst schwer und alt durch seine Bialetti röchelt. Der riecht, der treibt erst in den Tag hinein. Wird es wieder ein Tag, an dem sich quasi gar nichts schafft? Von diesem gar nichts ist jener Anteil von Garnichts schon entfernt, der zwar gar nicht Garnichts ist -- der aber so erscheint, weil ihn dir niemand anrechnet. Ich ahne freilich, dass es auf genau jenes Garnichts schwer ankommen könnte -- kann und will aber wiederum gar nichts genaueres sagen. "Das möchte ich nicht", sagt eine rheinische Kunstfigur, sitzt in ihrem Bett und trinkt Kaffee. Da schwinge ich mich aufs Rad, doch da sind überall Menschen, die auch nicht wissen, wohin sie mit sich sollen. Hat kein Club, hat kein Bar -- hat aber auch kein Hemmung, hat kein Halten mehr. So quellen sie in die Klimaparks. Sie tun mir zwar beide leid, die Klimaparks, die Klimaleute: sie sind mir aber auch beide viel zu viel. Dazu das drohende, kommende Garnichts. Ich entfliehe ihm wenigstens vorher recht erfolgreich, für viereinhalb Stunden: es ist die Flucht in den Grunewald. Dort herscht ein anderes Klima, dort baden sie an, dort ist echter Wald, dort waldbaden sie.
[Klima] „Cemre havaya düştü“: über die Aussagekraft einer anatolisch-balkanischen Bauernregel während des Hochklimawandels
Was am 19. Februar 2021 mit dem Wetter in Deutschland geschehen ist, halte ich für absolut bemerkenswert. Andererseits war dieser naturräumliche Vorgang offensichtlich auch sehr schwer in (deutsche) Worte zu fassen: dies zeigt allein ein Blick auf die Tagespresse, wo immer wieder das völlig unangemessene, stereotypische Understatement eines Hauchs von Frühling bemüht worden ist.1 Es... Continue Reading →
[Pandemos] Mittendrin: wie einer Freiwilligenkollegin die Zeit ausging. In memoriam Meike († 3.2.2005)
Meike Schneider ist am 3. Februar 2005 viel zu früh gestorben -- vor inzwischen bereits unglaublichen 16 Jahren. Alle FreiwilligenkollegInnen von früher werden sich aber mit Sicherheit noch "wie gestern" an Meike erinnern. Ich will einerseits ein paar Erinnerungen teilen, doch der eigentliche Anlass für diesen Beitrag (neben dem 16. Jahrestag) sind zwei Zitate aus... Continue Reading →
[Foto] Endlich Schnee (Berlin’e kış geldi)
Bu karlı kışlı fotoğraflar Berlin'dendir -- fakat Berlin'lilere değil, Berlin'de olmayanlara, Berlin'e gelsinlere ekledim. Baştan üzere Cemal için. Cüneyt, Funda, Zeyno, Nehir'e bir "gelin!" çağrısı olarak paylaşıyorum. Ne olursa olsun gelin, bir gün. Gezdiririm sizi -- o gün. Gözlerim açık.
[Rückblick 2020] Alle Beiträge (I-VI) des Jahresrückblicks
Meine Gedanken zum zurückliegenden Jahr 2020 sind nicht tröstlich. Aber sie sind, wie ich finde, erbaulich -- was auf mehr als Trost hinausläuft. Und in diesem Fall ist mehr wahrscheinlich tatsächlich besser als weniger.
[Rückblick 2020] [VI] Epilog zum Zeitgeist: die Fresswelle ist vorbei
Den "Zeitgeist" könnte man als Bild wie ein großes Triptychon in drei Aspekte gliedern: der erste Flügel zeigte das Geborensein oder die Natalität: unsere Kindheit. Im Mittelteil wäre die Lebensblüte oder Vitalität abgebildet: unsere Berufstätigkeit. Drittens, in der Jetzt-Zeit, ginge es um das Lebensende, wo eine Stimmung der Morbidität vorherrschte: Rente, Ende des Systems und Tod. Doch was soll daran jetzt erbaulich sein?
[Human Security] An urgent appeal on behalf of refugees stranded in Bosnia and Herzegovina
We, the undersigned, are angered and distressed by the appalling circumstances in which a group of people in the Lipa area, near the town of Bihać in Bosnia and Herzegovina, have been living for months in makeshift camps. Their living conditions are appalling and subhuman. There are 700 refugees currently eking out an existence in Lipa; the situation that faces thousands more throughout the border region is unknown.
[Rückblick 2020] [V] Oktober, November & Dezember
November war ein bald gelber, bald orangeroter Monat. Ich beobachtete, wie eine fränkische Kirsche den aufgestauten Dürrestress aus sich herausfließen fließ — doch dabei orakelte sie auf abhorrente Weise das Antlitz des US-amerikanischen Trash-Präsidenten.
[Rückblick 2020] [IV] Juli, August & September
Es waren keine Gäste dabei, es gab kein Buffet und keine Feier — dafür gab es aber auch keinerlei Nervosität, kein Lampenfieber und keinen Stress. Es war, wie es war — und jetzt war es um. Heinrich Heine aber blieb: ich las und schrieb immer weiter.
[Rückblick 2020] [III] April, Mai & Juni
Im Osternest lag dieses Mal wertvolles Desinfektionsspray für die Hände, und auch ansonsten war alles anders. Es zeigte sich ein Supervollmond, die Natur erwachte mit voller Kraft, und der Anblick der Schlüsselblumen bewirkten bei mir eine innere Zeitreise zurück zur ersten selbst erlebten Katastrophe: Tschernobyl.
[Rückblick 2020] [II] Januar, Februar & März
Im März dann der Schock: das Klopapier war alle! Corona war jetzt vollkommen da. Der Hashtag #StayTheFuckHome avancierte zum Gebot der Stunde, die EuropäerInnen klatschten dem Krankenhauspersonal von den Balkonen, und ich fuhr in einem gespenstisch leeren ICE durch gleißenden Sonnenschein in die Rhön.