[Feld] Extremer Rückzug ins Schreiben. Oder warum die Dissertation bis August fertig sein muss.

Der Stand der Dinge

Dieser Beitrag entsteht im Nachtrag zum gestrigen Treffen mit meinen beiden Betreuern, als ich beiden dargestellt habe, in welcher Phase des Schreibprozesses auf dem Weg zum fertigen Dissertationstext ich mich gerade befinde. Ich befinde mich, „gefühlt“, in einem weit fort geschrittenen Prozess. Auf solche „Gefühle“ ist jedoch kein Verlass. Die Frage ist eher: was steht schon auf dem Papier? In Ermangelung der nötigen Stetigkeit und in Folge von Krisen, wie sie vielen Schreibenden bekannt sein dürften (Stichwort: Winter in Berlin), zeichnet sich das Ende des Dissertationstextes noch nicht einmal ansatzweise ab. Auch wenn das fertige Buch in meinem Kopf seit einiger Zeit existiert. 3D-Drucken für Doktoranden der Geistes- und Sozialwissenschaften gibt es aber (zum Glück) nicht, weshalb alles — also: Alles, auch ungeachtet meiner etwa zweihundertseitigen Versatzstücke — erst noch niedergeschrieben und dabei schreibend im ganzen Stück durchdacht werden will. Und zwar in einem neuen, autonomen Text, und nicht in irgendeinen bestehenden Artikel hineingepfuscht. Sobald nämlich irgendwas irgendwo hineingepfuscht wird, fließt es nicht mehr. Und nur wenn es fließt, ist es gut.

Was sich hingegen sehr konkret abzeichnet, ist das Ende des Förderzeitraums durch ein großzügiges DFG-Stipendium. Was, sofern ich es zuließe, Zukunftsängste aufkommen lassen könnte:

Was soll dann sein? Wie bezahle ich dann meine Rechnungen?

Zukunftsängste und Angst insgesamt sind aber nichts für mich. Ich war noch nie ein großer Freund der Ängste. Auch wohlmeinende Ratschläge, die gegeben werden, um Ängste zu verhindern, schlage ich tendeziell aus. Ich habe mir in meiner rebellischen und weitestgehend selbstbestimmten Jugend in Umgebung großer Einfalt und provinzieller Lateinschulen-Mentalität, wo schreiben teils nur gegen große Widerstände möglich war — Zensur inbegriffen — zum Glück die Fähigkeit aneignen können, niemals Angst zu verspüren. Zumindest immer dann nicht, wenn ich das so entscheide.

Und schon gar nicht Angst vor Schreiben, Denken, Sprechakten.

Und das ist auch erst einmal gut so. Trotzdem setzt das näher rückende Stipendienende einen Rahmen, den ich respektvoll im Auge behalten muss. Aber ohne Angst und Panik. Es wird jetzt geschrieben und geflossen.

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Die Entscheidung, es fließen zu lassen

Gestern, auf den gemütlichen Sesseln im Foyer der Berliner Staatsbibliothek sitzend und besprechend, sind drei Meinungen so zusammengeflossen, dass ich heute beschlossen habe, eine Verlängerung meines Stipendiums nicht zu beantragen. Einerseits habe ich mit Zurückweisungen kaum Erfahrung, und würde eine solche womöglich nur schwer in Kauf nehmen können; andererseits mögen doch die Stipendienzahlungen zum vorgesehenen Zeitpunkt bitte enden. Genauer gesagt gäbe es, ab September, auch gar keinen Grund mehr für weitere Förderung. Zumindest hoffe ich das. Und es sei ausdrücklich gesagt, dass ich für die bisherige Förderung sehr dankbar war und bin (auch wenn in meinem Hinterkopf der Gedanke neckt, dass der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber ja normalerweise auch nicht dankbar ist für seinen Lohn; aber das will ich hier nicht ausführen). Die Dissertation, so der Beschluss, wird zum vorgesehenen Zeitpunkt nämlich abgeschlossen sein. Ja, besonders dank beider Stipendien, dank „Bedingungen weitestgehender Handlungsentlastetheit“ (als Hommage an Pierre Bourdieu, den wir auch erwähnten), und dank der Graduiertenschule.

Aber zwischen diesem immer wieder formulierten Beschluss und dem fertigen Dissertationstext steht — das braucht man gar nicht zu relativieren oder zu unterschätzen, oder sich mit irgendwelchen „gefühlten“ Fortschritten an der Nase herumzuführen — ein langer Akt großer Konzentration, in dem es außerdem fließen muss. Um die Fließmetapher weiter zu denken: der Kraftakt besteht vielleicht momentan darin, die Staumauer zu sprengen.
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Es gilt jetzt, noch einmal sehr kurz zurückzublicken, um mich sicher davon zu überzeugen, wie gut das Vorgenommene realisierbar ist. Denn alles ist machbar. Sonst bräuchte ich gar nicht erst anzufangen. Dann gilt es zu planen, wie dieser gefestigte Beschluss in die Tat umzusetzen ist. Ich beginne also mit einer kurzen Revue dessen, was mich dahin gebracht hat, wo ich mich jetzt befinde, und aus welchen Erfahrungen der Vergangenheit ich zehren kann. Im Anschluss werde ich einen Plan für einen extremen Rückzug ins Schreiben formulieren. Ich schreibe das alles aus einer ernsthaften Motivation heraus, werde aber dabei immer wieder unsachlich bis albern. Denn Schreiben über das Schreiben wäre sinnlos und entbehrte jeden Unterhaltungswertes, gäbe es kein delectare. Vollständig heißt es ja so schön, wie man es uns auf der fränkischen Lateinschule in fast allen Fällen erfolglos lehrte: prodesse et delectare — also nützen und erfreuen. Und so kann der ehemalige Lateinschüler auch mal beim alten Horaz nachlesen und zitieren: Aut prodesse volunt aut delectare poetae / aut simul et iucunda et idonea dicere vitae.

Das gute Schreiben

So wie ich im Moment schreibe ist es jedenfalls nicht ideal. Im Moment schreibe ich zu Hause, wo ich mir mittlerweile zwei Schreibtische eingerichtet habe. Der eine Schreibtisch steht in meinem Wohn-Ess-Bereich in Gestalt eines alten Sekretärs aus der Zeit vor der Mauer, der mir einst ohne größeres Zutun ins Schlafzimmer gestellt wurde, und um den mich seitdem Viele beneiden. Ich kann jedoch an diesem Sekretär nicht schreiben. Und so habe ich schon oft mit dem Gedanken gespielt, ihn unten vor dem Haus zwischen die parkenden Autos zu stellen, wie man das in Neukölln halt so tut: mit Sofas, Betten, Matratzen, Fernsehgeräten, Lattenrosten, Kühlschränken, Regalen, Brettern, und was man halt sonst so los werden will. Ja, auch Gegenstände haben eine „agency“, und mit dem schönen Sekretär und mir wird das einfach nichts mehr. Bis über seinen weiteren Verbleib entschieden ist, habe ich mir gesagt, dass ich an ihm nur verhasste bürokratische Vorgänge bearbeiten werde, wofür er sich durch seine Pressholzfächer auch gut eignet.

Der zweite, eigentliche Schreibtisch steht in meinem Schlafzimmer, und ihn habe ich seit der ersten Berliner Wohnung in der Leinestraße als Küchentisch benutzt. Letzten Herbst habe ich den Küchentisch als Institution ersatzlos abgeschafft, indem ich ihn ins Schlafzimmer migriert habe. Ich habe mir gesagt: das ist der Ort, wo ich denken und schreiben kann. Nordseite, kühl, gemäßigt hell, vollkommen still. Diese Arbeitsplatzteilung sabottiere ich allerdings genauso lange, wie sie existiert – etwa, indem ich gerade auf dem Sofa sitzend im Wohn-Ess-Bereich schreibe, und vor mir auf den Sekretär blicke, der in der Nachbarschaft eines Ikea-Küchenmöbels steht, auf dem sich thematisch gegliederte Büchertürme stapeln. Dort, wo ich diese eigentlich bearbeiten müsste, also im Schlafzimmer, ist angeblich kein Platz. In Wahrheit müsste man Löcher bohren und Regale anbringen.

Es muss eine nicht nur symbolische oder halbherzige Zäsur her. Die Idee ist, dass ich den Ort des Schreibens wechsle. Und dass die Zeit des Schreibens durch äußere Taktung eine Geschwindigkeit bekommt. Ich werde jetzt nicht auf meinen Büroarbeitsplatz eingehen – denn ich will auf etwas sehr viel Extremeres hinaus.

Die Magisterarbeit als Erfahrungswert

Was habe ich mich nicht jahrelang gequält, bis sie abgeschlossen war! Allerdings war sie effektiv niedergeschrieben in knapp drei Wochen, und zwar unter nicht idealen Bedingungen, an fremdem Schreibtisch, im Dorf meiner Mutter. Dort habe ich das „Zwischen-den-Jahren“ um ein paar Wochen verlängert, und Tag und Nacht durchgeschrieben. Für Essen und alles weitere war gesorgt. Das ganze Berlin um mich herum war weg. Meine Magisterarbeit musste in einem Rutsch herunter geschrieben werden, und dankbarerweise hat mir Kristina mit den Formatierungen geholfen. Ich war selbst über mich erstaunt: es war also möglich, eine 130seitige Arbeit in drei Wochen niederzuschreiben! Ich habe in Berlin einen Doktorandenkollegen getroffen, der mir erzählt hat, er habe seine Masterarbei in einer Woche niedergeschrieben. Was ich ihm auch glaube. Übrigens war ich selbst mit dem Ergebnis der rasch niedergeschriebenen Magisterarbeit sehr zufrieden, und meine beiden Gutachter haben die Arbeit mit einer glatten Eins bewertet. Wegen dieser extremen Erfahrung weiß ich ganz genau, dass es möglich ist — möglich sein muss — eine 250seitige Arbeit in der doppelten Zeit, also in sechs Wochen, niederzuschreiben. Ich wurde übrigens gebeten, keine längere Arbeit zu schreiben, und das habe ich auch nicht vor. Längere Arbeiten werden sowieso überbewertet.

Der Ort des Rückzugs darf hässlich sein

Was suche ich? Ich suche einen gestrengen Ort zum radikalen, kompromisslosen Rückzug zum Zwecke des Bändigens und Niederschreibens meiner Dissertation. Man kennt solche Orte oft unter der denglischen Bezeichnung Retreat, was es wohl yogischer, mindfuler, zeitgeistiger machen soll. Ich möchte aber kein reetgedecktes Haus an der Ostsee mit Ingwertee-Geruch und bunten Blüten im Löwenzahnsalat, mit einem netten Betreiberehepaar, das einen in der Einladung liebenswürdigerweise daran erinnert, eigene Hausschuhe mitzubringen.

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So heruntergekommen muss es nicht sein. Aber immerhin reetgedeckt.

Bevor ich über die absonderlichen Eigenschaften des idealen Ortes schreibe, den ich mir vorstelle, will ich einen Tausch vorschlagen. Vielleicht liest diesen Text ja jemand und kennt einen Menschen, der an so einem Tauschgeschäft Interesse hätte: ich möchte einen geeigneten Ort gegen meine ferienwohnungshafte, schöne Berliner Dachgeschosswohnung zu günstigem Preise eintauschen. Idealerweise kostet mich das gar nichts. Ab dem 15. Mai, bis zum 15. August. Zwischendurch müsste ich eventuell hie und da die Berliner Wohnung betreten dürfen, um Bücherstapel vom Ikea-Möbel auszutauschen, was aber nicht mehr als drei Mal passieren darf. Es dürfen nur Leute bei mir einziehen, die vor dem Griff zu Putzmitteln nicht zurückschrecken, und in dieser Hinsicht begegne ich alleinstehenden Männern mit ärgstem Misstrauen. Will aber auch niemanden diskriminieren. Zuwiderhandelnde werden jedenfalls mit Schmähklatsch und einer Putzpauschale bestraft. Sich Betragende dürfen hingegen eventuell mit einer noch nicht spruchreifen, längeren Untervermietung ab Herbst rechnen.

Was nun also den Ort angeht, den ich suche, so wäre für mich ideal ein Haus, ein Hof, oder etwas klosterähnliches, wo man mir früh um sechs einen Eimer eiskalten Wasser über den Kopf schüttet, mich dann zwei Stunden im Internet springen lässt, um dieses dann unerbittlich bis in die frühen Abendstunden abzusperren. Ich befürworte das, was ich ansonsten ablehne: es möge Rituale geben, die den Tag in drei Stücke mit jeweiligen Davors und Danachs einteilen. Ich ließe mich auf klösterliche Zwänge ein, wie Meditation, Sport, Kartoffeln schälen. Hinfort auf einmal alle Selbstbestimmung! Beginne ich zu verstehen, wieso die Leute sich jetzt alle so sehr wünschen, in einer Diktatur zu leben?

Ich suche keine Gesellschaft, kein Geschwätz, auch keinen Erfahrungsaustausch mit „Leidensgenossen“. Es gibt keine Leidensgenossen, keinen Erfahrungsaustausch: jeder schreibt für sich allein. Klar ist Austausch meistens wichtig. Aber nicht jetzt. Austauschanhänger können danach die Arbeit lesen. Dann reden wir über alles. Jetzt braucht es hingegen dringend die Leute mit dem Wassereimer, die mich an den Schreibtisch zwingen, und die auch für alle weiteren Zwänge verantwortlich sind: ich muss mich zu nichts selbst zwingen müssen, sondern werde gezwungen. Auch entgegen allen Sonnenscheins, der sich nicht verhindern lässt. Ich hoffe zwar weiterhin auf einen schlechten, kalten und verregneten Sommer; da sich aber in den letzten Tagen die Wahrscheinlichkeit eines sonnigen Sommers abzeichnet, wäre es wünschenswert, wenn die Zwänge des betreffenden Ortes kurze Einheiten vorsähen, in denen sich märkischer Sand eines sauberen Strandes zwischen den nackten Fußzehen fühlen ließe. Sprünge von einer alten Weide in den See und dergleichen Kitschbilder mehr. Schließlich gibt es dieses Jahr keinen Urlaub. Denn es wird geschrieben und geflossen. Und belegt.

Zum Ort wäre weiterhin zu charakterisieren, dass er mit größter Wahrscheinlichkeit im Osten liegt. Eine schlechte, umständliche Anbindung an Berlin mit der Regionalbahn ist denkbar und akzeptabel. Es darf auf keinen Fall ein bayerisches oder schwäbisches Dorf sein, das sich nach innen hin alle fünf Jahre sein Fachwerk neu verputzt, aber nach außen hin Neubausiedlungen baut, die aussehen wie im Film Edward mit den Scherenhänden, und wo jeder eine Doppelgarage und ein Carport hat. Mit kleinen Eibenbäumen im pseudo-japanischen Stil davor, die sie sich zurecht schneiden. Oder von Edward mit den Scherenhänden zurecht geschnitten werden. In einem Bett aus weißen Kieselsteinen.

Das möchte ich nicht.

Der Ort soll auch in keinem anderen Sinne „schön“ oder anheimelnd sein; es darf ein Ort sein, von dem man lieber wieder weg möchte, der gerade verlassen und aufgegeben wird, demographisch „geht“, und wo einen auch niemand unbedingt besuchen will. Ich will aber andererseits auch keine Reichsbürger oder Nazis um mich herum haben. In dem Ort, der vielleicht als einzelnes Bauwerk der Versteppung trotzt, vereinen sich herunter gekommene DDR, wo die einfachen Behausungen noch braunkohlegeschwärzte Wände aufweisen, mit preußisch-protestantischer Strenge und Schlichtheit. Ob die Leute mit dem Wassereimer freundlich sind oder nicht, ist sekundär. Vielleicht sind sie besser ein bisschen unfreundlich, denn dann kommt es weniger wahrscheinlich zu zerstreuerischen Schwätzereien.

Idealerweise muss ich mich nicht allumfassend ums Essen kümmern, lasse mich im Gegenzug aber zu niederen Tätigkeiten wie Abspülen zwingen. Solange nur die Menschen mit dem Wassereimer Regie führen, einkaufen, portionieren und entscheiden, wann, was und wieviel gegessen wird. Gewürzt wird mit Salz und Pfeffer. Es ziehen auch keine Essensgerüche an den Arbeitsplatz, und ganz gewiss keine solchen von gebratenem oder gekochtem toten Tier. Das Essen wird einfach und knapp gehalten, so dass gerade das Gefühl des Hungers nicht aufkommt. Eine rustikale und billige Kartoffel-cum-Karotten Basis. Im gestrigen Gespräch fiel der nicht ganz ernst gemeinte Satz, dass in der bevorstehenden Zeit des extremen Schreibens eine Gewichtszunahme um zehn Kilo zu erwarten sei, und dass diese zehn Kilo auch nie mehr weg gehen würden. Nein, das darf nicht sein! Mir ist vor zwei Wochen eine Hose geplatzt, und ich kann auch kaum mehr eine für diese Jahreszeit taugliche Jacke anziehen. Die zehn Kilo habe ich schon mal vorgearbeitet, sozusagen. Das einzige, was es in Überfluss gibt, ist Kaffee aus einer einfachen Kaffeemaschine. Es gibt keine Infrastruktur wie Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants.

Das klingt nach einem guten Plan. Wer von einem solchen Ort weiß: bitte Bescheid sagen! Vielen Dank!

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