[NEOPOP] Vergleiche, Reflexe, Sanktionen: Abwägungen im Eifer des Gefechts

Vor ein paar Tagen bin ich mit einer Freundin in einen unerwartet intensiven Austausch geraten, der vielleicht solchen Situationen zueigen ist – was auch immer solche Situationen sein sollten: etwa Weltkriegsvorabende? Sie äußerte, dass sie gerade selbst überhaupt nicht wisse, was man machen könnte oder sollte. Im Eifer des Gefechts habe sie außerdem das Gefühl, in einem Meer unterschiedlicher Informationen, Meinungen, Denkwege und dazu noch begrenzter Verständnismöglichkeiten unterzugehen (Russisch, Ukrainisch). Was soll man dazu sagen? Mir geht es natürlich ähnlich. Ich meine nicht die Möglichkeit, sich an Soforthilfe für ukrainische Geflüchtete zu beteiligen, was jetzt sehr viele Freund:innen in Berlin und in ganz Europa tun und was ganz hervorragend ist. Ich meine, dass es jetzt darum gehen muss, zu verstehen, wie es soweit kommen konnte, und was dagegen zu tun ist. Ich versuche das über zweierlei Wege: erstens, indem ich andere Formen der Solidarität in Zuständen brachialer Gewalt betrachte, und zweitens über die Einbeziehung nicht-putinistischer Neopopulisten.

[NEOPOP] „Herausfinden, wo jetzt die eigene Verantwortung liegt“ (Grigori Judin)

Der russische Soziologe Grigori Judin wird hinsichtlich des Dilemmas, was jetzt zu tun ist – zumindest, wie ich es für mich verstehe – auf der gerade sehr wertvollen Seite Дekóder mit den folgenden Worten zitiert: "Das ist eine Frage ihrer Beziehung zu Gott. Wissen Sie, wir sind jetzt an einem Punkt, der bei allem, was daran einmalig ist, doch an die Ereignisse des 20. Jahrhunderts erinnert. Hannah Arendt hat dazu sehr richtig gesagt, dass es Zeiten gibt, in denen man sich eingestehen muss, dass man die Welt im Ganzen nicht ändern kann. Man muss herausfinden, wo jetzt die eigene Verantwortung liegt – was man tun muss, um weiter mit sich leben und in den Spiegel schauen zu können." Judin, der laut Дekóder am 24. Februar bei einem Antikriegsprotest in Moskau zusammengeschlagen worden ist, spricht hier Parallelen zu den Jahren 1938 und 1939 an. Seine historischen Argumente verdienen natürlich eigene Vertiefung -- aber ich sehe hier auch einen Hinweis auf die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts: genau wie damals ist heute, nur ein gutes Vierteljahrhundert später und anlässlich der Ukraine-Invasion durch das Putin-Regime Russlands, erneut von einer Zeitenwende die Rede.

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